Der Diesel rostet, aber er fährt noch

Spielt Thabo Sefolosha für Utah Jazz, verliert das Team. Setzt der Schweizer aus, gewinnt es. Doch das beeindruckt ihn nicht.

Auch wenn Thabo Sefolosha nicht so häufig im Fokus der Zuschauer steht wie andere: Er ist wichtig für Utah Jazz. Foto: Melissa Majchrzak (Getty Images)

Auch wenn Thabo Sefolosha nicht so häufig im Fokus der Zuschauer steht wie andere: Er ist wichtig für Utah Jazz. Foto: Melissa Majchrzak (Getty Images)

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Eine Stunde vor Spielbeginn fängt für Thabo Sefolosha der persönliche Countdown an. Während seine jüngeren Mitspieler auf ihre Telefone starren, legt sich der Schweizer in der Gästekabine des Bostoner TD Garden bäuchlings auf den Boden. Er hebt den Oberkörper und die Beine so hoch, dass sein Rücken wie ein Pfeilbogen gekrümmt ist. Dann dreht sich Sefolosha zur Seite, macht Rumpfbeugen, um die schräge Bauchmuskulatur zu beanspruchen, und nach einer weiteren 90-Grad-Rotation liegt er auf dem Rücken und drückt seine Hüfte zur Decke. «Ich bin mittlerweile wie ein Diesel, muss meine Maschine warmlaufen lassen», sagt der 34-Jährige.

Was er zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiss: beim Gastspiel seiner Utah Jazz an diesem Samstag bei den Boston Celtics wird Sefolosha die kompletten 48 Minuten auf der Bank bleiben. Doch er wird von dort aus einen 98:86-Auswärtssieg sehen. Es ist so etwas wie das Sinnbild der bisherigen Saison: Ohne den Mann aus Vevey gewinnt Utah seine Spiele, mit ihm verliert es.

«Ich bin halt keine 24 mehr»

Bei den acht Siegen fehlte ­Sefolosha – zu Saisonbeginn war er wegen des Rauchens von Marihuana fünf Spiele gesperrt. Und die fünf Partien, in denen er anschliessend zum Einsatz kam, gingen allesamt verloren. Vor einer Woche gab es gar ein historisches 68:118-Debakel in Dallas. Und ausgerechnet bei dieser Schmach hatte Sefolosha mit zwölf Minuten seine bislang längste Einsatzzeit der Saison. So viel, wie er auch bei der jüngsten Niederlage bekam, einem 94:121 gegen die Indiana Pacers in der Nacht auf gestern.

Dennoch gibt sich Thabo Patrick Sefolosha gelassen. Wer, wie er, seit 2006 in der Liga ist, der geht mit der gegenwärtigen Situation eben entspannter um. «Ich glaube nicht, dass ich früher so gefasst gewesen wäre, wenn ich nicht spielen würde. Aber nach allem, was ich erlebt habe, nach all den Verletzungen, freue ich mich einfach, bei dieser tollen Truppe zu sein und zu helfen, wo ich kann», sagt Sefolosha.

. Er war noch nie jemand, der grosse Sprüche klopft, aber immer einer, der klar seine Meinung sagt.

Seine Ausgeglichenheit hat auch mit seiner Innenbandruptur zu tun. Im Januar hatte sich Sefolosha schwer am Knie verletzt, musste die Saison vorzeitig beenden. Die Nachwirkungen des Risses spürt er immer noch. Trainer Quin Snyder bezeichnet Sefoloshas Spiel als «etwas eingerostet», ergänzt aber, dass dies nach einer so langen Verletzung normal sei. Das lädierte Knie, betont Sefolosha, behindere ihn im Spiel nicht, erfordere aber schon eine gewisse Vor-und Nachbehandlung. «Ich bin nun einmal keine 24 mehr», sagt er und lacht.

Rückblickend sieht Sefolosha die Saison 2017/18 als «eine meiner besten» an. Der Small Forward steigerte seine Trefferquote von der Dreierlinie auf 38,1 Prozent – der drittbeste Wert seiner Karriere. Aus dem Feld ­heraus landete sogar fast jeder zweite Wurf (49,2 Prozent) im Korb – nur 2015/16 hatte er eine bessere Quote (50,7%). Und seine Ausbeute von 8,2 Punkten pro Partie war sogar Karriere-Höchstwert. «Leider», sagt Sefolosha, «wurde die Saison durch die Verletzung frühzeitig beendet.» Aber er weiss, dass dies eben dazugehört. Seinen Weg zurück ins Team bezeichnet Sefolosha als «Prozess». Ausserdem sei die Saison eben lang. Er mache sich keine «allzu grossen Sorgen.»

Auf der Zielkurve seiner Karriere oder schon auf der Zielgeraden? «Irgendwo mittendrin», sagt Sefolosha. Foto: Chris Szagola (AP)

Es ist eine Mischung aus Alter, Reife und Erfahrung, die es ihm ermöglicht, die gegenwärtige ­Situation beeindruckend unbeeindruckt zu ertragen. Sefolosha ist der erfahrenste Spieler bei den Jazz. Mit seinen 783 NBA-Einsätzen rangiert er unter allen aktuellen Profis auf Platz 43. In der Liste der Playoff-Partien (92) wird er sogar auf Position 28 ­geführt. Als Sefolosha am 31. Oktober 2006 als erster Schweizer in der NBA debütiert und mit den Chicago Bulls 108:68 in Miami gewonnen hatte, war Donovan Mitchell gerade zehn Jahre alt und ging in die Primarschule.

Heute ist Mitchell 22 und in seiner erst zweiten NBA-Saison bereits der herausragende Jazz-Profi. Er nennt Sefolosha den «glue guy», einen Spieler, der das Team zusammenhalte. «Wir sind froh, dass er wieder da ist», so Mitchell. Für junge Spieler wie ihn ist der Begriff «Erfahrung» schwer in Worte zu fassen. Sefolosha hingegen weiss, wie lang und kräftezehrend eine Saison sein kann. Wie unvorhersehbar. Und wie wichtig es ist, dann bereit zu sein, wenn Trainer und Team ihn brauchen. Er war noch nie jemand, der grosse Sprüche klopft, aber immer einer, der klar seine Meinung sagt. Natürlich würde er gerne in jeder Partie dabei sein. Doch er weiss eben auch, dass in dieser Liga Qualität wichtiger ist als Quantität. Dass er mitunter in fünf Minuten der Mannschaft mehr helfen kann, als wenn er 25 Minuten spielt. Oder dass sein Einfluss von der Bank genauso wichtig ist.

Er hoffe, noch einige Jahre in sich zu haben. Aber er schaut eben auch nicht zu weit nach vorne.

Auch wenn er, wie in Boston, nicht zum Einsatz kommt, ist er alles andere als ein stiller Beobachter von der Bank. Sefolosha feuert an, klatscht nach einer erfolgreichen Aktion, muntert seine Mitspieler auf, wenn etwas nicht geklappt hat. Wer ihn sieht, spürt: Hier will jemand unbedingt gewinnen – auch wenn er gar nicht auf dem Parkett steht.

Die Frage, ob er sich noch in der Zielkurve seiner Karriere befinde oder schon auf der Zielgeraden, beantwortet Sefolosha mit «irgendwo mittendrin». An ein Ende seiner Laufbahn denkt er noch nicht – auch wenn er die durchschnittliche Dauer einer NBA-Karriere von fünf Jahren weit überschritten hat. Er hoffe, noch einige Jahre in sich zu haben. Aber er schaut eben auch nicht zu weit nach vorne.

Die Ehefrau entscheidet mit

Und wenn irgendwann im Frühjahr oder Sommer die ersten Vertragsgespräche anstehen, wenn es darum geht, in Utah zu verlängern oder weiterzuziehen, dann wird er sich alles anhören und mit Ehefrau Bertille sowie den Töchtern Lesedi (10) und Naledi (9) besprechen. Denn es gehe nicht nur um ihn, sagt Sefolosha, sondern darum, dass seine Familie sich wohlfühle. Auch das eine Erkenntnis aus 13 Jahren NBA.

Erstellt: 20.11.2018, 23:15 Uhr

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