«Das Bild vom schwachen Menschen ist in den Köpfen»

Manuela Schär gewann letzten Sonntag zum 3. Mal den New York Marathon. Die Rollstuhlsportlerin lebt in zwei Welten – und kämpft in beiden mit Tabus.

Würde all ihre Medaillen hergeben, um wieder laufen zu können: Manuela Schär. (Foto: Stefano Schröter)

Würde all ihre Medaillen hergeben, um wieder laufen zu können: Manuela Schär. (Foto: Stefano Schröter)

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Als Interviewer haben wir uns gefragt, ob man manche Fragen überhaupt stellen darf ...
... klar, nur raus damit.

Was für eine Bedeutung haben Ihre Beine für Sie?
… ich glaube, man stellt sich das falsch vor. Innerlich habe ich das Gefühl von Beinen. Denke ich jetzt daran, kribbeln und brennen sie, auch meine Fusssohlen. Diese Wahrnehmung geht aber von ­meinem Gehirn aus. Wenn jemand von aussen auf mein Bein drückt, spüre ich das nicht.

Kennen Sie Kuhnagel?
Was ist das?

Wenn die Zehen nach extremer Kälte beim Aufwärmen schmerzen. Oder wie heisst das im Luzernischen?
Ach, Sie meinen Hornigel. Nein, bei mir kenne ich das nicht. Aber das ist individuell. Es gibt so viele Nervenstränge im Rückenmark, und wenn nur einer davon funktioniert, sieht es wieder ganz anders aus. Dann hat man vielleicht gewisse Funktionen. Es gibt Hunderte Arten von Lähmung.

Der Sport, den man betreibt, formt den Körper. Gefällt Ihnen der Ihre?
Nein. Oder doch. Mir gefällt nicht, wie mein Körper durch meine ­Behinderung geformt wurde.

Inwiefern?
Er wird gegen unten immer schmaler, die Muskeln sind total verschwunden. Sie lösen sich auf und verwandeln sich in neues ­Gewebe. Das passiert ganz am ­Anfang und ziemlich schnell. Das finde ich ganz schlimm. Und als Frau will man eigentlich genau das Gegenteil: unten viel Hüfte und oben schmal.

Ihr Oberkörper verrät aber nicht unbedingt, wie viel Power in ihm steckt.
Das ist auch eine Frage des Typs. Rollstuhlfahrer sind generell nicht unbedingt filigran aus­trainiert wie Marathonläufer. Das sieht man besonders bei den Männern, die zum Teil sehr bullig sind.

Überragend: Manuela Schär gewann zuletzt zum dritten Mal in Folge den New York Marathon. (Foto: Stefano Schröter)

Es ist also kein Nachteil, in Ihrem Sport schwer zu sein?
Doch – ich glaube, es ist ein Nachteil. Damit sind wir wieder beim Thema Behinderung, leider. Für uns Rollstuhlfahrer ist das Gewicht grundsätzlich ein Thema, weil unser Grundumsatz stark ver­ringert ist. Bei mir liegt er bei 1200 Kalorien pro Tag.

Bei einer Durchschnittsfrau sind es ungefähr 2000 . . .
. . . ja, und im Training verbrenne ich im Vergleich zu einem Läufer viel weniger, weil ich nur die Arme brauche. Die vermögen nicht so viel zu verbrennen wie die ganze Beinmuskulatur. Das ist tatsächlich ein schwieriges Thema. So ist der Grundumsatz stark verringert, der Eiweissbedarf allerdings bleibt fast gleich.

Wie ernähren Sie sich konkret?
Ich esse viel Quark, Gemüse, Salat und Poulet. Aber Pasta würde ich mir zu ­Hause nie kochen – obwohl alle das ­Gefühl haben, Ausdauersportler müssten möglichst viel Pasta essen. Das sind genau die Sachen, bei denen ich aufpassen muss.

«Als Rollstuhlsportlerin kann ich sechs bis sieben Marathons pro Jahr bestreiten, ein Läufer eher zwei.»

Wie hoch ist Ihr Kalorienbedarf bei zwei Trainings pro Tag?
Circa 1700 bis 2000 Kalorien. Das ist ­wenig. Besonders, wenn man wie ich ­gerne isst und das auch richtiggehend ­zelebriert.

Wenn Sie als Spitzensportlerin nur 1700 Kalorien verbrauchen – was bedeutet das Gewicht dann für andere auf den Rollstuhl Angewiesene?
Das ist ein heikles Thema. Man muss zuerst lernen, wie viel der Körper nach so einer krassen Veränderung noch braucht. Wenn man sich weiterhin genau gleich ernährt wie vorher, wird man ziemlich schnell ziemlich viel zunehmen. Dazu kommt die Belastung, die das zusätzliche Gewicht bedeutet. Wenn man bedenkt, was die Schultern im Alltag alles ­aushalten müssen, zählt in meinen Augen jedes Kilo, das man sparen kann. Die Schultern sind nicht für solche Belastungen gemacht. Das ist einfach so.

Sie erhielten vor einer Woche in New York als Siegerin 25'000 Dollar, die schnellste Läuferin 100'000. Ist Ihre Leistung nur ein Viertel wert?
Nein. Als Rollstuhlsportlerin kann ich sechs bis sieben Marathons pro Jahr bestreiten, ein Läufer eher zwei. Also haben wir mehr Möglichkeiten, Preisgeld zu gewinnen. Trotzdem finden einige Rollstuhlsportler, sie würden im Verhältnis zu wenig bekommen. Ich sage: Seid angesichts der positiven Entwicklung in unserem Sport ein bisschen dankbarer.

Warum können Sie so viele Marathons mehr als ein Läufer bewältigen?
Wir bewegen uns auf Rädern fort, entsprechend haben wir weniger Schläge zu verdauen. Weil bei uns diese Mikroverletzungen nicht ­vorliegen, ist unsere Erholungszeit viel kürzer. Ausserdem dauert unsere Belastung rund 30 Minuten weniger lang.

Wenn Sie wie letzte Woche nach New York fliegen: Wie muss man sich die Reise konkret vorstellen?
Ich packe mein Material selber, habe dafür eine Spezialbox von Honda, meinem Rennrollstuhlhersteller. Die Räder werden in eine Tasche verpackt. Die Box verfügt ebenfalls über Räder, ich kann sie selber ­bewegen. Beim Check-in am Flughafen kommt alles zusammen ins Sperrgepäck.

«Nichts geht über einen gesunden, fitten Körper. Ich wünschte mir natürlich, laufen zu können.»

Sie reisen allein?
Sehr häufig, ja. Der Transport ins ­Hotel ist dann jeweils organisiert, der Rollstuhl kommt in mein ­Zimmer.

Läufer können auch mitten in New York noch eine Runde vor dem Wettkampf drehen. Sie kaum. Was tun Sie?
Ich habe immer eine mobile ­Trainingsrolle dabei. Sie besteht aus drei Teilen, man kann sie ins Handgepäck nehmen. Fürs Aufwärmen oder ein lockeres Training reicht sie.

Im Hotelzimmer?
Ja, wir sind praktischerweise meist in schönen und grossen Zimmern untergebracht. (lacht) Wenn ­möglich aber will ich raus. Da die ­Marathons stets dieselben sind, weiss ich mittlerweile, wo ich in der Nähe trainieren kann. Man muss einfach oft schon morgens um sechs starten, damit man nicht ständig Leute überholen muss.

Als Spitzensportlerin messen und vergleichen Sie sich ständig. Im Alltag aber können Sie sich wegen Ihrer Behinderung oft nicht mit anderen vergleichen. Wie gehen Sie damit um?
Diesen Drang in mir ­würde ich ­gerne abstellen können – doch das geht nicht. Ich bin sehr ehrgeizig, muss mich also zu kontrollieren versuchen. Denn ich möchte mich gerne in jedem Bereich mit anderen messen können. Dass ich es nicht kann, stresst mich.

Hadern Sie regelmässig? Oder lernt man mit den Jahren, sein Schicksal zu akzeptieren?
Man versucht, sich möglichst ­wenig in Situationen zu begeben, die einen schmerzen.

Sie sagten einst, Sie würden alle Medaillen zurückgeben, wenn Sie wieder laufen könnten. Gilt das noch immer?
Ja. Nichts geht über einen gesunden, fitten Körper. Ich wünschte mir natürlich, laufen zu können. Mir ist ein Scheiss mit krassen ­Folgen passiert.

Blick hinter die Kulissen am Berlin-Marathon 24.9.2017 mit Manuela Schär. (Video: Youtube/CS2)

Zur Querschnittlähmung gehört auch, sich regelmässig auf Druckstellen zu untersuchen, weil die sich zu schweren Verletzungen ausweiten können. Während eines Marathons müssen Sie Schläge hinnehmen und Druck aushalten – ist das heikel?
Die Haut ist für Querschnitt­gelähmte ein zentrales Thema. Ich wurde nach den Paralympics 2012 drei Monate im Schweizer Paraplegiker-Zentrum Nottwil behandelt, weil eine Hautstelle verletzt war. Letztlich kann sich dann gar der Knochen entzünden, da sich die Stelle nicht erholen kann. Leidet man an einem solchen ­Problem, dauert es meist lange, bis es gelöst ist. Den Rennstuhl habe ich darum an den entsprechenden Stellen gepolstert und versuche, eine möglichst druckfreie Sitzposition einzunehmen. Fliegen oder Reisen ist bezüglich Druckstellen gerade für das Gesäss aber ­heikler.

Untersuchen Sie sich täglich?
Es wird einem in der Rehabili­tation quasi eingehämmert, sich regelmässig auf Druckstellen zu überprüfen. Als Unversehrter weiss man davon schlicht nichts. Aber mit mehr Erfahrung als ­Querschnittgelähmte muss ich nicht mehr täglich einen Spiegel hervorholen.

Warum mussten Sie sich 2012 trotzdem mehrere Wochen behandeln lassen?
Ich hatte dieses Problem schon vor den Paralympics, wollte aber ­unbedingt teilnehmen. Damit verschlimmerte ich alles. Als Folge lag ich nach London 12 Wochen im Bett – auf einer Spezialmatratze. Sitzen darf man in einer solchen Situation nicht.

Sind Flüge schlimmer als Wettkämpfe, weil man über Stunden nur sitzt?
Genau. Ich bin darum immer wie auf Nadeln. Ich musste vorletztes Jahr gar ein Rennen absagen nach dem Hinflug. Ich war schon in ­Tokio, es fühlte sich aber ungut an. Also verzichtete ich auf den ­Wettkampf.

Fliegen Sie Business, damit Sie liegen können?
Ich schwor mir, zumindest nicht mehr Holzklasse nach Japan zu fliegen. Ansonsten aber bin ich in der Economy. Ich glaube nicht, dass mir ein Veranstalter die bessere Klasse zahlen würde.

Die weltbesten Läufer werden kaum Economy fliegen . . .
. . . in der Rollstuhlsport-Szene passiert momentan sehr viel. Ich fahre seit 2013 Marathon: Das Preisgeld steigt fast jährlich, wir sind mittlerweile in der gleichen Presse­konferenz dabei wie die Läufer, quasi als Gleichberechtigte.

International spielen Sie auf der grossen Bühne. Und im Alltag? Spüren Sie da Neid von Querschnittgelähmten, die nicht so erfolgreich sind?
Klar, wir Sportler erscheinen oft in den Medien, repräsentieren aber nicht die Mehrheit der Querschnittgelähmten, das stimmt. Darum kann ich Kritik nachvollziehen. Was mich hingegen im Umgang mit Nichtbehinderten stört: Wenn jemand sagt: «Mach doch Rollstuhlsport, geh an die Paralympics.» ­Dabei haben solche Leute keinen Schimmer, was das bedeutet. Die denken, das gehe einfach Hand in Hand. Aber jemand, der vorher keinen Sport gemacht hat, wird nicht plötzlich zum Sportler, nur weil es ihm guttut oder weil es die Möglichkeit gibt, Dinge auch im Rollstuhl zu machen.

­Manuela Schär: «Dabei haben solche Leute keinen Schimmer, was das bedeutet.» (Foto: Stefano Schröter)

Sportler wollen generell ein möglichst starkes Bild von sich abgeben. Sie auch?
Schon. Aber es geht auch darum, dass wir gegenüber unserem ­ganzen Sport eine Verantwortung tragen. Die paar wenigen Aushängeschilder, die wir in der Welt ­haben, sollten uns in den Medien auch gut repräsentieren. Wir leben in einer Gesellschaft, in der es für Schwäche kaum Platz hat. Das ist in der Arbeitswelt genau gleich: Da sollte man sich auch nicht schwach oder angeschlagen zeigen. Das ist manchmal schon schwierig.

Geht es wirklich um Schwäche – oder eher darum, anders zu sein?
Schwäche, Behinderung, weniger Leistungsfähigkeit: Alles, was nicht der Norm entspricht oder eine Einschränkung bedeutet, passt eben gut zusammen. Die Menschen ­basteln sich schnell ein Bild.

«Es ist gut, wenn man weiss, wie es in der Arbeitswelt funktioniert. Als Sportler lebt man schon ein wenig in einer Scheinwelt.»

Liegt das daran, dass es in der Öffentlichkeit an Verständnis fehlt für den Rollstuhlsport?
Die ganzen querschnittspezifischen Probleme hat man als Rollstuhlsportler trotzdem. Aber das Thema ist schon etwas tabu, und das macht auch die Gesellschaft.

Womit wir wieder bei Anerkennung und Wertschätzung wären.
Wir sind so oft konfrontiert mit Leuten, die das nicht für voll nehmen oder nicht als Leistungssport sehen, dass man fast das Gefühl ­bekommt, man dürfe nicht über Schwäche sprechen. Aber die gehört eben auch dazu. Dass ich zum Beispiel mit Hautproblemen kämpfen muss, sage ich logischerweise nicht an einer Pressekonferenz, wo alle das Gefühl haben sollen: Wow, die ist bereit, die rockt das Ding. Man überlegt sich schon, was man sagt. Und was besser nicht, weil eben das Bild vom schwachen Menschen in den Köpfen ist.

Sie arbeiten neben dem Sport im Teilzeitpensum, obwohl Sie das finanziell nicht müssten. Weil Sie stark sein wollen?
Nein, weil ich irgendwo noch einen Fuss drin haben will. Es ist gut, wenn man weiss, wie es in der Arbeitswelt funktioniert. Als Sportler lebt man schon ein wenig in einer Scheinwelt, kann sich ­seine Tage sehr frei einteilen. Es ist wichtig für mich, dass ich einen Bezug zu einer anderen Realität habe.

Wann sind Sie eigentlich aus New York zurückgekommen?
Am Dienstag. Der Kontrast ist schon recht gross. Eine turbulente Woche mit viel Programm, mega vielen Leuten und Adrenalin. Dann kommt man heim – und zack, der Alltag ist zurück. Das ist manchmal emotional schwierig, ich muss immer schauen, dass ich dann nicht in ein Loch falle, weil es eben vorher so krass, so viel ist.

Haben Sie Pläne, wie lange Sie im Spitzensport bleiben wollen?
Nein. Ich kann mir etwas anderes auch gar nicht recht vorstellen – weil es im Moment so gut läuft und einfach funktioniert.

Der Sport ist ja auch ein gar nicht so kleiner Teil Ihres Lebens.
Nein – es dreht sich alles um ihn.



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Erstellt: 10.11.2019, 11:02 Uhr

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Die 34-Jährige ist die Seriensiegerin im Rollstuhl-Rennsport. Die letzten elf Marathons gewann die Luzernerin, zuletzt vor einer Woche in New York. Schär arbeitet zu 20 Prozent als kaufmännische Angestellte, ansonsten widmet sie sich voll dem Sport, der sie bereits in der Lehrzeit 2004 an ihre ersten Paralympics führte. Sie trainiert an sechs Tagen in der Woche.

Querschnittgelähmt ist Manuela Schär seit 25 Jahren. Als Neunjährige verletzte sie sich an einem Kindergeburtstag gravierend, als eine Schaukel schlecht im Boden verankert war und zusammenbrach. Sechs Monate musste sie in der Erstrehabilitation im Paraplegiker-Zentrum Nottwil verbringen. Schär ist single und lebt mit Hund Louis in Kriens. (cb/phm)

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