Der Überflieger

Zum siebten Mal spielen die Handballer von Kadetten Schaffhausen in der Champions League – Giorgio Behr hat sie mit Geduld, Geld und seinem Denken zum Erfolg geführt.

«Teamwork ist nicht einfach ein Jekami»: Giorgio Behr, leidenschaftlicher Handballer und Unternehmer. Foto: Thomas Egli

«Teamwork ist nicht einfach ein Jekami»: Giorgio Behr, leidenschaftlicher Handballer und Unternehmer. Foto: Thomas Egli

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Giorgio Behr ist leicht angeschlagen aus seinen Ferien in Kambodscha zurück­gekommen. Er ist heiser, die Hand gibt er aus Vorsicht nicht, um keinen anzustecken. Aber sonst zeigt er keine Schwächen. Er will ein guter Gastgeber sein. Treffpunkt ist die BBC Arena im ­Norden von Schaffhausen. Im Eingang fliegt dem Besucher ein Handballer ­entgegen, der auf eine Betonwand ge-malt ist. Auf ­einem Brett stehen Meister­pokale der Kadetten. Darunter wird in Schau­kästen die Clubgeschichte erzählt. «Mal schauen», sagt Behr, «ob Sie mich ­erkennen.»

Auf den Bildern der 70er-Jahre ist er ein junger Handballer mit kräftigem Haar und Bart. Vor ein paar Tagen ist der Herr über die Kadetten 67 geworden, die Haare sind ausgegangen, und vom Bart ist ein Schnauz geblieben. Der Geist ist wach, die Gedanken fliegen, und als hätte er Bedenken gehabt nach seinem Rücktritt als Professor an der Universität St. Gallen intellektuell nicht genug gefordert zu werden, hat Behr ange­fangen, Russisch zu lernen. «Sprachen öffnen die Wege zu den Menschen», sagt er, der neben Deutsch den Tessiner Dialekt beherrscht, dazu Französisch und Englisch und einigermassen Spanisch.

Behr führt durch die Arena, er ist stolz auf das, was hier auch baulich entstanden ist. 25 Millionen Franken hat er «hingelegt», um sie vor vier Jahren hochzuziehen. Bund und Stadt haben sich ­inzwischen mit 5 Millionen beteiligt. Wenn er von anderer Seite noch Gelder bekommt, dann ist das gut, und sonst ­kümmert das Behr nicht weiter. Er denkt in dieser Beziehung grosszügig.

Die harte Hand

Die Halle ist nicht sein Denkmal, sie ist nur sein Werk, er hat sie geplant, damit auch alles so kommt, wie er das möchte. Und jetzt möchte er die Kapazität vergrössern, von 2400 auf 3000 Plätze. Auf der einen Längsseite ist die Kantonalbank-Lounge eingerichtet. Zwei Plätze kosten im Jahr 2500 Franken. Ein Stock höher empfangen IWC und Davidoff ihre Gäste, wobei es in der Davidoff-Lounge mit den schwarzen Ledersesseln besonders vornehm aussieht. «Wo kann man sonst noch bei einem Spiel eine schöne Zigarre rauchen?», fragt Behr.

An alles hat er in der Halle gedacht, selbst an die Haken unter den Ablage­flächen, um Mantel oder Tasche aufhängen zu können. Solche Aufmerksam­keiten sind ihm wichtig, aber es ist nicht so, dass er alles bis ins letzte Detail auch kontrolliert. Er sagt: «Mach das», und vertraut den Leuten, die er mit einer Aufgabe beauftragt. Es passt zu einem Mann, der seine Karriere nur geschafft hat, weil er eines auch kann: delegieren. Wer liest, was er alles gemacht hat, kriegt fast Kopfweh. Jusstudium, Buchprüfer, Sanierer, Wirtschaftsprofessor in St. Gallen ( «Man nannte mich Rechnungs­legungspapst»), Gründer einer TV-Station (Schweizer Sportfern­sehen), Verleger («Schaffhauser Bock»), Handballer, Inhaber eines Mischkonzerns (BBC Group), Handballpräsident, Aktionär bei Grossfirmen (Georg Fischer, Sia Abra­sives), Verwaltungsrat bei einem Textilmaschinenbauer (Saurer) und während 21 Jahren bei einem Baumaschinenmulti mit 4 Milliarden Umsatz (Hilti), Mitgründer der Denkfabrik Avenir Suisse, Auf-sichts­ratspräsident einer der weltweit grössten Autozulieferer (ZF Friedrichs­hafen). . . Und 4-facher Vater ist er auch.

Behr sieht das alles nicht so wild. Mit seiner Erklärung holt er aus, auch wenn er während des Gesprächs einmal sagt, er wolle sich kurz fassen. Er sagt also: «Im Mannschaftssport lernt man, sich auf andere verlassen zu können, klare Aufträge zu erteilen, man lernt, dass man gemeinsam mehr schafft als allein. Teamwork ist nicht einfach ein Jekami, es gibt eine klare Hackordnung, es braucht eine harte Hand.» Bei seinem Rundgang durch die Halle ist er in der Kabine der ersten Mannschaft angelangt. «Reisst das wieder ein?!», sagt er, als er Taschen und Leibchen sieht, die auf den Bänken herumliegen. Dabei sei seit letztem Winter die Vorgabe klar, dass auch in der Kabine Ordnung und Disziplin herrschen müssten. Damals hatten die Kadetten ihre Probleme, die Stimmung in der Gruppe war schlecht, mit kleinen Korrekturen wurde die Basis gelegt, um doch noch die Meisterschaft zu gewinnen, die achte in den vergangenen elf Saisons.

Handball ist Behrs Sport seit der Mittelschule, er war ein Spieler, der den Steilfallwurf zu seiner Spezialität machte; war Trainer, der mit den Kadetten bis 1979 in die Nationalliga B aufstieg; wurde 1992 ihr Präsident, der sie mit Geduld, Geld und seinem Erfolgsdenken zum ­Basel des Handballs gemacht hat; und ist heute nur noch für den Leistungssport im Verein zuständig. Zu den Meistertiteln kommen sechs Siege im Cup, acht im ­Supercup und jetzt schon die siebte Teilnahme in der Champions League dazu, wo die Kadetten heute Abend auf Motor Saporoschje treffen. 2 Millionen beträgt das Budget für den nationalen Betrieb.

Die Halle als Symbol

Die BBC Arena und die alte, muffige Schweizersbild-Halle stehen Mauer an Mauer. Die neue Halle steht dafür, dass die Kadetten das Zeitalter des «Turn­hallensports mit dem Wurststand­image», wie das Behr nennt, hinter sich gelassen haben. Die Konkurrenz hinkt zum Teil weit hinterher. Auch darum hat es der Handball in der Schweiz schwer, über­regional und im Fernsehen Beachtung zu finden. Behr sagt: «Wir müssen mehr ­bieten, damit die Leute zu uns kommen. Denn wer einmal da ist, der sieht, was in einem Handballspiel los ist.»

Zum Hallenkomplex gehören nicht nur eine Handball-Academy, sondern auch 32 Hotelzimmer. Behr hat auch sie entworfen, natürlich, die Matratzen sind von vorzüglicher Qualität, und jedes Zimmer hat einen französischen Balkon, damit die Raucher zu ihrem Glück kommen. Man mag nun denken, Sportler und Zigaretten würden sich nicht so gut ergänzen, «aber», sagt Behr, «unter den Sportlern aus dem Osten hat es einige, die rauchen». Viele Mannschaften, die im Europacup bei den Kadetten spielen, beziehen hier ihre Zimmer. Die 130 Franken für ein Doppelzimmer waren einer Delegation aus der Ukraine zu teuer, sie landete in einem Stundenhotel.

Die andere Seite

Inzwischen sitzt Behr beim Essen im Holberg, dem Hotel gleich neben der Arena. Er erzählt, wie er als Sohn eines Landarbeiters aus Karton eine Eisenbahn bastelte, weil für etwas anderes das Geld fehlte. Von seiner Frau, die Französin ist und deren Vater im Zweiten Weltkrieg in der Résistance war. Von den zehn Wochen Ferien, die er früher trotz aller beruflicher Belastung mit seiner Familie jedes Jahr machte. Vom jüngsten Sohn, der in Endingen und Stäfa selbst im Handballtor stand und jetzt in Singapur Materialwissenschaften studiert. Vom ältesten, er inzwischen 35, der geistig behindert ist und nicht ­reden kann. «Aber er ist ein lustiger Kerli», sagt Behr. Ein, zwei Tage die Woche fährt er mit ihm Zug, weil er das Zugfahren so gerne hat, und noch lieber hat er, wenn er aus- und ­wieder einsteigen kann.

Das alles erzählt Behr, der die Museumsbahn zwischen Stein am Rhein und Etzwilen unterhält und sich für Behinderte engagiert. Ein Mann also, an dem sich die «Wochenzeitung» einmal ab­arbeitete, ihn machiavellistisch und «Behrlusconi» schimpfte.

Zwischen zwei Bissen von seinem ­frittierten Fisch («Isch no guet») erinnert er sich an einen Kommunikationsberater, der ihn im Auftrag eines Unternehmens, an dem er Aktien hielt, für ein Tages­honorar von 7000 Franken schlecht machen sollte. Und was will er uns damit sagen? «Über jeden, der ­Erfolg hat, wieder einmal schlecht ­geschrieben. Es gibt immer Leute, die ­neidisch sind. Und wieso? Weil sie keine ­Alphatiere sind.» Kritik nimmt er ­sportlich.

Die Integrität

Wie definiert er Erfolg? «Natürlich», sagt er, «wenn man keinen Gewinn macht und keinen Titel gewinnt, ist man nicht erfolgreich. Aber Erfolg heisst für mich auch, dass die Leute zufrieden sind ­mit dem, was wir geschaffen haben, und dass ich an dem Spass habe, was ich ­mache.»

Was ist Luxus für ihn? «Dass ich mein Leben weitestgehend selbst bestimmen und zu meiner Meinung stehen kann, ohne Angst haben zu müssen, dass ­hintenherum etwas gegen mich läuft.»

Was sind seine Werte? «Mut, Teamwork, Engagement, Integrität. Und ­Integrität heisst, dass man sich auch dann an die Regeln hält, wenn keiner ­zuschaut.» In der Industrie hält er noch zwei Spitzenposten. Bei der BBC Group, seiner Firma mit 300 Millionen Franken Umsatz und 1200 Angestellten, zieht er sich aufs Verwaltungsratspräsidium zurück. Beim Autozulieferer ZF Friedrichshafen präsidiert er den Aufsichtsrat (und erhält dafür keine 200'000 Euro, obschon der Konzern mit 130'000 Angestellten nächstes Jahr über 40 Milliarden Umsatz machen wird). Die «Bilanz» schätzt sein Vermögen auf 450 Millionen Franken. «Die Zahl liegt nicht neben der Realität», heisst seine Sprachregelung.

Inzwischen ist es nach drei Uhr geworden an diesem Tag, viel später, als Giorgio Behr gedacht hat. Jetzt muss er zum Arzt, weil er angeschlagen aus Kambodscha zurückgekommen ist. Zum ­Abschied reicht er die Hand. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.10.2015, 22:42 Uhr

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