Bencic heult nur noch nach harten Niederlagen

Belinda Bencic (22) erklärt vor dem WTA-Finale, wie sie die Balance im Tennis und Leben gefunden hat

Jongliert das Berufliche und das Private locker: Belinda Bencic.

Jongliert das Berufliche und das Private locker: Belinda Bencic. Bild: Benjamin Soland/Freshfocus

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War die Teilnahme am WTA-Finale für Sie ein Traum wie der Gewinn von Grand-Slam-Turnieren?
Mich faszinierten die Fotos, wie die acht Spielerinnen in Abendkleidern um die Trophäe herumstehen. So wie wir nun auch wieder. Das fand ich cool. Und natürlich verfolgte ich das Turnier von klein auf. Aber ich träumte von den Grand Slams. Und wenn man da gewinnt, ist man ja auch fast sicher am WTA-Finale dabei.

Vor zwei Jahren waren Sie nach Ihrer Verletzungspause bis auf Rang 318 abgerutscht, nun sind Sie so gut wie noch nie. Worauf sind Sie am meisten stolz?
Auf meine Konstanz in dieser ­Saison. Wenn man es in die Top 8 geschafft hat, zeigt das, dass man Woche für Woche die Resultate gebracht hat. Ich zählte konstant zu den Besten. Shenzhen ist für mich die Belohnung. Der Bonus.

Noch in Wimbledon waren Sie nach Ihrem frühen Aus enttäuscht, dass Sie Ihre Emotionen nicht im Griff hatten. Danach gelang Ihnen das viel besser. Wieso?
Daran arbeite ich konstant. Wie ich etwa in Moskau, als es für mich ums WTA-Finale ging, ruhig geblieben bin, freute mich sehr.

Wie arbeiten Sie daran? Auch mit einem Mentaltrainer?
Nein, ich mache kein spezifisches Mentaltraining. Das kommt bei mir mit den Spielen. Die Niederlagen lehren mich am meisten. Der Match gegen Alison Riske in Wimbledon war für mich die beste Lektion. Es passierte mir danach nicht mehr, dass ich solche Vorteile verspielte. Und natürlich besprechen wir solche Situationen im Team.

Logisch ist man da launisch.
Es ist ja auch während der Spiele ein ständiges Auf und Ab.

Andre Agassi sagte nach seinem Rücktritt, er habe während seiner Karriere immer gedacht, er sei launisch. Und erst später gemerkt, dass das Leben als Tennisprofi launisch sei. Wie kann man damit klarkommen?
Ich verstehe, was Agassi meint. Tennis ist extrem: Man gewinnt einen Match und ist im Hoch, dann verliert man und ist am Boden zerstört. Die Emotionen gehen extrem rauf und runter. Logisch ist man da launisch. Es ist ja auch während der Spiele ein ständiges Auf und Ab. Ich versuche, die Siege nicht mehr so stark zu feiern und nach Niederlagen nicht mehr so traurig zu sein. Jeder hat einmal einen schlechten Tag. Das muss man auch hinnehmen können. Das war lange sehr schwierig für mich.

Man sah Sie früher oft mit verweinten Augen nach Niederlagen. Wann war das letzte Mal, dass Sie nicht aus Freude geweint haben?
Eine grössere Krise gab es in diesem Jahr zum Glück nicht. Ich heule nicht mehr nach jeder Niederlage. Nur noch nach wirklich harten. Ich bin neben dem Court ein sehr positiver Mensch. Aber wenn ich spiele, bin ich eben sehr emotional. Und wir Frauen sind ja noch launischer. (lacht) Aber ich habe nun eine bessere Balance gefunden.

Apropos Balance: Ist es ein Schlüssel für Ihre Erfolge, dass Sie mit Ihrem Vater als Coach und Ihrem Freund als Fitnesstrainer ein Umfeld gefunden haben, das Ihnen entspricht?
Ja, auf jeden Fall. Ich sagte ja ­jedes Mal, wenn ich etwas Neues probierte, jetzt wüsste ich, wie es funktioniert. Aber dass es funktioniert, zeigt sich in den Resultaten. Jede Spielerin muss das finden, was für sie passt. Und man muss auch einmal schlechtere Erfahrungen machen, um zu merken, was man nicht möchte. Letztlich gibt einem der Erfolg recht.

Wie gut gelingt es Ihnen, das Berufliche und das Private zu trennen mit Ihrem Vater Ivan und Ihrem Freund Martin?
Das ist kein Problem. Neben dem Tennis sehe ich Papi als Papi und Martin als meinen Freund. Ich kann es sehr gut trennen. Aber wir sind noch am Anfang.

«Jetzt habe ich eine zweite Welle, bin ich in der Euphorie. Die ­Müdigkeit wird danach kommen»

Ihr Freund coachte Sie in Moskau in Abwesenheit Ihres Vaters, kam auch auf den Court und redete auf sie ein. Ist er nun auch Ihr Coach?
(lacht) Nein, er ist ja nicht Tennistrainer. Aber er ist immer dabei und hört, was mein Vater sagt. Er sagte keine Tennissachen zu mir, versuchte einfach, mich zu beruhigen. Und mich an die Dinge zu erinnern, die wir mit meinem Vater besprochen hatten. Wir hatten es lustig in Moskau. Als Martin das erste Mal auf den Court kam, war er sehr nervös. Aber ich gewann dann jeweils immer das nächste Game. Das hat geholfen.

Trainer, Freund, Mitjubler: Bencic freut sich mit Martin Hromkovic über den Sieg in Moskau. (Bild: Keystone)

Was haben Sie in Ihrer Leidenszeit vor und nach Ihrer Handgelenkoperation im Frühling 2017 über sich herausgefunden?
Als ich verletzt war, merkte ich, wie gerne ich Tennis spiele. Wie sehr es mir fehlt. Ja, es ist nicht einfach, mit den Emotionen umzugehen in diesem Sport. Nach Niederlagen bin ich traurig. Aber als ich gar nicht spielte, vermisste ich diese Achterbahn der Gefühle.

Fühlt sich Shenzhen anders an als gewöhnliche Turniere?
Ja, viel spezieller. Darauf bereiteten mich die anderen Spielerinnen vorher auch schon vor. Wir sind nur acht, müssen viel mehr Promo-Sachen machen als sonst. Am Freitag hatten wir von 13.30 Uhr bis 20 Uhr Fotoshootings und die Auslosungszeremonie. Am Samstag standen eineinhalb Stunden Medien auf dem Programm. Und wir erhalten unglaublich viele Geschenke von den Sponsoren. Wie Kosmetiksachen vom Titelsponsor (Shiseido). Das ist schon cool. Ich muss wahrscheinlich einen Extrakoffer kaufen, damit ich alles nach Hause bringen kann.

Sie haben in diesem Jahr schon 68 Spiele bestritten.Wie frisch sind Sie noch?
In Wuhan und Peking war ich schon recht müde. Jetzt habe ich eine zweite Welle, bin ich in der Euphorie. Logisch, nach der Saison wird die Müdigkeit kommen. Nach Moskau, als die ganze Anspannung weg war, spürte ich sie kurz. Aber nun, da ich hier bin, die anderen Spielerinnen sehe, die Turnieratmosphäre erlebe, gibt mir das nochmals einen Schub.

Wie sehen Sie Ihr Auftaktspiel gegen Ashleigh Barty?
Sie ist die Nummer 1 der Welt, hat eine unglaubliche Saison gezeigt. Und ich habe noch nie gegen sie gespielt. Sie spielt anders als die meisten, mit mehr Slice. Ich bin froh, konnte ich das jüngst gegen Spielerinnen wie Herzog und Flipkens üben. Der Platz ist sehr unregelmässig, das wird es noch schwieriger machen gegen sie. Ich wurde oft gefragt, wie ich meine Gruppe einschätze. Ist ja klar, dass es hier keine einfachen Gegnerinnen gibt. Ich konzentriere mich einfach auf mein Spiel, wie immer. Und freue mich auf jeden Match.



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Erstellt: 27.10.2019, 09:03 Uhr

Belinda Bencic

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