Die Fantasie ist Wirklichkeit

In den USA sind in virtuellen Ligen Milliarden zu gewinnen. Über 56 Millionen Menschen spielen bereits in dieser Parallelwelt des Profisports. Politiker bezweifeln, dass alles legal ist.

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Irgendwo in Amerika sitzt ein Mann auf seinem Sofa, isst Nachos, schaut Football am TV und verdient so 2 Millionen Dollar. Anderswo in Amerika sitzt ein Kongressabgeordneter und will wissen, was daran okay sein soll. Und beide ­beschäftigt dasselbe: «Daily Fantasy», die grösste Boombranche der USA.

Der Mann auf dem Sofa lebt den Traum von über 56 Millionen in Nordamerika. Er hat sich auf einer Online-Plattform gegen eine Teilnahmegebühr aus realen Footballspielern ein Fantasieteam zusammengestellt, das sich mit den Fantasieteams anderer Leute misst. Punkte gibt es gemäss den Leistungen der Spieler in der realen Welt – von Touchdowns bis zu Tackles. Kommt das eigene Team am Spieltag auf mehr Punkte als die Konkurrenz, kann ein ­Millionengewinn folgen. Daily Fantasy: Der Name könnte kaum treffender sein.

22'000 Werbespots vor der Football-Saison

Auch bei den Anbietern sind die Träume gross. So investiert Marktführer Draft Kings derzeit mehr Geld in TV-Werbung als irgendeine andere Firma im Land. 22'000 Spots hat das Unternehmen aus Boston seit August geschaltet, allein in der Woche vor dem Start zur Football-Saison soll es dafür 24 Millionen Dollar bezahlt haben. Mehr als Weltkonzerne wie AT&T, Warner Brothers, McDonald’s oder Nissan im selben Zeitraum.

Dabei ist Draft Kings keine vier Jahre alt – und auch nicht allein auf weiter Flur. Der andere Branchenriese, Fan Duel, schüttete 2011 noch 10,3 Millionen Dollar Preisgeld aus. Heute fliesst dieser Betrag alle zwei Tage auf die Konten der Kunden. Gewinn schreiben beide nicht, doch das ist vorerst nicht das Ziel: Es geht um Anteile an einem Markt, der ­gigantisch zu werden verspricht.

Geschicklichkeit – oder Glück?

Für Kunden bieten solche Online-Plattformen ein Mehr an Erlebniswert. Bei einem Football-Spiel wird plötzlich jedes Detail relevant, weil der Betreffende fürs eigene Fantasy-Team auf der Jagd nach realen Dollars ist. Man kann Daily Fantasy als digitalisierte, personalisierte Form der Sportwette verstehen.

Man kann – aber Draft Kings, Fan Duel und ihre Mitbewerber würden das nie tun. Wäre Daily Fantasy nämlich eine Sportwette, wäre es in 46 von 50 US-Staaten illegal. Stattdessen profitiert die Branche von einem Gesetz, das Fantasy-Sport nicht als Glücksspiel behandelt, sondern als Geschicklichkeitsspiel.

Entsprechend verkaufen sich die ­Anbieter. «Fan gegen Fan in einem Test von Sportwissen und Fantasy-Know-how», beschreibt Fan Duel sein Produkt. «Daily Fantasy gilt nicht als Gambling», betont Draft Kings. Und wie zur Bestätigung halten die beiden nur 9 Prozent der einbezahlten Gelder zurück – nicht etwa 10 Prozent oder mehr, wie das etwa in Las Vegas üblich ist.

Umsatz bald bei 25 Milliarden

Unbestritten sind die Amerikaner ein Volk von Spielern. Daily Fantasy dürfte dieses Jahr zwischen 3 und 4 Milliarden Dollar umsetzen – etwa gleich viel wie die gesamte National Hockey League (NHL). Gemäss einer Studie der Beratungsfirma Deloitte Touche soll diese Zahl in den nächsten 3 bis 5 Jahren auf sagenhafte 25 Milliarden steigen. Das ist etwa so viel, wie die Profiligen im Football (NFL), Baseball (MLB) und Basketball (NBA) derzeit zusammen einnehmen. Die virtuellen Ligen sind auf bestem Weg, die realen zu überholen.

Kein Wunder, wollen die ein Stück vom Kuchen. Die NHL ging letzten November eine mehrjährige Partnerschaft mit Draft Kings ein, zwei Tage später zog die NBA nach in Form eines Deals mit Fan Duel, der auch eine Beteiligung enthalten soll. Major League Baseball kooperiert schon länger mit Draft Kings, ist wohl auch beteiligt am Unternehmen und machte es im April zum «Official Daily Fantasy Game».

Bleibt die NFL, der Gigant unter den US-Ligen und der Lieblingssport von 73 Prozent der Fantasy-Kunden. Sie ging bisher keine Partnerschaft ein, doch 28 ihrer 32 Clubs haben sich schon mit ­einem der zwei grossen Anbieter zusammengetan.

Die Ligen sind nicht die Einzigen, die sich für die neuen Websites interessieren. Der Sportsender ESPN unterhält ab nächstem Jahr eine exklusive Partnerschaft mit Draft Kings, und der Medienkonzern Fox Sports tritt bei Draft Kings als Investor auf. Im Gegenzug verspricht der Fantasy-Anbieter, in den nächsten drei Jahren bei Fox 250 Millionen Dollar für Werbung auszugeben. DirecTV, der grösste Pay-TV-Anbieter der Welt und NFL-Partner, betreibt seit 2014 einen ­eigenen Fantasy-Kanal.

Bessere Lobby als Poker

Für die Beteiligten ist diese Verbindung von Inhalt, Verbreitungs- und Verkaufskanal interessant. Aber ist sie auch legal? Frank Pallone, Abgeordneter der Demokraten aus New Jersey, ist da nicht so ­sicher und hat im US-Kongress eine Anhörung zum Thema beantragt. «Fans können heute Geld riskieren auf der Basis der Leistung eines einzelnen Spielers», so Pallone, «wie unterscheidet sich das davon, Geld auf den Ausgang eines Spiels zu wetten?» Letzteres wäre illegal.

Die Chancen, dass es zur Anhörung kommt, sind da. Denn die letzte Gesetzesänderung stammt aus einer Zeit, als Fantasy-Sport noch keine täglichen Formate kannte. In einem Land, wo jährlich 100 Milliarden Dollar in illegale Sportwetten fliessen, wäre ein Kongress-Hearing die beste Gelegenheit, das Thema auf die politische Agenda zu setzen.

Fest verankert in der Bevölkerung

Allzu sicher kann sich dabei keine Seite fühlen. Schon die noch lukrativere Online-Poker-Industrie in den USA wurde vor vier Jahren vom Justizdepartement von einem Tag auf den andern zerschlagen. Allerdings hatten die damals ins Visier genommenen Unternehmen ihren Firmensitz allesamt im Ausland. Das ist im Fall von Daily Fantasy anders, die Lobby in Washington sowie die Verankerung in der Bevölkerung sind ungleich grösser.

Und so ist es denkbar, dass der bestverdienende Sportler der USA schon bald nicht mehr auf einem Spielfeld sein Geld verdient, sondern mit Nachos vor dem Fernseher. Zwei Millionen Dollar kassierte der Hauptgewinner bei Draft Kings letzte Woche, und einen Star hat die Szene auch schon: Chris Prince, Vater von drei Töchtern, Postbote aus Detroit sowie Fantasy-Berater in verschiedensten Online-Medien. Vor allem mit Baseball hat Prince auf Fan Duel bisher 725'000 Dollar gewonnen. Und noch mehr verdient: Wie jede Berühmtheit macht er zusätzlich Geld als Werbeträger.

Erstellt: 24.09.2015, 00:05 Uhr

Fantasy-Sport

5000 Prozent Wachstum – in der Schweiz ohne Geld

Der Gründungsmythos von Fantasy-Sport geht zurück aufs Jahr 1979, als Daniel Okrent, Redaktor der «New York Times», mit drei Freunden im Restaurant «La Rotisserie Française» zu Mittag ass. Okrents Spielidee bestand darin, dass die Teilnehmer seiner virtuellen Liga sich ihr eigenes Team zusammenstellten aus realen Baseballern, deren Leistungen während der Saison nach einem festen Schlüssel Punkte einbrachten.
«Rotisserie Baseball» hiess dieses Spiel und eroberte bald andere Sportarten. Mit der Verbreitung des Internets explodierten Fantasy-Formate dann regelrecht und reichen bis in Randsportarten wie Surfen.
Die zweite Revolution nach dem Internet war 2007 die Einführung von Daily Fantasy. Statt an den Ereignissen einer ganzen Saison orientierte sich das neue Format nur an einem sehr kurzen Zeitraum; dank Handy-Apps und Live-Scoring passte Daily Fantasy perfekt in die neue Zeit. Die Verlockung wächst weiter: Allein Branchenleader Draft Kings verspricht 2015 zwei Milliarden Dollar Preisgeld.
Gemäss der Dachorganisation FSTA betreiben heute in Nordamerika 56,8 Millionen Menschen Fantasy-Sport, 60 Prozent in einer Liga mit Teilnahmegebühr. Sie geben im Schnitt 257 Dollar für Daily Fantasy aus, über 50-mal mehr als vor drei Jahren. 61 Prozent sagen von sich, sie würden wegen Fantasy mehr Live-Sport im TV konsumieren.
In der Schweiz dagegen verdient mit virtuellem Sport niemand Geld. Zwar wirbt zum Beispiel der Eishockeyverband für eine Fantasy-Liga, doch gibt es dort weder eine Teilnahmegebühr noch Preisgeld. Das hat auch gesetzliche Gründe: Sportwetten müssen hierzulande gemeinnützig sein und sich auf ein konkretes Ereignis beziehen, Live-Wetten sind verboten. (phm)

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