Der Geist des Kampfsportlers

Mit beharrlicher Arbeit will Präsident Dölf Früh aus dem FC St. Gallen einen stabilen Verein machen.

Dölf Früh: «Am Sonntag besiegen wir GC.»

Dölf Früh: «Am Sonntag besiegen wir GC.» Bild: Keystone

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Das Geheimnis eines guten Kickboxers ist: Er teilt mehr aus, als er einsteckt. Das Geheimnis eines guten Präsidenten eines Fussballklubs ist: Er gibt nicht mehr aus, als er einnimmt.

«Alles ist gratis und ohne Zwang»

Dölf Früh sitzt am Konferenztisch in seinem Büro in Teufen, Appenzell Ausserrhoden. Der Blick auf das Dorf ist von hier aus unverstellt, aber an diesem Montag nicht ungetrübt. Auch hier hält sich die dicke Wolkendecke. Früh wäre eigentlich lieber in Flims beim Skifahren, «was für ein Wetter da», sagt er. Er musste herunterkommen, um geschäftliche Dinge zu erledigen.

Auf dem Tisch steht Wasser aus der hauseigenen Aufbereitungsanlage, an der Wand ein kleines Trampolin. Das passt zur Philosophie, die Früh in diesem Geschäftshaus der Media Swiss AG verfolgt. Statt Süssgetränken und Süssigkeiten gibt es für die Angestellten Wasser und Fruchtschalen. Im Parterre steht ihnen ein Fitnessraum zur Verfügung. Es sei im Betrieb eine «eigentliche Gesundheitsbewegung» entstanden, sagt Früh. «Alles ist gratis und ohne Zwang.»

Einstieg via FC Wil

Früh, der Bauernsohn aus dem Toggenburg, aufgewachsen in Hemberg und barfuss an der Strecke, als Peter Sauber noch mit seinen Boliden die Strasse hochjagte, war Military-Reiter, bevor er zum Kampfsport fand. Was man da lerne, fragt er lachend zurück: «Schlagen und einstecken.» Fussball ist nie seine Sache gewesen, bis er vor zehn Jahren beim FC Wil als Sponsor einstieg. Früh war zu der Zeit schon erfolgreicher Unternehmer, er stellte Orts- und Stadtpläne her und bot über ein Internetportal seine Dienste an. Später dann begann er, den FC St. Gallen zu unterstützen.

Die Gewissheit der Frau

So ist eines zum anderen gekommen. Und darum die Frage: Warum ist er überhaupt Präsident geworden? Am langen schwarzen Tisch beginnt er ausführlich von den Problemen zu erzählen, die den Verein an den existenziellen Abgrund drängten: vom Stadion, das viele Millionen mehr kostete als geplant, dem sportlichen Abstieg, den gestiegenen Sicherheitskosten … Früh begann vor eineinhalb Jahren, im Hintergrund zu helfen und Rettungsszenarien zu entwickeln. Oft verlor er den Glauben ans Gute und meldete seiner Frau: Jetzt habe er die «Schnauze voll». Er hat nicht vergessen, was sie ihm einmal antwortete: «Ich weiss genau, du gibst nicht auf.»

Er hat nicht aufgegeben, auch dann nicht, als klar war, dass der Klub und der Stadionbetrieb fast 15 Millionen Franken brauchen, um wieder liquide zu werden – gerade dann nicht. Im wilden Spätherbst 2010, als in der Ostschweiz die Emotionen besonders hoch gingen, weil der lokale FC eine hochemotionelle Institution ist, leistete Früh seinen Anteil zur Rettung. Mit fünf weiteren Geschäftsleuten schoss er 10 Millionen ein, er allein 2,7. Leisten kann er sich das: Vor gut drei Jahren hat er 80 Prozent seines Unternehmens mit inzwischen 450 Angestellten für einen dreistelligen Millionenbetrag an Ringier verkauft. Wenigstens einen kleinen Teil hält er sich noch.

«Ich bin so hineingerutscht»

Als damals das grosse Geschäft abgeschlossen war, dachte er, fortan mehr Ski fahren zu können, er wollte auch zu seinen Beteiligungen schauen, sich um sein Immobiliengeschäft kümmern, mit dem er übrigens gerade jetzt dabei ist, in Teufen einen 40-Millionen-Bau mit Geschäften und Wohnungen hochzuziehen. Er wollte viel, nur eines hatte er nie im Kopf: Präsident des FC St. Gallen zu werden. Darum hat er heute auch keine logische Erklärung, warum er es doch geworden ist. Vielmehr sagt er: «Ich bin so hineingerutscht.»

Schon von jung auf war er von der Idee geleitet, unternehmerisch tätig zu werden. Unternehmer zu sein, heisst für ihn: vernetzt und strategisch denken, oft und gerne Entscheide fällen, in der Hoffnung, dass sieben von zehn richtig sind. Offenbar hat er diese Fähigkeiten. Und noch eines hat er: «Ich habe nie vergessen, dass man arbeiten muss, um erfolgreich zu sein. Und wenn man beharrlich arbeitet, stellt sich der Erfolg ein – früher oder später.» Dass Arbeiten für ihn etwas mit Lust zu tun hat, dass Erfolg seine Triebfeder ist (zuerst sagt er noch, das sei sein Opium), das überrascht nicht. Das passt nur ins Bild von ihm, vom Mann mit dem grauen Haar und dem Schnauz.

Was er mit seinen 59 Jahren gelernt hat, davon soll nun also der FC St. Gallen profitieren. Den Klub so zu führen wie einen Betrieb, mit zumindest ausgeglichener Rechnung, das ist sein Ziel. Schon viele haben das im Fussball gewollt und sind kläglich gescheitert, fast alle eigentlich. «Vielleicht ist naiv, wer sagt, er wolle nicht mehr ausgeben, als er einnimmt», sagt Früh selbst. «Aber gerade darin liegt der grosse Reiz meiner Arbeit, das zu schaffen.» Im Moment ist er nicht hoffnungslos, sondern voller Hoffnung. Er plant, strategisch zu arbeiten, und um das zu können, brauche es Atem, sprich: flüssige Geldmittel. Der Klub habe doch «immer aus dem letzten Loch gepfiffen», sagt er, der sich so gar nicht schwertut, ungekünstelt zu reden. Das will er ändern, das muss er vor allem ändern, wenn aus St. Gallen wirklich einmal ein «seriöser Mittelfeld- und Ausbildungsklub» werden soll.

Die Prognose gegen GC

Früh holte Heinz Peischl als Verantwortlichen für den Sport und schwärmt von ihm («auf diese Verpflichtung bin ich stolz»). Mit dem Österreicher kamen fünf neue Spieler, unter anderen Alberto Regazzoni und José Gonçalves. Sie alle wiederum stärken Frühs Prognose: «Am Sonntag besiegen wir GC.» Er wäre auch kein guter Präsident, wenn er anders denken würde. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.02.2011, 08:04 Uhr

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