Der Fluch über Rio

Die Entwicklung Rio de Janeiros ist von grossen Rückschlägen geprägt. Was das für die Olympischen Spiele bedeutet.

Der Blick vom Corcovado hinunter auf den berühmtesten Teil Rios, den Zuckerhut und die Strände der Umgebung.

Der Blick vom Corcovado hinunter auf den berühmtesten Teil Rios, den Zuckerhut und die Strände der Umgebung. Bild: Marcelo Sayao/Keystone

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Die Geschichte der wunderbaren Stadt beginnt mit einem Missverständnis. Als am 1. Januar 1502 die von Amerigo Vespucci angeführten portugiesischen Seefahrer den Zuckerhut passieren, glauben sie, in die Mündung eines Flusses hineinzusegeln. Sie taufen ihn Rio de Janeiro – «Januarfluss». Unwissend, dass es sich nur um eine riesige Bucht handelt, die von den Indianern den Namen ­Guanabara erhielt: «Arm des Meeres».

Zu einem Irrtum drohen über ein ­halbes Jahrtausend später auch die Olympischen Spiele zu werden. Denn als diese der Stadt vor sieben Jahren zugesprochen worden waren, als erster in Südamerika, befand sich Brasilien im Hoch, war in den Kreis der Wirtschaftsmächte aufgestiegen. Viele der 200 Millionen Einwohner hatten massiv an Kaufkraft gewonnen, und Präsident Luis Ignácio Lula da Silva wurde von Barack Obama als «populärster Politiker des Planeten» gelobt.

Fatale Abwärtsspirale

Rio 2016 sollte das Manifest dieser Hausse werden, zum Symbol, dass Brasilien in der Ersten Welt angekommen ist. Die «Krönung eines magischen Moments» sollte es sein, wie «Der Spiegel» es formulierte. Sollte. Denn seither ist viel Unvorher­gesehenes passiert und der fünftgrösste Staat der Erde in eine fatale Abwärtsspirale geschlittert. Er befindet sich wirtschaftlich im freien Fall, kämpft mit den Folgen eines gigantischen Korruptionsskandals um die Firma Petrobras und mit einer Regierungskrise, die zur Amtsenthebung der Präsidentin Dilma Rousseff geführt hat.

Auch der hochgelobte Lula, ihr ­Ziehvater, muss sich heute vor Gericht verantworten. Derweil steigen Kriminalität, Arbeitslosigkeit und Inflation ­wieder an, und mit dem Zika-Virus tat sich in Rio ein neuer Nebenschauplatz auf, der eine Hysterie entfachte, die einen Moment lang sogar die Spiele zu bedrohen schien (sie hat zumindest zu einigen Absagen geführt).

Rio versuche nun verzweifelt, zu verhindern, dass die Olympischen Spiele zur «Nahaufnahme der Implosion einer Nation» werden, schrieb das Magazin «Time». Nein, so war das nicht gedacht.

Am Wochenende vor der Eröffnungsfeier nimmt in der «cidade mara­vilhosa», der «wundervollen Stadt», alles den gewohnten legeren Gang. Obwohl es Winter ist, sind die kilometerlangen Strände gut besucht. Wie es der Schriftsteller Blaise Cendrars bereits 1952 beschrieb, ist das Meer «indigoblau, der Himmel azurblau, papageienblau». Rio sei «das Paradies auf Erden», schwärmte der Weltreisende aus La Chaux-de-Fonds, «das Licht so blendend, dass sich die Maler davor fürchten».

Ein Viertel der Tickets zu haben

Auf der für den Verkehr in eine Richtung gesperrten Avenida Atlântica trifft sich jung und alt, klein und gross, da wird gejoggt, Fahrrad gefahren, geschlendert. In den «kiosques» von Copacabana, Ipanema und Leblon fliessen Bier und ­Kokoswasser in Strömen, wird live ­Musik gemacht, am Strand wird Fussball, Volleyball, Futevolley und Beachtennis gespielt (zum Baden ist das Meer doch etwas kalt). Dass der weltgrösste sportliche Anlass kurz bevorsteht, ist aber nicht zu übersehen. Strandver­käufer bieten Tücher mit den fünf Ringen an, überall wehen Olympiafahnen im Wind, Fahrzeuge und Busse mit dem olympischen Logo prägen auch den ­Verkehr. Von überschäumender Vorfreude ist aber nichts zu spüren; fast ein Viertel der Tickets wurde auch noch nicht abgesetzt.

An der Copacabana künden die ­gigantischen Stahlrohrtribünen der Beachvolleyball-Arena wie ein Mahnmal vom kommenden Spektakel. Ein Merchandising-Zelt und unzählige TV-Studios, an den Stränden und hoch oben auf Gebäuden, warten darauf, dass es losgeht. Die Häuser der Nationen werden fertiggestellt und herausgeputzt, wie ­jenes der Schweiz, in dem an der Lagoa Rodrigo de Freitas schon am 1. August gefeiert wird. Es wird überall gearbeitet, geputzt und aufgeräumt, doch Hektik sieht anders aus. Am Samstag ist tat­sächlich doch noch die Metrolinie 4 eingeweiht worden, die das Stadtzentrum und die Strände mit der Region Barra da Tijuca verbindet. Dort befindet sich – auf dem Gelände der früheren Formel-1-Rennstrecke Jacarepaguá –, der Olympiapark, nicht weit davon auch das olympische Dorf und der neue Golfplatz.

Die Linie 4 hat zwar sieben Monate Verspätung erfahren und wird bis zum Ende der Paralympics am 18. September nur Passagiere mit Akkreditierungen oder Olympiatickets befördern. Aber sie funktioniert und überbrückt ein verkehrstechnisches Nadelöhr in der von mächtigen Granitfelsen durchsetzten Stadt. Inzwischen sind auch die grün markierten Olympiaspuren in Betrieb. Zur Abschreckung wollten die Organisatoren unbefugtes Befahren mit 1500 Reais büssen, umgerechnet 450 Franken. Auf Druck der Verkehrsbehörden mussten sie diesen Betrag aber streichen und auf knapp 40 Franken reduzieren.Es besteht also noch Hoffnung, dass der Megastadt, in deren Ballungsraum 12 Millionen Leute leben, das Worst-­case-Szenario erspart bleibt, dass die Olympischen Spiele doch noch einigermassen geglückt über die Bühne gehen. Dabei würde ein olympisches Fiasko, eine Blamage vor der Weltöffentlichkeit, nicht einmal so schlecht passen zu dieser Stadt, deren Schönheit in krassem Gegensatz steht zu all dem Unheil und Übel, dass über die Jahrhunderte über sie hineingebrochen ist.

Blaise Cendrars verglich Rio mit einer «kostbar geschmückten Braut, die in der grossartigsten Landschaft der Welt ruht». Und schrieb: «Tausende und Abertausende Lichtergirlanden erstrahlen in der Bucht von Guanabara, kreuzen und schlingen sich um den düsteren majestätischen Kegel des Zuckerhuts und wirken von ferne wie blitzende Perlenschnüre um den Hals einer indianischen Gottheit.» Eine spektakuläre ­Naturschönheit ist Rio zwar geblieben –nur stammt ein grosser Teil der Lichtergirlanden heute von den unzähligen ­Favelas: den Armenvierteln, die sich wie ein ungewollter Speckgürtel die Hänge hinaufziehen.

Gar nicht gut steht es auch um die Guanabara-Bucht, von der Charles Darwin 1823 schrieb: «Sie übertrifft an Schönheit alles, was ein Europäer in seinem Heimatland gesehen hat.» Heute ist sie, trotz aller Reinigungsbemühungen im Hinblick auf die olympischen Segelregatten, eine verseuchte Kloake, ein Auffangbecken stinkender Abfälle.

Beschleunigter Zerfall

Ja, die schöne Braut wurde über die Jahrhunderte immer wieder missbraucht, verraten, erniedrigt. Während Jahrhunderten die wichtigste Stadt des Landes, begann ihr Niedergang Mitte des 20. Jahrhunderts. Erst wurde sie von São Paulo als wirtschaftlich bedeutendstes Zentrum des Landes abgelöst. Als dann Präsident Juscelino Kubitschek ihr 1960 auch noch den Status als Landeshauptstadt entzog und diesen der ­Retortenstadt Brasilia im Landesinnern zusprach, beschleunigte sich der Zerfall noch. Während die Politik in Brasilia und die Wirtschaft in São Paulo brummten, musste sich Rio mit seinen Sehenswürdigkeiten – allen voran Zuckerhut und Corcovado – trösten, mit seinen Stränden, dem weltberühmten Karneval, dem Samba und dem Tourismus. Die Cariocas, Rios Einwohner, werden von den Nachbarn aus São Paulo denn auch gerne etwas belächelt. Sie würden arbeiten, um zu leben, heisst es – während es bei den Paulistanos gerade umgekehrt sei.

Selbst den inoffiziellen Titel als Fussball-Welthauptstadt, den Rio einige Zeit hielt, konnte es nicht behaupten. Als hier 1950 der WM-Final stieg, setzte es im Maracanã für Brasilien gegen Uruguay eine bittere 1:2-Niederlage ab, die das Land erschütterte und in eine mittelschwere Depression stürzte. Und als der WM-Final 2014 ins legendäre ­Stadion zurückkehrte, fehlte die «seleção» im Maracanã, das einer einst als «Kathedrale des runden Leders» bezeichnete und wo am Freitag die olympische Eröffnungsfeier stattfinden wird. Die schallende 1:7-Niederlage im Halbfinal gegen Deutschland war allerdings nicht in Rio zustande gekommen, sondern in Belo Horizonte.

Es fehlt am Elementarsten

Was müsste denn passieren, damit Rio mit diesen Spielen sein Gesicht wahren, sich vielleicht sogar rehabilitieren kann? Helfen würde, wenn die Brasilianer ihre sportlichen Ziele erreichen sollten, vielleicht sogar ihre erste Fussball-Goldmedaille erobern könnten. Die Veranstalter müssen auch vor organisatorischen Megapannen, grösseren Unfällen und Terroranschlägen verschont bleiben.

Vielleicht ist die Chance dazu aber gar nicht wirklich da. Vielleicht kommen diese Spiele schlicht zum falschen Zeitpunkt nach Rio, wo es teilweise an Elementarstem fehlt wie Spitälern, Schulen und Medikamenten. Weshalb viele Olympia – wohl nicht ganz zu ­Unrecht – als ungebetenen, prassenden Gast empfinden.

Die Stadt profitieren lassen

Vielleicht werden die positiven Folgen der Spiele, die es zweifellos ebenfalls ­geben wird, aber auch erst später ­erkannt und geschätzt, wie die massive Renovierung und Verschönerung des Hafenviertels, die Verbesserung der Verkehrsachsen oder die (zwar offenbar ziemlich gescheiterten) Bemühungen, die Kriminalität einzudämmen. Bürgermeister Eduardo Paes wird heute von vielen verwünscht und verflucht. Er hat aber zweifellos den richtigen Ansatz gewählt mit seiner Philosophie, die Stadt von den Spielen profitieren zu lassen, nicht umgekehrt.

Er und seine Leute haben aber ein­sehen müssen, dass die Spiele bislang unter keinem guten Stern standen – sie seien verflucht, sagen einige sogar. Und dass sie machtlos seien gegen ­politische und wirtschaftliche Stürme, wie sie zurzeit über Brasilien toben. So machtlos wie die 30 Meter hohe Christus-­Statue, die seit 1931 auf dem Corcovado thront und deren waagrecht aus­gestreckte Arme von vielen längst nicht mehr als Geste des Schutzes ­interpretiert werden, sondern als ­Ausdruck der Verzweiflung über die Vorgänge in dieser wunderbaren, verwunschenen Stadt.

Erstellt: 01.08.2016, 23:48 Uhr

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