Beim Eidgenössischen denkt Forrer sogar an die Schmerzspritze

Arnold Forrer (40) hat eine lädierte Hüfte und einen eisernen Willen. Aber nach dieser Saison sagt er Adieu.

Karrierenende im Blick: Arnold Forrer tritt im Herbst ab.

Karrierenende im Blick: Arnold Forrer tritt im Herbst ab. Bild: Keystone

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Die Form holt sich Arnold Forrer seit je vor der Haustür. Sein Eigenheim klebt ganz oben am Hang über der Ortschaft Stein im Toggenburg. Von hier schwingt er sich so oft wie möglich aufs Bike, fährt über die Hügel, trainiert die Ausdauer. Anfang Januar war Forrer mit seinem Freund Ralph Näf unterwegs. Der frühere Mountainbike-Weltmeister frotzelte, beim «Nöldi» sei die Zeit für ein E-Bike gekommen.

Ein Spruch, eine sanfte Provokation, nicht mehr. Anfang Mai machte Forrer bei der Hulftegg-Stafette mit, einem überregionalen Teamwettkampf. Die Bikestrecke nahm er hinter Beat Hefti in Angriff. Das Ziel erreichte Forrer vor dem Bob-Olympiasieger. «Und dann hat der Näf gesagt: ‹Nöldi, damit hätte ich nicht gerechnet.›»

Forrer lacht, erzählt die Episode spasseshalber – und doch nicht frei von Ernst. Der 40 Jahre alte Schwingerkönig von 2001 führt einen Kampf gegen die Zweifler, befindet sich auf einer Mission. Im Vorjahr bestritt er wegen seiner lädierten Hüfte keinen Wettkampf. Viele rieten ihm zum Rücktritt. Forrer winkte ab, «weil mein Kopf nie zulassen würde, dass eine Verletzung meine Karriere beendet».

«Den Leuten ein letztes Mal Freude bereiten und dann den Hut nehmen.»Nöldi Forrer

Er intensivierte das Training, reduzierte sein Gewicht von 130 auf 120 Kilogramm. Der Antrieb? Die Zahl von 150 Kränzen erreichen, die Jungen nochmals ärgern, «den Leuten ein letztes Mal Freude bereiten und dann den Hut nehmen».

Im Frühling sagte Forrer, der Rücktritt nach dieser Saison sei «zu 98 Prozent beschlossene Sache». Mittlerweile spricht er von 102 Prozent. Die Hüfte bereitet ihm einmal mehr Probleme. Das Zürcher Kantonale brach er wegen einer Schleimbeutelentzündung ab. Am Schaffhauser und am St. Galler Kantonalen holte er unter Schmerzen den Kranz. Die Symptome bekämpft Forrer mit Tabletten. Für das Eidgenössische zieht er die Option Schmerzspritze in Betracht.

Die Frage nach der Vernunft stellt sich Forrer nicht. «Es kann nichts mehr kaputtgehen, was nicht bereits kaputt ist. Das Schlimmste wäre ein künstliches Hüftgelenk. Dieses wollten mir die Ärzte bereits vor zwei Jahren einsetzen.» Der Schwinger entschied sich dagegen.

Der Körper ist Forrers Kapital und Last zugleich. Zu Beginn seiner Karriere war der 194 Zentimeter grosse Toggenburger seinen Gegnern physisch überlegen. Bald paarten sich Wucht und Gebresten: Knie, Leisten, Hüfte, Rippe, Rücken, Schulter, Aufzählung unvollständig.

Beim Eidgenössischen 2001 in Nyon riss sich Forrer im vierten Gang Innenband und Meniskus an. Er kämpfte weiter, brach sich im Schlussgang gegen Jörg Abderhalden eine Rippe, stellte gegen den Titelverteidiger, wurde Schwingerkönig.

«Bei den Jungen schnorren zu viele rein. Punkt. Schluss!»Nöldi Forrer

«Du musst auch schwingen können, wenn nicht alles stimmt», sagt Forrer. Das tat er 2001. Das tut er noch immer. Diese Eigenschaft vermisst der sechsfache eidgenössische Kranzgewinner bei jüngeren Spitzenschwingern.

Forrer hat sich nie um klare Worte foutiert. Will er Sätze hervorstreichen, beendet er sie mit «Punkt. Schluss!» Er sagt: «Kaum hat heutzutage ein Junger bei den Aktiven den ersten Kranz geholt, scharen sich zwei, drei Hyänen um ihn. Die erste will ihn vermarkten, die zweite trainieren, die dritte ‹putzt ihm z Füdle›… Wie soll ein Schwinger da noch selbstständig entscheiden können? Es schnorren zu viele rein. Punkt. Schluss!»

Einer fürs Publikum, keiner für die Funktionäre

Der «Nöldi» war und ist einer fürs Publikum: Offensivschwinger, nahbar, nie um einen Spruch verlegen. Der Forrer war und ist keiner für Funktionäre und Verbände: Provokateur, aufmüpfig, konsequent. Er boykottierte während Jahren den Brünig-Schwinget, nachdem ihn der dortige Vizepräsident als schlechtes Vorbild bezeichnet hatte. Er ging wegen des Werbereglements auf Konfrontation mit dem Schwingerverband ESV.

«Die wenigsten Schwinger sagen, was sie denken.»Nöldi Forrer

Noch heute stört sich Forrer daran, dass die Schwinger 10 Prozent der Werbeeinnahmen an den ESV abgeben müssen. Einst wurde er wegen Verfehlungen gebüsst und zu einer Anhörung geladen. Forrer rechnete mit vier, fünf Leuten, betrat den Saal, zählte um die 15 Personen, setzte sich hin und sagte: «So, nun weiss ich, wohin meine Abgaben fliessen. Ihr kassiert hier Sitzungsgelder, Fahrspesen und geht danach sicher noch dick Essen. Und ihr wollt mir sagen, dass mein Geld ausschliesslich dem Nachwuchs zugutekommt?»

Das war vor neun Jahren. Forrer beschreibt die Sitzung, als habe sie gestern stattgefunden. «Die wenigsten Schwinger sagen, was sie denken. Ich habe Ungerechtigkeiten immer angesprochen. Geradeaus. So bin ich. Punkt. Schluss!»

Die magische Marke von 150 Kränzen

In ein paar Wochen wird der Schwinger Forrer den Schlusspunkt setzen. Er steht bei 147 Kränzen, was Rekord ist. Die magische Marke von 150 fasziniert ihn, selbst wenn er die Auszeichnungen daheim nicht chic ausgestellt, sondern zusammengedrückt im Kranzkasten verstaut hat. «Für mindestens drei hat es noch Platz.»

Die Differenz möchte er heute beim Nordostschweizerischen in Hallau verringern. Weitere Chancen wird er bei den Bergfesten Rigi, Weissenstein, Schwägalp sowie beim Eidgenössischen in Zug erhalten. Und wenn die Rechnung nicht aufgeht? «Dann ist das halt so.»

Die Gedanken an den Abschied fallen ihm leicht. Der Vater einer sechs Jahre alten Tochter ist Co-Betreiber zweier Käsereien. Er sei letztes Jahr erstaunt darüber gewesen, wie wenig er das Schwingen vermisst habe. Seither hat Forrer die Gewissheit: «Es wird ganz gut gehen ohne.»

Erstellt: 29.06.2019, 22:41 Uhr

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