Mysterium um einen toten Fussballer

1979 setzte sich der DDR-Nationalspieler Lutz Eigendorf in den Westen ab. Vier Jahre später starb er nach einem Autounfall. Wurde er von der Stasi ermordet?

Eigendorf 1983 als Spieler von Eintracht Braunschweig – seine Flucht war auch eine Beleidigung von Stasi-Chef Mielke, dessen Lieblingsteam Berliner FC Dynamo er verliess. Foto: Imago

Eigendorf 1983 als Spieler von Eintracht Braunschweig – seine Flucht war auch eine Beleidigung von Stasi-Chef Mielke, dessen Lieblingsteam Berliner FC Dynamo er verliess. Foto: Imago

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5. März 1983, kurz nach 23 Uhr: Der sechsfache DDR-Nationalspieler Lutz Eigendorf kracht mit seinem Alfa Romeo GTV 6 im Braunschweiger Stadtteil Querum in einen Baum. Eigendorf – er ist nicht angeschnallt und hat 2,2 Promille Alkohol im Blut – zieht sich schwere Kopf- und Brustverletzungen zu. Anderthalb Tage später stirbt er im Krankenhaus. Nur ein schlimmer Unfall eines Fussballers, der zu viel getrunken hatte? Oder doch eine perfide Racheaktion des DDR-Geheimdiensts, weil Eigendorf für diesen ein Verräter war?

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Der 2010 verstorbene Bundesliga-Trainer Jörg Berger, einst selbst auf einer Länderspielreise in den Westen ­getürmt, sagte: «Es war zu 95 Prozent Mord.» Auch der pensionierte Braunschweiger Oberstaatsanwalt Hans-­Jürgen Grasemann stützte die These und sprach von einem Mysterium: «Der letzte Beweis fehlt, aber der riesige Aufwand der Stasi lässt den Schluss zu, dass entweder die Tötung oder eine Entführung geplant war.»

Zeugen, die Eigendorf vor der Fahrt in den Tod gesehen hatten, beteuerten, er habe nicht übermässig getrunken. Nicht annähernd so viel jedenfalls, wie für 2,2 Promille nötig gewesen wäre. Und es gibt noch ein stärkeres Indiz: In den Unterlagen der DDR-Staatssicherheit fanden sich neben dem Namen des Sportlers Aufzeichnungen zu verschiedenen Mordmethoden und entsprechenden Vertuschungsmöglichkeiten.

Agenten der Stasi sollen dem bei ­Eintracht Braunschweig unter Vertrag stehenden Eigendorf einen Cocktail aus Gift und Alkohol eingeflösst haben, ehe sie ihn in seinem Sportwagen scheinbar entkommen liessen. Dafür, dass der Fussballer schliesslich in den Baum fuhr, sei eine gezielte Blendeaktion mit dem Fernlicht eines Autoscheinwerfers verantwortlich gewesen. «Verblitzen» hiess dieses Vorgehen im Geheimdienstjargon – der Begriff taucht auch auf einer Akte aus der Stasi-Zentrale auf. Zudem erhielt der Geheimdienstoffizier Heinz Hess just an Eigendorfs Todestag eine Sonderprämie von 1000 Ost-Mark. Alles nur Zufall?

Mehr als 50 Spitzel

Dass Eigendorf der Staatssicherheit ein Dorn im Auge war, ist unbestritten. Mehr als 50 Spitzel schnüffelten ihm und seiner in der DDR verbliebenen Familie hinterher, nachdem er sich im Frühling des Jahres 1979 während eines Trips in den Westen von der Mannschaft des Berliner FC Dynamo abgesetzt hatte. Der ehemalige Boxer Karl-Heinz Felgner alias IM Schlosser wurde sogar eigens in die Bundesrepublik geschleust, um sich in Eigendorfs Freundeskreis einzuschleichen und detaillierte Informationen über die Lebensgewohnheiten des Bespitzelten zu liefern. Felgner erklärte später, er habe den Auftrag zur Ermordung Eigendorfs erhalten, sich dem ­Befehl aber entzogen.

Eigendorfs demolierter Unfallwagen. Foto: Imago

Doch warum der ganze Aufwand? Der Berliner FC Dynamo, das war nicht irgendein Fussballclub, sondern das Lieblingsteam des mächtigen Stasi-Chefs Erich Mielke. Den vom Volk als «weinrote Sicherheitsfussballer» verspotteten Berlinern den Rücken zu kehren, war nicht nur Republikflucht, sondern auch noch eine persönliche Beleidigung Mielkes.

Mielke stand wie kein Zweiter für die dunklen Seiten der DDR, für Repression und Überwachung. Man braucht nicht viel Fantasie, um sich auszumalen, dass er keine moralischen Vorbehalte gegen die Ermordung von Lutz Eigendorf ­gehabt hätte, zumal er schon 1931 als junger Kommunist an einem Mordkomplott beteiligt gewesen war. Den Fussball manipulierte der stalinistisch ­geschulte Funktionär, wo er nur konnte. Sogar in der eigentlich gleichgeschalteten DDR-Sportpresse gab es Berichte über die krasse Bevorteilung des BFC durch die Schiedsrichter. Dass der ­Verein zwischen 1979 und 1988 zehnmal in Folge Meister wurde, wäre ohne den Stasi-Chef nicht möglich gewesen.

Die Sache mit dem Kredit

Der vom Bundesland Thüringen mit der Sichtung der Eigendorf-Akten beauftragte Jurist Stefan Laskowski kam trotz all der Ungereimtheiten im Fall Eigendorf 2014 zum Schluss, dass die Mordtheorie nicht viel hergebe. Er kann sich nicht vorstellen, dass Agenten der Staatssicherheit so amateurhaft agiert hätten. Was wäre passiert, wenn Eigendorf den Anschlag überlebt hätte, wenn er nicht in den Baum gefahren, sondern am nächsten Tag mit der Geschichte von den DDR-Agenten zur Polizei gegangen wäre?, fragt Laskowski. «Wenn ich so eine Tat plane, muss sie auch klappen.»

Ein weiteres Argument gegen die Mordtheorie: Zur Zeit von Eigendorfs Tod verhandelte die DDR mit der Regierung im Westen über einen Milliardenkredit, den der notorisch klamme Arbeiter- und Bauernstaat dringend benötigte. Hätten Mielke und die Staatssicherheit es wirklich in Kauf genommen, mit einem Attentat auf fremdem Terrain diese Verhandlungen zu gefährden?

Ob Lutz Eigendorf nun ermordet wurde oder nicht, die Drohung «. . . oder dir ergeht es wie Eigendorf» avancierte zum geflügelten Wort. Der Tod des Fussballers, der Mielke so enttäuscht hatte, eignete sich ausgezeichnet, um fluchtwillige Athleten abzuschrecken.

Die intensivierte Prüfung

Die Überprüfung von Sportlern, die eine Reise ins kapitalistische Ausland antreten sollten, war schon nach Eigendorfs Flucht noch einmal intensiviert worden. So kam es im Januar 1981 auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld zur Verhaftung der drei Dresdner Gerd ­Weber, Matthias Müller und Peter Kotte, die eigentlich mit der Nationalmannschaft nach Südamerika reisen sollten. Weil der 1. FC Köln versucht hatte, ­Weber abzuwerben, und dieser seine beiden Kollegen einweihte, trat die Stasi auf den Plan. Die warf dem Trio «versuchte Republikflucht» vor. Weber wurde schliesslich zu zwei Jahren und drei ­Monaten Haft verurteilt, elf Monate ­davon musste er absitzen. Aus dem Leistungsfussball wurde er wie Müller und Kotte auf Lebzeiten verbannt.

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Erstellt: 28.04.2016, 22:54 Uhr

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