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Carlo cool

Werden Ancelotti und Bayern noch glücklich?

Sie wussten, wen sie holten, und sie holten ihn bewusst, Carlo Ancelotti folgte auf Pep Guardiola, und in seiner Autobiografie wird das erste Telefon­gespräch zwischen ihm und Bayern München so geschildert: «Hallo, Carlo, hier spricht Rummenigge.» – «Hallo, Kalle.» – «Guardiola geht zum Ende der Saison, und wir wollen dich haben.» – «Gut. Mache ich.»

Ancelotti ist so ganz anders als der in vielem geniale, aber sehr anstrengende Guardiola, der kurz nach einem Spiel seinen Laptop hervornimmt und analysiert, ob man den siebten Corner vielleicht anders hätte ausführen und der rechte Verteidiger beim Anpfiff zwei Meter mehr links hätte stehen müssen. Ancelotti sagt, das Wichtigste sei, dass sich die Spieler wohlfühlen, er vertraue auf die Beziehung zu den Menschen, Autorität erhalte ein Chef durch Respekt und Vertrauen, nicht durch Angst. Carletto nennen sie ihn, das Karlchen, er ist ein Bauernsohn aus der Emilia-Romagna, in einfachen Verhältnissen aufgewachsen. Er strahlt mit seinem gutmütigen Gesicht eines Bären viel Empathie aus. Er sei ein Spielerversteher, loben sie ihn.

Nach seinen ersten Wochen in München hiess es, die Spieler seien befreit, sie würden das andere Betriebsklima schätzen mit dem Mann an der Linie, der nicht ständig wild herumfuchtelt, sondern nur seinen Kaugummi bearbeitet und höchstens mal die linke Augenbraue hochzieht.

Aber es kamen bald auch gewisse Zweifel. Ancelotti ist lieb und unauf­geregt, aber ist er vielleicht zu lieb und zu unaufgeregt? Fordert er die Spieler zu wenig? Gibt er ihnen zu wenig taktische Hilfe? Vermissen sie gar die präzisen Befehle des Vorgängers und dessen Detailbesessenheit?

Es war im November, als Uli Hoeness, besorgt über gewisse Entwicklungen, den Trainer zu einem Abendessen an den Tegernsee einlud. Ancelotti kam mit einer Kiste italienischem Rotwein und vorzüglichem Schinken, er war angetan vom Pizzaofen, der in Hoeness’ grosser Küche steht, sie redeten über das Schöne im Leben, und das Essen lieben sie beide, es wurde ein langer Abend, sie redeten über vieles, aber nicht über das, wo­rüber Hoeness eigentlich auch hatte reden wollen, und irgendwann spät in der Nacht war der Zeitpunkt dafür nicht mehr der richtige, nach dem gutem Wein und den Würsten und was es alles sonst noch gab.

Ancelotti hätte vielleicht das gesagt, was er einmal auch der Londoner «Times» gesagt hatte: «Immer wenn es schwierig wird, sagt jemand: ‹Du lässt den Spielern zu viele Freiheiten – du musst die Peitsche spüren lassen.› Aber so geht man nur mit Pferden um.»

Wie sie nun in München mit ihm umgehen werden, nach dem Ausscheiden in der Champions League, wird sich bald zeigen, Borussia Dortmund ist morgen der Gegner im Cup-Halbfinal. «Du kannst noch so gut sein», hat er vor Monaten in der «Zeit» gesagt, «wenn du auf diesem Toplevel keine Titel holst, wirst du früher oder später entlassen, ganz einfach deshalb, weil der Verein ja schlecht 22 Spieler entlassen kann.» Und er erzählte auch, wie es war, damals in London bei Chelsea. Er hatte einige Tage zuvor seine Frau Mariann kennen ­gelernt, sie rief ihn am Sonntag an und fragte, wie das Spiel gelaufen sei. Nicht besonders gut, habe er geantwortet, und ausserdem hätten sie ihn entlassen.

Wahrscheinlich hat Ancelotti am Telefon dabei seine linke Augenbraue hochgezogen.

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