Interview

«Ich dachte, die Schweizer seien offener»

Tiefgläubig, geheimnisvoll, talentiert wie kaum ein anderer: FCZ-Star Yassine Chikhaoui. Jetzt spricht er erstmals nach seiner langen Verletzungspause über Selbstzweifel, seine Religion, die Revolution in der Heimat – und Parkbussen in Zürich.

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Jahrelang war Yassine Chikhaoui verletzt gewesen. Zuerst entzündete sich die Patellasehne im Knie, dann, kaum genesen, brach in einem Länderspiel mit Tunesien das rechte Schienbein. Seit Frühling 2008 spielte er nie mehr regelmässig für den FC Zürich, seit seiner Ankunft im Sommer 2007 hat er lediglich 39 von 154 Meisterschaftsspielen bestritten. Nun ist der 25-jährige Tunesier, einer der wenigen Künstler im Schweizer Fussball, zurück auf dem Platz. Vor zwei Wochen gab er gegen Sporting Lissabon das Comeback. Und zwei Tage vor dem Abflug der Zürcher nach Rumänien zu ihrem zweiten Spiel in der Europa League, heute gegen Vaslui, gab er nach Jahren des Schweigens sein erstes grosses Interview – im Büro und im Beisein des Klubpräsidenten Ancillo Canepa am Zürcher Schanzengraben.

Yassine Chikhaoui, wie gross ist Ihre Erleichterung, wieder Fussball spielen zu können?

Ich bin unglaublich froh, wieder dabei zu sein, zu trainieren, zu spielen, wieder Teil der Mannschaft zu sein. Es gibt für einen Fussballer nichts Schlimmeres, als nicht spielen zu können. Im Moment fühle ich mich glücklich, einfach nur glücklich.

Sie waren die letzten dreieinhalb Jahre mehr oder weniger permanent verletzt. Kennen Sie einen Spieler, der eine ähnlich lange Wettkampfpause erdulden musste?

Ich kenne keinen, und ich wünsche das auch keinem. Ich habe mir die Verletzungen ja nicht wegen mangelnder Professionalität, fehlender Achtsamkeit oder fehlender Fitness zugezogen. Aber die Verletzungen sind halt geschehen. So kann das Leben eben spielen.

Wie haben Sie sich während dieser langen Verletzungspause gefühlt?

Nicht gut, glauben Sie mir. Wenn man verletzt ist, dann trainiert man sehr oft allein. Man sieht die Mannschaft zwar in der Garderobe, aber man lebt in einer eigenen Welt. Man müht sich im Kraftraum ab, man läuft allein im Wald oder auf dem Platz – und schielt dabei immer wieder zu den Mitspielern, die auf dem Spielfeld nebenan mit dem Ball trainieren. Das ist nicht einfach.

Und als Verletzter lernt man die Arztpraxen und Physiotherapien kennen?

(lächelt) Ad van den Bergh (der Leiter der medizinischen Abteilung beim FCZ) hat mir oft gesagt, er verbringe mehr Zeit mit mir als mit seiner Frau.

Und wie haben Sie nun Ihre Rückkehr erlebt?

Es ist nicht einfach, ich stellte mir viele Fragen: Bin ich wirklich wieder fit? Bin ich noch gut genug, um auf höchstem Niveau zu spielen? Werde ich wieder der Alte, wieder der Spieler, der ich einmal war?

Wie haben Sie diese Fragen für sich beantwortet?

Natürlich bin ich noch nicht so gut wie vor meiner Verletzung. Ich habe drei Jahre gefehlt, nicht drei Monate. Es ist nicht einfach, den Rhythmus wieder zu finden, mental wie körperlich. Nun habe ich drei Spiele mit der U-21 und drei Teileinsätze in der 1. Mannschaft hinter mir. Sie haben mir viel Zuversicht und Vertrauen gegeben. Aber ich werde Zeit brauchen, um meine frühere Leistungsfähigkeit wieder zu erreichen.

Aber das frühere Selbstvertrauen ist zurück?

Nein, dafür brauche ich ein paar gute Spiele. Aber ich bin auf gutem Weg. Ich bin absolut zufrieden.

Können Sie schmerzfrei spielen?

Ja.

Spürten Sie nach den letzten Spielen keine Nachwirkungen?

Doch, aber das ist normal. Wenn man so lange nicht mehr gespielt hat, ist der Körper nicht mehr derart hohe Belastungen gewohnt und reagiert auf sie. Aber ich habe mich sehr gut auf mein Comeback vorbereitet, bin nicht zu früh zurückgekehrt. Ich war körperlich und mental bereit für die Rückkehr. Und mit der richtigen Pflege können Muskelkater und kleinere Blessuren rasch zum Verschwinden gebracht werden.

Sie haben die Strapazen mit zwei Spielen innerhalb von drei Tagen zuletzt gegen Thun und YB körperlich also gut überstanden?

Ich habe ja nur je eine Stunde gespielt. Der Trainer forciert mich nicht. (lacht). Sie geben sich wirklich viel Mühe mit mir beim FCZ.

Der Klub braucht Sie in seiner jetzigen Situation auch dringend. Weshalb sonst hätte Sie der Trainer ausgerechnet in der Europa League erstmals eingesetzt?

Urs Fischer hat mich gefragt, ob ich mich gut fühle. Ich habe bejaht. Dann hat er mich aufgestellt. Ein wenig überrascht war ich, aber ich freute mich extrem.

Kommt bei Ihnen manchmal die Angst auf, Sie könnten sich erneut schwer verletzen?

Ich bin sehr gläubig, ich vertraue darauf, dass Gott bei mir ist. Für mich war es Schicksal, dass ich mich zweimal derart schwer verletzt habe. Ich glaube an das Schicksal. Ist es mir gut gewogen, bleibe ich gesund. Wenn etwas geschehen muss, dann geschieht es. Ich bin in den langen Verletzungspausen ziemlich gelassen geworden. Ich war drei Jahre verletzt, es kann für mich nur besser werden. Ich habe nichts zu verlieren.

Haben Sie sich in den drei Jahren manchmal gefragt, weshalb es gerade Sie getroffen hat?

Nein. Ich bin wirklich ein religiöser Mensch. Vielleicht musste das einfach geschehen. Und es gibt ja sehr viele Menschen, die mit viel schwereren Schicksalen als einem verletzten Knie oder gebrochenem Bein fertig werden müssen.

«Ich wollte ganz einfach zurück. Zurück auf den Platz. Unbedingt!»

Waren Sie nie verzweifelt?

Doch, das war ich.

Machten Sie sich denn Gedanken, die Karriere vielleicht beenden zu müssen?

Nein, ich hatte immer den Willen, wieder zu spielen. Ich wollte ganz einfach zurück. Zurück auf den Platz. Unbedingt! Für mich gibt es nichts Schöneres als Fussball zu spielen, obwohl ich vielleicht im Leben auch andere Möglichkeiten gehabt hätte. Ich habe die Schule in Sousse mit der Matur abgeschlossen, ich hätte auch studieren können.

Wer hat Sie bei der Rückkehr vor allem unterstützt?

Viele. Die Familie, der Klub, der mir trotz Verletzung sogar den Vertrag bis 2014 verlängert hat, die Trainer, der Sportchef, der Präsident, die Mediziner, die Mitspieler . . . Ich hatte Pech mit den Verletzungen, aber ich war in einer bevorzugten Situation: Viele Leute kümmerten sich um mich, ich fühlte mich nie allein. Auch meine Landsleute beim FCZ (Chaker Zouaghi und Amine Chermiti) wurden für mich zum Glücksfall. Wir wohnen in Kilchberg alle an der gleichen Strasse und sind oft zusammen. Mit ihnen spreche ich arabisch, mit ihnen habe ich Spass. Das tat mir gut.

Was unternehmen die FCZ-Tunesier denn so zusammen?

Wir sitzen zusammen, essen und spielen Karten, wir gehen in die Stadt und kaufen ein. Chaker und seine Frau haben eine kleine Tochter, meine Frau und ich haben einen Sohn. Die Kinder spielen zusammen, das verbindet auch die Familien.

Jetzt sind Sie 25-jährig und zurück auf dem Platz: Gibt es Träume?

Nach dieser langen Pause muss ich realistisch sein. Ich weiss, dass sich vor meiner ersten Verletzung einige grössere Klubs für mich interessierten, aber jetzt ist alles anders. Ich mache mir nicht die geringsten Gedanken über einen Transfer. Ich will jetzt einfach gut spielen – und gesund bleiben.

Werden Sie jemals wieder so gut wie früher?

Ich weiss es nicht, aber ich hoffe es. Ich tue alles dafür. Ich trainiere jeden Tag mit grossem Vergnügen. Und vielleicht haben mich die Verletzungen mental stärker gemacht. Sicher habe ich heute viel mehr Lebenserfahrung als vor drei Jahren.

Yassine Chikhaoui, in Ihren ersten Monaten in Zürich waren Sie gegenüber den Medien offen und zugänglich. Inzwischen sind Sie unnahbar und geben seit Jahren kaum mehr Interviews. Was ist der Grund?

Die Schweiz ist ein Land mit einer anderen Sprache, Religion und Kultur. Ich bin hier, um zu arbeiten. Ich bin damals ganz offen und unvoreingenommen von Nordafrika nach Europa gekommen. Dann musste ich plötzlich Dinge über mich lesen, die mich erschreckt haben.

Was für Dinge?

Ich wurde von einer Zeitung ins Umfeld von Terroristen gerückt, dabei würde ich mit solchen Leuten niemals nur im Geringsten sympathisieren. Dieser Vorfall war einschneidend für mich. Er hat mich total enttäuscht. Und er hat mich im Umgang mit den Medien vorsichtig und zurückhaltend werden lassen. (Anmerkung: die «Bild»-Zeitung unterstellte Chikhaoui im Februar 2008 vor einem Europacupspiel des FCZ gegen den HSV Nähe zu radikalen Moslems, nachdem sich der Spieler zuvor in einem Interview mit dem «Blick» zu den umstrittenen Mohammed-Karikaturen in dänischen Zeitungen geäussert hatte.)

Sie sind gläubiger Muslim. Sie haben Ihr berühmtestes Tor in der Schweiz mitten im Ramadan erzielt – im Eröffnungsspiel des Letzigrunds nach 36 Spielsekunden und einem langen Solo gegen GC. Wie ist es für einen Sportler möglich, trotz grosser körperlicher Belastung nichts zu essen zwischen Morgen- und Abenddämmerung?

Das ist eine Frage der Erfahrung, der Wiederholungen. Ich faste in dieser Zeit seit 15, 16 Jahren, ich bin den Ramadan gewohnt, er ist völlig normal für mich, er ist Teil unserer Kultur, unseres Lebens.

Sie praktizieren den Ramadan, Sie beten fünf Mal am Tag. Wie leben Sie Ihren Glauben, wenn Sie mit dem Team auf Europacup-Reisen sind oder sich die Gebetszeit mit einem Match überschneidet?

Dann bete ich im Hotel oder in der Kabine, überall halt. Das ist keine grosse Sache, ich lege ein Tuch auf den Boden, es geht um drei Minuten.

Stören Sie sich daran, wenn Sie über Ihre Religion befragt werden?

Nein, gar nicht. Wenn dem Thema Respekt entgegengebracht wird, habe ich damit kein Problem.

Die Schweiz hat in einer Volksabstimmung den Bau von Minaretten verboten. Was denken Sie über solche Entscheidungen?

Bevor ich in die Schweiz kam, hatte ich eine Vorstellung von diesem Land. Diese Vorstellungen habe ich nun durch meine eigenen Erfahrungen ersetzt, das Bild des Landes hat sich für mich auch verändert. In der Vorstellung war die Schweiz besser. Bei der Diskussion um die Minarette habe ich die Aufregung nicht verstanden, sie sind doch keine grosse Sache. Es ist mir aber auch bewusst, dass längst nicht alle Schweizer an dieser Abstimmung teilgenommen haben und die Meinung der Initianten teilen.

Fühlen Sie sich im Rahmen solcher Debatten immer willkommen in diesem Land?

Die Schweiz ist für mich ein schönes Land geblieben. Ich lebe gerne hier, vor allem auch in Zürich. Solche Diskussionen aber sorgen trotzdem für Unbehagen. Bei uns in Tunesien stehen christliche Kirchen, Kathedralen, mitten in den Stadtzentren, mit 30 Meter hohen Türmen. Ich verstand die Schweiz als Land, das jedem die Freiheit lässt, das zu tun, was er tun will. Wenn du aus dem Haus gehen willst, gehst du aus dem Haus. Wenn du dabei einen Schleier tragen willst, trägst du einen Schleier. Wenn ich einen Bart haben will, habe ich einen Bart. Ich dachte, die Schweizer seien offener gegenüber anderem. Diese Meinung musste ich schon ein wenig revidieren. Es ist für Ausländer nicht einfach, wenn sie durch die Strassen gehen und diese Plakate sehen mit dem Schweizer Kreuz darauf und schwarzen Händen oder schwarzen Personen.

Wie gut verstehen Sie Deutsch?

Es geht (das Gespräch wird in Französisch geführt) . . .

Canepa: . . . er liest ja immer den «Tages-Anzeiger».

Chikhaoui: Ja, ich lese Zeitung, aber nicht jeden Tag. Ich versuche es mit der deutschen Sprache, so gut es eben geht.

Canepa: Wenn ich mit ihm Deutsch spreche, versteht er alles. Aber er ist schlau und will nur das verstehen, was für ihn gut ist (Chikhaoui schmunzelt).

Wie gehen Sie mit den Regeln in der Schweiz generell um?

Eigentlich ganz gut. Ich passe mich an, ohne grössere Probleme. Natürlich: Ich fuhr mit dem Auto schon zu schnell, und ich bekam schon etliche Parkbussen, weil es manchmal einfach keine freien Plätze mehr gibt – dann bezahlt aber Ancillo Canepa . . . (beide lachen)

Sie waren im vergangenen Winter mit dem FCZ im Trainingslager in Tunesien, als die Revolution ausbrach. Wie haben Sie diese Tage erlebt?

Ich war glücklich, mit der Mannschaft nach Tunesien zu reisen. Das Trainingslager war perfekt gewesen. Dann aber musste der FCZ vorzeitig abreisen, weil die Revolution begann . . .

. . . die gut war für Tunesien . . .

. . . ja, natürlich war sie das. Sie ermöglicht viele Veränderungen. Es gibt viele Leute, die Hilfe benötigen und jetzt besser leben können. Und im Vergleich zu Libyen hatten wir das Glück, dass bei der tunesischen Revolution nicht so viele Leute sterben mussten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.09.2011, 10:18 Uhr

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