Astrologe Federer und der genervte Djokovic

Die letzten Stunden vor dem Wimbledon-Final – und was diesen entscheiden wird.

Die Highlights des Gigantenduells: Im Halbfinal gegen Rafael Nadal spielte Roger Federer wie aus einem Guss. Video: AP

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Jarkko Nieminen hat die Hand eingebunden, als er über den «Player’s Garden» neben dem Centre Court läuft. «Ich habe mir die Finger in einer Tür eingeklemmt», sagt er kopfschüttelnd. «Zum Glück ist mir das erst heute passiert.» Denn am Freitag hatte der finnische Linkshänder noch eine wichtige Aufgabe: Er musste Roger ­Federer für den Halbfinal einspielen. Offensichtlich machte er seinen Job gut. Federer stürmte zum Sieg über Rafael Nadal. Nieminen winkt lächelnd ab: «Ich glaube, Roger hätte sich auch an der Wand aufwärmen können und trotzdem fantastisch gespielt.»

Nieminen ist zwei Wochen älter als Federer, sie kennen sich schon aus Juniorenzeiten. «Ich war stets beeindruckt von Roger», sagt der 37-Jährige, der es bis auf Rang 13 schaffte. «Aber was mich am meisten verblüfft: Die Jahre gehen vorbei, und er spielt immer noch so gut. Vielleicht sogar besser. Wie er sich gegen Nadal bewegte, unglaublich!»

In Wimbledon ist Nieminen als Kommentator für Eurosport Finnland im Einsatz. Den Abschied vom Tennis gab er im November 2015 in der Hartwall Areena in Helsinki. Federer spielte eine Exhibition mit ihm. Nieminen sagt: «Wenn mich jemand fragt, was der schönste Moment meiner Karriere war, sage ich: Es war jener Abend.»

Auch während des Finals dürfte auf dem Henmann Hill Picknick-Stimmung ausbrechen, wenn das Publikum mit Roger Federer mitfiebert. Bild: Tim Ireland/Keystone

Dass er Federer die Daumen drückt für den Final gegen Novak Djokovic, versteht sich von selbst. Aber eine Prognose wagt er nicht. «Wenn die Top 3 ihr bestes Tennis spielen, kann alles passieren. Und das tun sie. Ich habe sehr hohe Erwartungen an den Final.»

Prallt Federer erneut an der Mauer Djokovic ab? Wie 2014 und 2015?

Die Situation erinnert an 2014 und 2015, als ­Federer gegen Milos Raonic und Andy Murray ebenfalls mitreissende Halbfinals gespielt hatte, dann aber im Endspiel jeweils an Djokovic abprallte. So gut ­Federer am Freitag spielte, gegen den Serben garantiert ihm das nichts. «Der Unterschied zwischen Rafa und Novak ist riesig», sagt der siebenfache Major-Champion Mats Wilander. «Was mir Sorgen macht bei Roger: Es ist für ihn gegen Novak viel schwieriger, zu wählen, wann er den Ballwechsel beschleunigen soll. Denn der deckt den Court so hervorragend ab, dass man nicht recht weiss, wohin man angreifen soll. Er ist wie eine Mauer.»

TV-Experte Heinz Günthardt war vor dem Halbfinal sehr optimistisch für ­ Federer und sah sich in allen Punkten bestätigt. Fürs Endspiel ist er skeptischer: «Novak retourniert ein ganzes Stück besser als Rafa, vor allem auf erste Aufschläge. Das heisst, Roger muss mehr Ballwechsel spielen bei eigenem Aufschlag. Das verändert die Dynamik des Spiels. Rafa kam oft gar nicht richtig in die Ballwechsel hinein, weil sein Return nicht so gut war.»

Wilander geht mit seinem Kollegen einig: «Roger wird auch gegen Novak Gratispunkte mit dem Aufschlag bekommen. Aber wenn Novak an den Ball kommt beim Return, bringt er ihn gut zurück. Er entschärft den Aufschlag, und dann geht der Ballwechsel von einer neutralen Position los.» Was heisst, dass man Federers Lieblingskombination von Aufschlag und einem Vorhandwinner hinterher weniger oft ­sehen wird. Er wird mehr arbeiten müssen, um den Aufschlag zu halten.

Auch Stefan Edberg ist gekommen, um die Krönung zu erleben

Für die entscheidende Turnierphase ist auch Federers Ex-Coach Stefan Edberg nach Wimbledon gekommen. Den zwei Jahren mit dem Schweden blieb die Krönung in Form eines Grand-Slam-Titels verwehrt, weil Federer drei Major-­Finals gegen Djokovic verlor: in Wimbledon 2014 und 2015 und am US Open 2015. Dabei vermochte der Schweizer sein Angriffsspiel jeweils zu wenig durchzusetzen, wirkte in entscheidenden Phasen etwas blockiert.

Klar ist: Federer muss attackieren, er darf sich nicht zu sehr in lange Ballwechsel einlassen. Denn da ist Djokovic solider: 2014 lautete in Wimbledon die Bilanz von der Grundlinie 93:65 zugunsten des Serben, im Jahr darauf 72:50. Wie wohl sich dieser dort fühlt, wird auch dadurch dokumentiert, dass er im Halbfinal gegen Roberto Bautista Agut einen Wimbledon-Rekord aufstellte: 45-mal flog der Ball zwischen den beiden einmal übers Netz – der längste Ballwechsel, seit dies hier gemessen wird (2005).

Es gab allerdings auch eine andere Szene in jenem Halbfinal, die eine ­ Bedeutung haben könnte: Als Bautista Agut den zweiten Satz mit einem Netzroller gewann und die Zuschauer applaudierten, reagierte Djokovic mit einer provozierenden Geste ins Publikum. «Wie am French Open ist er hier unruhiger als auch schon», hat Günthardt festgestellt. «Und wenn Federer gut beginnt und er das Publikum hinter sich schart, wird sich zeigen, welche Dynamik das auslöst.»

In Paris machte Djokovic im Halbfinal gegen Dominic Thiem, den er in zwei Tagen und fünf Sätzen verlor, einen wenig souveränen Eindruck. Auch danach, als er auf Journalistenfragen genervt reagierte. Doch vielleicht braucht er diese Aggressivität ja, um sein bestes Tennis zu spielen. Jedenfalls drehte er im Halbfinal auf, nachdem er sich mit dem Publikum angelegt hatte.

Djokovic wurde auf dem Weg in den Final nicht richtig gefordert

Für Wilander ist Djokovic «leicht favorisiert». Und zwar deshalb nur leicht, weil er in diesem Turnier noch nie richtig bedrängt wurde. «Deshalb weiss man nicht, wo er steht. Wenn er auf dem gleichen Niveau spielt wie bisher, wird Federer gewinnen. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sich ­ Djokovic nicht steigert.»

Federer wirkte am Freitagabend müde – gestern Nachmittag absolvierte er um 15 Uhr eine lockere Trainingseinheit, in der er nur aufschlug und retournierte. Das Wichtigste sei die Erholung, hatte er schon nach dem intensiven dreistündigen Nadal-Match betont. Interessant war, wen er sich als Trainingspartner aussuchte: Thomas Johansson, den Coach von David Goffin. Der Belgier spielte im Viertelfinal gegen Djokovic, holte nur sechs Games. Johansson hat nun wohl ein paar Ideen, was gegen Djokovic zu vermeiden ist.

Gegen niemanden hat Federer so oft gespielt wie gegen den Serben. Dies ist bereits das 48. Mal, dass sie sich miteinander messen – es steht aus Federers Sicht 22:25. Geheimnisse gibt es keine mehr, Taktik, Tagesform und der Kopf werden entscheiden. Federer wirkt zuversichtlich. So sagte er am Freitag spät: «Die Sterne stehen günstig.»

Bleibt zu hoffen, dass er nicht nur ein exzellenter Tennisspieler ist, sondern auch ein guter Hobby-Astrologe.



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Erstellt: 14.07.2019, 07:38 Uhr

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