Da liegt sogar Fliegenfischen drin

Die Biathlon-Saison hat für Benjamin Weger so gut angefangen, dass er locker ist wie lange nicht mehr.

Liegt für Weger in Pyeongchang eine Medaille drin? «Würde ich nicht daran glauben, müsste ich nicht dorthin.» Foto: EPA, Keystone

Liegt für Weger in Pyeongchang eine Medaille drin? «Würde ich nicht daran glauben, müsste ich nicht dorthin.» Foto: EPA, Keystone

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«Nichts Besseres» hätte er sich vorstellen können. Benjamin Weger verbrachte die letzten beiden Wochen des alten und die ersten beiden Tage des neuen Jahres «da, wo es mir am wohlsten ist»: zu Hause im Obergoms. Er sagt: «Hier bin ich sofort angekommen, auch wenn ich Monate woanders gelebt, gelaufen und trainiert habe.» Da liess sich verkraften, dass er zum Schiessen auf einer vollelektrischen Anlage durch den Furkatunnel nach Realp reisen musste. Wollte er in der Nähe trainieren, musste er sich mit manuell betriebenen Scheiben begnügen, für die er einen Helfer brauchte.

Weger fand sogar die Zeit, um einen Tag mit Kollegen nach Italien zum ­Fliegenfischen zu fahren – «Biathlon war während Stunden kein Thema». Eine fast verloren geglaubte Lockerheit kommt da zum Vorschein. Diese gründet im bisherigen Saisonverlauf. Weger glückten Resultate, wie er sie in den letzten Jahren schmerzlich vermisst hatte. Ein fünfter und zwei siebte Ränge im Weltcup ragen heraus. «Die sind für mich so wertvoll wie die früheren Podestplätze», sagt Weger. Längst hat er damit die Qualifikationskriterien für Olympia erfüllt.

Der 28-Jährige feierte vor bald zehn Jahren seine ersten grösseren Erfolge: An den Europäischen Jugendspielen gewann er Silber und Bronze, später Silber an der Junioren-WM, und in seinen ersten beiden Elitesaisons (2010/11 und 2011/12) lief er viermal aufs Weltcup-podest. ­Weger, der Schweizer Hoffnungsträger einer ganzen Sparte. Er sagte sich damals: «Jetzt will ich Siege.»

Der Schritt ins Ungewisse

Es kam anders. Weger musste Dämpfer hinnehmen, verschwand zusehends aus den Schlagzeilen. Zwar kämpfte er sich aus Tiefs immer wieder hoch, jedoch nicht nachhaltig. Er geriet in ein Übertraining, was aber weder er noch seine Coachs realisierten. Nur die Resultate sprachen eine deutliche Sprache. Sie waren schlecht und entsprachen je länger, je weniger seinem Anspruch. Das schwächte eine von Wegers grössten Stärken: das Selbstvertrauen. So liessen auch seine Schiessleistungen nach.

«Es kann nicht alles weg sein, was ich einmal konnte», sagte sich Weger in der Krise. Vor gut zwei Jahren begann er, ­intensiv mit einem Mentaltrainer zu arbeiten. Einen Effekt erhoffte er sich vor allem im Schiessen. Er arbeitete an technischen Details – und machte Fortschritte. Seine Schiessleistungen waren im letzten Winter konstant. Dennoch blieben Topresultate aus – weil sein läuferisches Niveau nicht mehr höchsten Ansprüchen genügte. Zwar schaffte er es immerhin viermal in die Top 10, Rang 9 war aber das Bestresultat.

Also galt es, vor allem wieder an den physischen Komponenten zu arbeiten. In Absprache mit Nationaltrainer Jörn Wöllschläger wagte er Anfang Sommer einen Schritt ins Ungewisse: Er setzte auf Höhentraining. Dieses hat sich in anderen Ausdauersportarten schon länger etabliert, ist im Biathlon aber noch kaum verbreitet.

Mit «sensationeller Wirkung»?

Während eines drei­wöchigen Sommer-Trainingslagers in Südtirol verbrachte er die Abende und Nächte allein auf über 2000 m Höhe – ohne Telefonempfang, ohne Internet und zeitweise ohne Strom. «Mental war das eine Heraus­forderung. Mein Körper aber sprach auf den Reiz an», sagt ­Weger.

Diesen Effekt will Weger auch im ­Hinblick auf Olympia nutzen. Er lässt die nächste Weltcupstation (Ruhpolding) aus und reist für ein Höhentraining wiederum nach Südtirol. In der Biathlon-­Destination Antholz wird er trainieren und abends in die Höhe fahren. Armin Auchentaller, der Schweizer Frauentrainer, nutzte seine Kontakte als Südtiroler und sorgte für passende Lokalitäten und kurze Wege. Weger spricht von «einem Experiment mit möglicherweise sensationeller Wirkung». Die beiden Weltcup-rennen von Antholz nutzt er dann als letzten Olympiatest.

Dass er noch wenig Erfahrung mit ­Höhentraining hat, sieht Weger nicht als Problem. Er sagt: «Verlieren kann ich nichts, höchstens viel gewinnen.» Auch eine Olympiamedaille im Februar? «Da muss enorm viel passen», sagt er – und fügt sogleich an: «Aber würde ich nicht daran glauben, müsste ich weder in die Höhe noch nach Pyeongchang fahren.»

Und noch etwas sagt Weger: «Ich weiss, wie viel Arbeit hinter den jüngsten Resultaten steht. Das ist der grösste Unterschied zu den Topergebnissen aus meiner frühen Karriere.»

Erstellt: 04.01.2018, 00:10 Uhr

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