«Die Athleten schweigen lieber»

Für Matthias Kamber, Direktor von Antidoping Schweiz, führt das IOK keinen ganz glaubwürdigen Dopingkampf.

Karikatur: Felix Schaad

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Der olympische Sport hat wegweisende Wochen vor sich. Die Dauerschlagzeilen um betrügende Russen werden das Internationale Olympische Komitee zu einem Grundsatzentscheid zwingen: Schliesst es erstmals ein Land wegen Doping­verstössen von Spielen aus? Noch fehlen die entscheidenden Re­sultate einer ­laufenden Ermittlung der Welt-Anti-­Doping-Agentur. Die Ausgangslage bei den russischen Leicht­athleten scheint hingegen nach immer neuen auf­gedeckten Fällen klar: Sie dürften am 17. Juni vom Leichtathletik-Weltverband nicht für Rio zugelassen werden.

IOK-Präsident Thomas Bach fordert eine «Nulltoleranz» betreffend Doping. Glauben Sie ihm?
Er sendet gemischte Signale aus und muss erst noch beweisen, dass er eine Null­toleranz auch lebt, vor allem im Russlandfall, wenn alle ­Resultate bekannt sind.

Bachs Vorgänger interessierten Dopingfragen eher am Rand. Erkennen Sie bei ihm mehr Engagement?
Ich muss diese Frage genereller beantworten. Ich finde, IOK-Präsidenten sollten nicht mehr in den Dopingkampf involviert sein. Sie haben genügend andere Arbeitsfelder zu bedienen, sollten diesen Aspekt also den Spezialisten überlassen.

Bach schlägt vor, dass die Sport- verbände ihren Dopingkampf einer neuen Abteilung der Welt-Anti­-Doping-Agentur (Wada) übertragen sollten. Was halten Sie davon?
Der Ansatz gefällt mir. Der Sport kann sich nicht glaubwürdig dem Dopingkampf verschreiben – und sich zugleich ­vermarkten. Dieser Widerspruch lässt sich nicht auflösen. Darum braucht es unabhängige Instanzen im Dopingkampf. Nun aber innerhalb der Wada eine Spezialeinheit zu gründen, finde ich falsch. Die Wada sollte die Regeln auf­stellen und deren Einhaltung überprüfen, beispielsweise auch mit unabhängigen Experten wie zurzeit im Russlandfall. Das Testen müsste man aber primär den nationalen Anti-Doping-Agenturen oder einem anderen Organ überlassen.

Sind die Sportverbände bereit, diesen höchst sensitiven Bereich abzugeben?
Ich kann die Schweiz als Beispiel erwähnen. Als man 1990 die unabhängige Fachkommission Dopingbekämpfung schuf, hiess es erst von den Verbänden: «Wir können unsere Athleten besser testen!» Inzwischen haben wir zur Genüge be­wiesen, dass diese Gewaltentrennung funktioniert. Hinzu kommt auf globaler Ebene, dass viele kleine internationale Verbände im Dopingkampf überfordert sind. Sie werden einer solchen Auslagerung rasch zustimmen. Anders dürften die grossen Verbände denken. Findet diese Verschiebung aber nicht statt, wird der globale Dopingkampf unglaubwürdig.

Entsprechend müssten die Gelder, welche die Verbände bislang für den Dopingkampf aufwenden, dieser unabhängigen Instanz zukommen.
Teilweise. Nur weil man die Kontrollen und das Resultatmanagement auslagern würde, wären die Verbände keineswegs fein raus. Sensibilisierung oder Erziehungsmassnahmen zum Thema müssten sie weiter bieten. Was die Geldfrage ­betrifft: Das klassische Modell, dass also Staaten und Sportverbände für die ­Budgets aufkommen, hat sowohl bei den nationalen Agenturen wie auch bei der Wada versagt.

Ihre Lösung lautet wie?
Dass ein kleiner Prozentsatz der Sponsoring- und Fernsehgelder in den Dopingkampf fliesst. Als der Weltradverband sein Blutpassprogramm aufbaute, mussten sich die Teams finanziell beteiligen. Momentan verfügen die Agenturen ­allgemein über zu kleine Budgets. Fällt nur ein Bruchteil dieser erwähnten ­Einnahmen dem Dopingkampf zu, sind es insgesamt ­sofort Milliarden.

So gut die Idee klingt, sie ist nicht neu. Warum verweigert sich der Sport diesem Ansatz?
Ich will es so sagen: Er bewegte sich nur nach grossen Skandalen und damit wellenförmig. Wenn nun wirklich stimmen sollte, dass Russland flächendeckend dopte, hat der Betrug nach dem Kalten Krieg eine neue Dimension erreicht. Entsprechend muss der ­Dopingkampf neu ausgerichtet werden, sonst sehen wir als Bekämpfer wie Amateure aus.

Kann etwa das IOK unabhängig von sportpolitischen Verflechtungen handeln? IOK-Präsident Bach wird Nähe zu Russlands Präsident Wladimir Putin nachgesagt – und dessen Land sorgt seit Monaten für Negativschlagzeilen.
Aber Entschuldigung! In der IOK-Charta steht: Wer gegen diese Regeln ver- stösst, wird ausgeschlossen. Es gibt kein ­Anrecht, an Olympischen Spielen teilnehmen zu können. Man muss bestimmte Vorgaben erfüllen, darunter sind die Leistungsvorgaben, also die ­Limiten, nur ein Aspekt.

Sie finden, dass man das gesamte russische Team von den Spielen in Rio ausschliessen muss?
Wenn sich die Vorwürfe bewahrheiten, lautet meine Antwort: Ja.

Also nicht nur die russischen Leichtathleten?
Diese gehören ohnehin ausgeschlossen, weil sie schlicht zu wenige Fortschritte für einen glaubwürdigen Dopingkampf ­vorweisen können. Hat Russland an den Heimspielen in Sotschi 2014 wirklich auf Staatsebene betrogen, muss als Konsequenz das gesamte Land von Rio fern­gehalten ­werden.

Jelena Isinbajewa, die Stab­weltrekordhalterin aus Russland, kündigte an, in einem solchen Fall zu klagen.
Ich kann mich nur wiederholen: Athleten, ob sauber oder nicht, vertreten an Olympischen Spielen einen Staat. Verstösst ein Land gegen die entsprechenden Regeln, gehört dieses Land nicht an die Spiele. Ich hoffe darum sehr, dass das IOK dieses wichtige Signal aussendet. Es wirkt abschreckend auf andere Nationen, die im Dopingkampf lasch sind. Ansonsten könnten diese ­argumentieren: Wir ­können getrost wegschauen, weil uns ­sowieso nichts passiert.

Beginnt das Problem nicht viel früher? Verbandsvertreter sitzen auch bei der Welt-Anti-Doping- Agentur im Stiftungsrat, sind also keineswegs unabhängig.
Das ist tatsächlich problematisch, weil es den Geist der aktuellen Funktionärsgeneration offenlegt. Die Privatindustrie ist betreffend Good Governance viel, viel weiter. Der Sport hingegen ist noch immer in einer Mentalität des 19. Jahrhunderts verhaftet, redet darum auch stets von sich als Familie. Dabei müssten Verbände wie moderne Unternehmen geführt werden.

Wer leitet diese Reform ein, wenn sich die Entscheidungsträger in diesem Modell so wohlfühlen?
Die Athleten. Sie nehmen ihre Verantwortung viel zu wenig wahr. Sie sind schliesslich der Grund, warum die Verbände teilweise so viel Geld generieren können. Die kenianischen Läufer protestierten kürzlich gegen ihren Verband, weil er im Dopingkampf unglaubwürdig agiert. Solcher Druck ist wahnsinnig gut. Ich vermisse diese Haltung etwa in der Schweiz. Ich wünschte mir Athleten, die aufstehen und sagen würden: «Ich will keine russischen Verhältnisse in der Schweiz!» Stattdessen klagen sie, früh am Morgen kontrolliert worden zu sein. Sie könnten auch sagen: «Seht her, wie vorbildlich der ­Dopingkampf bei uns funktioniert.» ­Athleten müssen professionell sein, also sollten sie sich auch zu diesem Aspekt äussern. Weil sie ihn als heikel empfinden, schweigen sie lieber.

Kann man es ihnen verübeln, wenn sogar der bekannte US-Anti-Doping-Kämpfer Travis Tygart die Glaubwürdigkeit der Welt-Anti-Doping-Agentur anzweifelt?
Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Betreffend Wada staune ich manchmal, wie träge sie auf ­Dopingvorfälle oft reagierte. Gleichwohl teile ich die ­Meinung von Tygart nicht. Ich sage im Gegenteil: Existierte die Wada nicht, müsste man sie umgehend gründen. Wie ich eingangs gesagt habe, braucht sie ­allerdings strukturelle ­Anpassungen.

Erstellt: 31.05.2016, 14:03 Uhr

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