Fall Sion – «Wir haben den Entscheid des Zivilgerichts befolgt»

Liga-Präsident Thomas Grimm äussert sich zum Streit mit dem FC Sion über die Transfersperre. Einen Imageschaden für den Schweizer Fussball befürchtet er nicht.

Zum Zuschauen verurteilt: Die gesperrten Spieler des FC Sion mussten den Match in Basel von der Tribüne verfolgen.

Zum Zuschauen verurteilt: Die gesperrten Spieler des FC Sion mussten den Match in Basel von der Tribüne verfolgen. Bild: Keystone

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Das unterhaltsame 3:3 zwischen Basel und Sion am Samstag wurde fast zur Nebensache. Für die Schlagzeilen sorgte wieder einmal der Wirbel um Christian Constantins FC Sion. Erst gut zehn Minuten vor Matchbeginn erfuhren die Walliser von der Sperre gegen die sechs neuen Spieler, die noch am Freitag am Zivilgericht von Martigny eine superprovisorische Spielberechtigung erwirkt hatten. «Das ist nicht optimal gelaufen», gibt Liga-Präsident Thomas Grimm zu. Die Reaktion von Constantin: Er verunglimpfte die Verbandsfunktionäre umgehend als «Lügner und Betrüger» – und will Grimm verklagen.

Herr Grimm, vor lauter Klagen, Drohungen, Gerichten und superprovisorischen Verfügungen – haben Sie im Fall Sion den Überblick noch?
Ja, er ist gar nicht so kompliziert.

Wie liegt denn der Fall wirklich?
Es gibt zurzeit zwei Verfahren. Einerseits muss der FC Sion, wie von der Fifa verfügt, eine Transfersperre absitzen – und zwar über zwei ganze Perioden. Andererseits haben die sechs betreffenden Spieler ein Zivilgericht angerufen und eine superprovisorische Spielberechtigung erwirkt. Damit haben sie aber gegen unsere Statuten und jene der Fifa verstossen – und aufgrund dessen wurden sie für ein Spiel gesperrt.

Lässt sich die Sperre demnach mit einer Roten Karte aus einem Spiel vergleichen?
Nicht ganz. Aber die Sperre konnte nur ausgesprochen werden, weil die SFL und die Fifa die Spieler qualifiziert haben. Denn mit der Qualifikation stehen die Spieler wieder unter der Disziplinargewalt der SFL. Sie sehen: Wir haben den Entscheid des Zivilgerichts von Martigny befolgt.

Wie geht es nun weiter?
Ich gehe davon aus, dass in dieser Woche sämtliche betroffenen Parteien die Möglichkeit erhalten, beim Zivilgericht in Martigny ihre Sicht der Dinge darzulegen.

Warum eigentlich ist dieser Fall noch immer nicht definitiv entschieden?
Das müssen Sie Herrn Constantin fragen. Seine Rechnung geht wohl so: Einmal ganz und zweimal halb ergibt zweimal ganz. Die Fifa sagt, nur zweimal ganz ist zweimal ganz. So einfach ist das.

Können Sie Constantins Argumentation verstehen?
Darum geht es nicht. Es gibt ein FifaUrteil, und die SFL ist gemäss ihren Statuten dazu verpflichtet, dieses Urteil durchzusetzen. Geschieht dies nicht, könnte die Fifa gegen den Schweizerischen Fussballverband ein Verfahren einleiten.

Trotzdem: Auch der FC Chelsea musste eine Transfersperre absitzen. Wieso ist es in der Schweiz möglich, die Strafen so lange zu umgehen?
Chelsea hat entschieden, die Strafe zu akzeptieren. Bei Sion ist das nicht der Fall. Mit dem Gang der Spieler vor das Zivilgericht hat dieser Fall zudem eine neue Dimension erhalten. Da mussten wir reagieren – auch zum Schutz der anderen neun Klubs der Super League, die sich an die geltenden Regeln halten.

In einer ersten Reaktion hat Constantin von Ihrem «Todesurteil» gesprochen. Wie gehen Sie mit solchen Worten um?
Wenn er meint, das sei mein Todesurteil, dann soll er sich so ausdrücken. Weiter möchte ich darauf nicht eingehen.

Erst der Zirkus Xamax, jetzt das Sittener Theater – befürchten Sie einen Imageschaden für den Schweizer Fussball?
Nein, spätestens mit dem definitiven Urteil des CAS wird sich die Lage normalisieren.

Erstellt: 08.08.2011, 17:15 Uhr

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Gelassenheit: Liga-Boss Thomas Grimm lässt sich von Sions Präsidenten nicht provozieren. (Bild: Reuters )

Chronik zum Transfer-Fall Sion

22. Februar 2008: Sion verpflichtet Essam El-Hadary. Dessen alter Klub al-Ahly Kairo wirft dem Goalie Vertragsbruch vor.
21. April 2008: El-Hadary debütiert bei Sion, nachdem er von der Fifa eine Spielbewilligung erhalten hat.
24. Mai 2009: Der Ägypter spielt zum letzten Mal für Sion, er geht zurück in die Heimat.
2. Juni 2009: Die Fifa verhängt eine einjährige Transfersperre gegen Sion, weil al-Ahly nie die Zustimmung zum Transfer El-Hadarys gab. Sion tätigt trotzdem Transfers (u. a. Mpenza, Vanins, Mitreski, Marin). Präsident Constantin behauptet, die Sperre gelte nur für die Amateursektion des Vereins. Das Bundesgericht entscheidet später: Die Sperre gelte für die Profi-Sektion.
Winter 2009/10: Sion verpflichtet Adailton von Santos und Prijovic von Derby.
1. Juni 2010: Der Internationale Sportgerichtshof (CAS) weist den Einspruch Sions gegen die Strafen ab. Einzig die Geldstrafe wird von 900'000 auf 760'000 Euro reduziert.
16. Juli 2010: Die Qualifikationskommission der Swiss Football League erteilt den Spielern, die Sion in dieser Transferperiode verpflichtet hat, die Spielbewilligung (u. a. Dingsdag, Elmer, Mrdja). Grund dafür ist, dass das CAS den rechtskräftigen Entscheid der Transfersperre Sion erst nach Beginn der aktuellen Transferperiode zugestellt hat.
Winter 2010/11: Sion tätigt keine Transfers – erstmals seit dem Fifa-Urteil.
14. Juli 2011: Die Meldung geistert landesweit herum, für das CAS fehle die rechtliche Grundlage, Sion auch in diesem Sommer eine Transfersperre aufzuerlegen. Liga-Präsident Grimm weiss nichts davon. Sion verpflichtet total sechs Spieler (u. a. Gabri, Gonçalves, Mutsch).
30. Juli 2011: Das Rekursgericht der Swiss Football League weist den Antrag von Sion zurück und verweigert den sechs neuen Spielern bis zum Ende der Vorrunde die Qualifikation. Die SFL schreibt: «Der Schweizerische Fussballverband (SFV) und die SFL sind, gemäss ihren eigenen Statuten, verpflichtet, diesen Entscheid inhaltsgetreu zu befolgen und anzuwenden.» Sion dagegen besteht darauf, bereits während einer gesamten und zwei partiellen Perioden keine Transfers getätigt zu haben.
5. August 2011: Das Bezirksgericht von Martigny entscheidet in einer superprovisorischen Verfügung, dass den Sion-Spielern die Lizenz erteilt werden muss. Die Liga erklärt, sie werde versuchen, diese Massnahme aufzuheben. Die Fifa fordert eine Prüfung der Sachlage: Denn Klagen vor Zivilgericht, wie sie die Sion-Spieler geführt haben, verstossen gegen ihre Statuten.
6. August 2011: Die Disziplinarkommission der SFL sperrt die sechs Sion-Spieler für den Match in Basel.
Nächste Tage: Das CAS wird die Klage von Sion gegen das Rekursurteil der SFL behandeln. Die SFL muss über den Protest Sions gegen die Wertung des 1:2 gegen YB befinden. (ths)

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