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Das Grossmaul zeigt es allen

Patrick Reed sieht sich schon länger als einer der fünf besten Golfspieler der Welt. Nun hat der 27-jährige Texaner immerhin sein erstes Major gewonnen: Das Masters in Augusta.

Stämmiger Sieger: Patrick Reed hats immer gewusst. Foto: Chris Carlson (Keystone)
Stämmiger Sieger: Patrick Reed hats immer gewusst. Foto: Chris Carlson (Keystone)

Dieser Sonntag im Augusta National Golf Club, er war einer, der die Zehntausenden von Zuschauern immer wieder aufschreien liess. Weil so viele erstaunliche Dinge passierten, wie sie in dieser Ballung selten vorkommen. Zumal nicht an einem heilig anmutenden Ort wie diesem.

Der Engländer Paul Casey benötigte für die Bahnen 11, 12 und 13 – Amen Corner genannt – nur acht Schläge, bloss fünf Spieler hatten dort jemals so wenige benötigt in 81 Turnieren zuvor. Charley Hoffmann schlug ein Ass, ein Hole-in-one auf Bahn 16, ein Par 3. Der Amerikaner mit der Spiegelbrille tanzte wild umher. Der beste Amateur Doug Ghim (USA) lochte den letzten Schlag an der 18 aus dem Sandbunker direkt ein, Millionen sahen es im Fernsehen, mehr Ruhm geht kaum für einen wie ihn. Dem grossen Tiger Woods, zurück nach schwierigen Jahren, gelang sein erstes Eagle, zwei unter Par, eine 3 auf der Par-5-Bahn Nummer 15. Das Zeichen: Er kann es also doch. Nach seiner besten Runde (69 Schläge) wurde er 32.

Und beinahe hätte es noch ein Wunder gegeben, wie es das Masters noch nie erlebt hatte. Aber das wäre dann vielleicht zu viel Golfhistorie auf einmal gewesen. In der Schlussrunde neun Schläge Rückstand auf den Führenden aufzuholen, das hatte zuvor keiner vollbracht. Der Engländer Nick Faldo etwa schaffte es, einmal sechs Schläge gutzumachen, als der Australier Greg Norman einbrach. An diesem Sonntag um 15.30 Uhr Ortszeit waren Patrick Reed, der ­Gejagte, und Jordan Spieth, der Jäger, tatsächlich dann plötzlich schlaggleich. Mit 14 unter Par. Aber der Amerikaner Reed, der einige Löcher hinter seinem Landsmann Spieth spielte, wehrte das Wunder ab.

Ein Segen für den Golfsport

«Kleines dickes Müller» hat mal liebevoll Ex-Bayern-Trainer Zlatko «Tschik» Cajkovski den legendären Gerd Müller genannt. Gleiches hätte am frühen Abend Club-Chairman Fred Ridley respektvoll sagen können, als der Sieger das grüne Jackett samt Pokal überreicht bekam. «Kleines dickes Reed», von manchen am Anfang seiner jungen Profikarriere als grossmäulig angesehen, weil der einfach von sich behauptet hatte, zu den besten fünf Spielern der Welt zu zählen, hat nun wirklich sein erstes Major gewonnen. Im Alter von 27 Jahren. «Ich kann das kaum in Worte fassen», sagte Reed diesmal eher demütig. Er hat dazugelernt.

Die Amerikaner stellen damit alle vier aktuellen Major-Champions, und sie alle stammen aus einer Generation. Brooks Koepka (27) gewann das US Open, Spieth (24) das British Open, Justin Thomas (24) die PGA Championship. Unter diesen Kollegen ist Reed sicher der speziellste, nicht nur, weil man ihm von der Athletik her eher einen WM-Titel im Darts zutrauen würde. Aber der Texaner aus San Antonio besitzt ein Ballgefühl wie wenige, und wenn es ihm sein leidenschaftliches Gemüt erlaubt, hat er wohl mit seiner Selbsteinschätzung schon recht, dass er zu den Allerbesten zählt.

Reed, das macht ihn so besonders, ist jedoch mitnichten am besten, wenn er die Contenance bewahrt, wie man im Golf vermuten würde. Reed muss ein bisschen ausflippen dürfen, Fäuste ­recken, sich auf die Brust hämmern, das Publikum aufheizen, dann ist er in ­seinem Element. Sicherlich ist er nicht so, wie sich die betuchten Herren in ­Augusta am liebsten ihren Champion schnitzen ­würden. Für den Golfsport ist Reed aber ein Segen.

Reed muss ausflippen dürfen, das Publikum aufheizen, dann ist er in seinem Element.

Schon beim Ryder Cup vor zwei Jahren in Minnesota, als die USA nach langer Zeit wieder einmal Europa bezwangen, war es Reed, der in hitzigen Duellen mit Rory McIlroy für boxkampf­ähnliche ­Momente sorgte. Das Schicksal wollte es, dass an diesem Sonntag in ­Augusta Reed und der Nordire zusammen in einer Zweiergruppe spielten. McIlroy hatte wie alle in der Spitze eine eigene Herausforderung zu bewältigen. Mit dem Sieg beim Masters hätte er den ­Karriere-Grand-Slam vollbracht, alle vier Majors einmal gewonnen. Auf der zweiten Bahn verschob er einen Eagle-Putt, rückblickend wirkte dieser Patzer wie ein Barometer seiner grössten Schwäche an diesem Nachmittag. Er puttete schlecht. Sein Ziel, «die Party von Reed zu verderben», geriet mehr und mehr ausser Acht.

Der Nahkämpfer

Die Verschiebungen im vorderen Tableau waren lange überschaubar, wenngleich die Ersten leicht abreissen liessen, der Schwede Henrik Stenson, der Australier Marc Leishman. Ganz vorne wurde es enger. Der bullige Spanier Jon Rahm (23) blieb dran, Spieth zog seinen Plan durch, nicht aufs Leaderboard zu schauen, nur Spass haben zu wollen bei der Aufholjagd. Der Amerikaner Ricky Fowler (29) steigerte sich immer mehr, mit sechs Birdies ab Bahn 8 zog er am Ende um einen Schlag an Spieth, dem Champion 2015, vorbei – doch fehlte ein Schlag, um Reed einzufangen. Sein ­Caddie Kessler Karain sagte: «Er ist gut unter Druck.» Reed selbst sagte: «Ich wusste, dass mir nichts geschenkt wird und es viele Tests geben wird. Ich wusste, es wird ein Dogfight.» Ein Nahkampf, so sieht das einer wie Reed.

«Patrick liebt es zu führen, er zieht dann nie zurück», erkannte auch Fowler an, der nun mehr denn je als das grösste Talent ohne Majortitel gilt, «ich bin jetzt bereit zu gewinnen», schwor er sich schon auf das nächste Major ein, das US Open im Juni. Das grösste Lob aber bekam Instinktgolfer Reed vom 18-maligen Majorchampion Jack Nicklaus: «Die ganze Woche lebt er von den Par 5s, und dann spielt er dort nicht einmal Birdies und schiesst trotzdem eine 71er-Runde, das ist verdammt gut!», twitterte der 78-Jährige und ergänzte: «Das Masters hat einen grossartigen Champion. Es war nicht sein letzter Sieg bei einem Major.»

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