Kommentar

Bully, der neue Staatsfeind

Der neue Xamax-Präsident Bulat Tschagajew wird jeden Tag von Moralisten und Besserwissern an den Pranger gestellt. Doch man sollte drei Faktoren nicht vergessen. Ein Kommentar.

Unschweizerisch laut, unschweizerisch schnell: Bulat Tschagajew in der Maladière. (17. Juli 2011)

Unschweizerisch laut, unschweizerisch schnell: Bulat Tschagajew in der Maladière. (17. Juli 2011) Bild: Keystone

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Bully kam rechtzeitig fürs Sommerloch. Und weil es für eine kopflose Meute so einfach ist, einen, der anders denkt und funktioniert, schnellstens zum allgemeinen Bösewicht zu machen, hat die Sportschweiz plötzlich, fast über Nacht, ein neues gemeinsames Feindbild: Bulat Tschagajew, Tschetschene, Besitzer von Xamax Neuenburg.

Er kam, sprach ein bisschen unschweizerisch laut, wollte gewinnen, verlor und handelte ein bisschen unschweizerisch klar und schnell, das war es. Er sei menschenverachtend, ein Hooligan und stosse den Schweizer Fussball mit seiner Art, einen Verein zu führen, schnellstens in neue und entsetzlich widerliche Tiefen..., so das hysterische und einstimmige Echo.

Fast immer ist alles ganz anders

Nun, um gleich die Fronten klarzumachen, ich kenne Bulat Tschagajew nicht. Aber ich habe erstens im Leben und zweitens im Fussball eines gelernt: Wenn plötzlich alle so einstimmig über einen herfallen, den sie, genau wie ich, gar nicht kennen, ist er fast immer ganz anders.

Es wäre vielleicht vorteilhaft, drei Faktoren nicht ganz zu vergessen, bevor Bulat Tschagajew jeden Tag weiterhin öffentlich am Pranger der Moralisten und Besserwisser zum Vergnügen der gemeinsam kläffenden Meute ausgepeitscht wird:

Erstens: Xamax war am Ende, bevor Bully kam und mit seinen eigenen Mitteln versuchte, den Verein zu retten. Oder ist es mir etwa entgangen, dass ein alteingesessener Uhrenbaron vom Neuenburgersee ein paar von seinen Millionen zur Verfügung hatte stellen wollen, um den Klub nach gut erzogener schweizerischer Art und Weise aus dem Dreck zu ziehen?

Zweitens: Bully ist ein Tschetschene. Für all jene, die der Ansicht sind, Tschetschene sei die russische Übersetzung von Gutmensch, nur so viel zur Erinnerung: Tschetschene sein und zu leben, heisst, nicht an das Gute im Nächsten zu glauben, unglaublich misstrauisch zu bleiben in jeder Sekunde und jeder Situation des Lebens, unmenschliche kämpferische Fähigkeiten zu haben und dazu den absoluten Willen, jeden Tag mit einem kleinen Sieg zu beenden.

Tschetschenien überlebt mit unfassbarem Mut und Willen, jeder gewaltigen Übermacht seit den Zeiten der Zaren, Stalins und Putins in einer Hölle der Ideologien, zwischen Kommunismus, Kapitalismus und Islam am Ende der Welt zu trotzen. Und jeder, der einen lebenden Tschetschenen unterschätzt oder sogar beleidigt, ist ganz einfach ein Dummkopf. Mainstream hin oder her.

Ein Tschetschene, der in Tschetschenien überlebt, ist ein Held. Ein Tschetschene, der in der Schweiz einen Fussballclub kaufen kann, ist ganz bestimmt kein Trottel – er ist ein Genie.

Und drittens: Jeder, der neu in den professionellen Sport einsteigt, ist ein Lehrling. Und jeder Lehrling macht Fehler. Es liegt in der Natur der Sache, dass ein Lehrling im Profifussball seine Fehler unter lautem, öffentlichem Geschrei begeht. Nicht die Anzahl der begangenen Fehler qualifiziert einen Vereinsboss, die Anzahl der wiederholten Fehler allerdings schon.

Und – im Fussball, im Sport existiert die reine Lehre vom Erfolg nicht. Es scheint, bei Bully Tschagajew ist hingegen zumindest ein Teil einer Linie erkennbar. Er reagiert schnell, sofort und ohne Kompromisse. Es ist das, was ihn das Leben gelehrt hat.

Tschagajews Linie ist besser als keine

Möglich, dass diese Lehre im Fussball falsch ist. Wo geduldiger Aufbau auch eine Linie sein kann. Aber solange Bully die Kohle dazu hat, seiner Linie treu zu bleiben, ist seine Linie allemal besser als gar keine Linie. Wie bei den meisten Präsidenten im Schweizer Fussball, denen das eigene Image wichtiger ist als der nächste Sieg und denen damit der Grundstein zum Erfolg im ruchlosen Spitzensport absolut fehlt.

Und alle, die darüber jammern, bei Bully Opfer einer tschetschenischen Lebensweisheit geworden zu sein oder zu werden, sind beim Neuenburger Sozialamt sicher besser aufgehoben als im Profifussball.

Ich wünsche Bulat Tschagajew und Xamax viel Glück.

Erstellt: 29.07.2011, 13:41 Uhr

Mario Widmer, der Doyen des Schweizer Sportjournalismus, leitete 30 Jahre lang den Sport beim «Blick» und steuerte danach als Manager die Karriere von Martina Hingis. (Bild: Keystone )

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