Zum Hauptinhalt springen

Ein Thurgauer auf der Überholspur

Joel Girrbach ist durch den Sieg an der Swiss Challenge vom Hoffnungsträger zur Leitfigur im Schweizer Profigolf geworden.

Gut im Schwung: Joel Girrbach sorgte mit seinem Sieg für Furore. Foto: ASG
Gut im Schwung: Joel Girrbach sorgte mit seinem Sieg für Furore. Foto: ASG

Wenn er ein Tier wäre, wäre er am liebsten ein Hund, sagt Joel Girrbach. Das überrascht etwas, steht er doch auf schnelle Autos – wodurch ein Gepard oder ein Jaguar passender wären. Und er spielt in einem Sport, in dem ein Tiger jahrelang die Massstäbe setzte. Den 23-jährigen Thurgauer mit dem früheren Übergolfer Tiger Woods zu vergleichen, der 683 Wochen lang die Nummer 1 war, wäre natürlich übertrieben. Heruntergebrochen auf die überschaubare und zumindest bei den Männern von ­Erfolgen nicht verwöhnte Schweizer Golfszene, kommt ihm aber inzwischen tatsächlich eine Ausnahme- und Führungsrolle zu.

Der 1,80 m grosse gelernte Versicherungskaufmann aus Ermatingen am Untersee demonstrierte auf dem Weg zum ersten Turniersieg als Profi Anfang Juni im GC Sempachersee Qualitäten, wie sie Champions in diesem technisch wie mental anspruchsvollen Sport auszeichnen. Nachdem er am Samstag mit einer brillanten 64er-Runde die Führung übernommen hatte, baute er diese am Sonntag zuerst noch aus und liess sich weder vom Erwartungsdruck seines Heimpublikums noch der Aussicht nervös machen, erster einheimischer Sieger eines grösseren Profiturniers in der Schweiz seit 24 Jahren (Paolo Quirici) zu werden. Nach vier Runden lag er 17 Schläge unter Par, eine persönliche Bestmarke auf diesem Circuit.

Szenen wie aus dem Fernsehen

«Mir gefällt es, vor vielen Leuten zu spielen, ich finde das lässig», sagt Girrbach, dessen Auftritt insbesondere von vielen seiner Clubkollegen beim GC Lipperswil verfolgt wurde. «Mir hatte auch die Erfahrung geholfen, dass ich letztes Jahr schon einmal in der letzten Gruppe um den Sieg spielen konnte.» Damals war er in Ägypten Zweiter geworden. Dass er am Sempachersee am allerletzten Loch, als sein Sieg schon feststand, noch sein einziges Doppelbogey der Woche spielte, ärgerte ihn als Perfektionisten dann aber trotzdem. «Ich hatte wohl die Konzentration zu früh verloren.»

Schweizer Golfmedien feierten seinen Erfolg als «historisch», Girrbach selber spricht ihm die grosse Bedeutung auch gar nicht ab. «Ich würde schon sagen, dass dies ein Meilenstein ist.» Und er hoffe, dass es Signalwirkung habe für seine Kollegen. «Mein Erfolg zeigt, dass wir auch international mithalten können.» Mit «wir» spricht er Leute an wie seinen Clubkollegen Benjamin Rusch, der vier Jahre älter ist und an der Swiss Challenge 14. wurde, den Zürcher Marco Iten (26), der auf der Pro Golf Tour, dem Ein­steigercircuit, hervorragend unterwegs ist (5. Zwischenrang), oder den Liechtensteiner Doppelbürger Mathias Eggen­berger (25), der 2016 als einziger Schweizer in Crans den Cut überstand.

«Ich glaube, mein Erfolg pusht auch die anderen», sagt Girrbach. Neid unter seinen Kollegen – mit Rusch und Eggenberger trainierte er Anfang Jahr in Südafrika – spürt er keinen, im Gegenteil: «Alle haben sich sehr gefreut für mich. Auch die Amateure, die da waren.» Und natürlich Sportdirektor Paolo Quirici, der ihn mit Champagner duschte auf dem 18. Grün. Dort erlebte er Szenen, wie er sie bisher nur vom Fernsehen gekannt habe, sagt der Fan des FC Basel und von Sebastian Vettel. «Ich war etwas überrumpelt, weil ich das noch nicht kannte. Interviews, Siegerehrung, weitere Interviews, da kommt einiges auf dich zu.» Aber er habe es genossen.

Das Konto füllt sich

Ob dieser Sieg die gewünschte Katapultwirkung hat, wird man wohl erst Ende Saison wissen, wenn abgerechnet wird. Kurzfristig verbessert er Girrbachs Lage aber massiv. Dank des Preisgelds von 27 200 Euro verbesserte er sich in der Gesamtwertung der Challenge Tour um 78 Ränge auf Position 5. Die Top 15 ­steigen Ende Jahr in die PGA-Europatour auf (das Preisgeld wird 1:1 in Punkte umgerechnet). «Das ist mein Ziel, aber der Weg ist noch weit», sagt Girrbach. Etwa 90 000 Euro Preisgeld sind dazu nötig, bisher hat er etwa ein Drittel davon auf dem Konto.

Dank der Swiss Challenge ist er aber in die erste Kategorie der Challenge Tour aufgerückt, auf der er noch etwa 15 Turniere spielen wird. «Damit kann ich nun alle Turniere bestreiten, auch die grössten gegen Ende der Saison, in China, Kasachstan oder den Emiraten.» Der letzte Schweizer, der die Spiel­berechtigung auf der PGA-Europatour hatte, war 2003 und 2004 der Genfer ­Julien Clément.

Der Sieg am Sempachersee kam für Girrbach, der 2016 zum besten Schweizer avancierte, etwas über­raschend. «Anfang Jahr trainierte ich zwar gut und stellte meine Technik etwas um. Doch dann begann ich schlecht zu spielen und verlor mein Vertrauen ein wenig. Dieser Sieg bringt mir nun die ­Sicherheit zurück.» Das Rezept, mit dem er sich aus der Baisse befreite, tönt einfach: «Ich kam etwas weg von der Technik und begann so zu spielen, wie ich mich wohlfühle. Und ich spielte auch mehr Turniere, fünf in Folge. Zudem zwang ich mich dazu, geduldig zu bleiben.» Er habe gespürt, wie seine Form vor dem zweitgrössten Schweizer Turnier langsam ­zurückgekommen sei. Ob er im September in Crans-Montana spielt, ist unsicher, da er die Challenge Tour priorisiert.

Vorerst gönnt sich Girrbach eine zweiwöchige Turnierpause, nachdem er bei seinem letzten Turnier am vergangenen Wochenende in Belgien wegen ­Rückenproblemen nach einer Runde aufgegeben hat («eine reine Vorsichtsmassnahme»). Eine Pause hat er sich auch verdient. Immerhin hat er in einer einzigen Woche in der Weltrangliste einen riesigen Satz auf Rang 442 gemacht. Unter den 600 Gegnern, die er überholte, befand sich auch ein gewisser ­Tiger Woods.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch