Die Jungen sind am Zug

Nach drei Berner Königen in Folge dürfte sich ein junger Schwinger aus einem anderen Teilverband krönen lassen.

Festsieger Pirmin Reichmuth (rechts) und Joel Wicki beim gestellten Schlussgang auf dem Brünig – die beiden Innerschweizer sind erste Anwärter auf den Königstitel. Foto: Christian Pfander

Festsieger Pirmin Reichmuth (rechts) und Joel Wicki beim gestellten Schlussgang auf dem Brünig – die beiden Innerschweizer sind erste Anwärter auf den Königstitel. Foto: Christian Pfander

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Schwingerkönig, der. Wortart: Substantiv, maskulin. Gebrauch: schweizerisch. Bedeutung: Sieger in einem Schwinget.

Lieber Duden: Wenn das so einfach wäre. Der Schwinger­könig als profaner «Siegerin einem Schwinget» – nicht mehr? Es geht um viel mehr. Der Schwingerkönig ist Gewinner der grössten Sportveranstaltung der Schweiz, Aushängeschild des Nationalsports, König auf Lebzeit, Person des öffentlichen Interesses, umworbener Werbeträger – und in absehbarer Zeit wohl ein Eine-Million-Franken-Mann. Der amtierende Schwingerkönig Matthias Glarner sagt: «Als erfolgreicher Schwinger bist du ein C-Promi. Als Schwingerkönig wirst du zum A-Promi.»

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Glarner hievte sich vor drei Jahren auf den Thron, indem er den damals erst 21-jährigen Armon Orlik beim «Eidgenössischen» in Estavayer auf den Rücken legte. Er sicherte den Bernern die Vormachtstellung. Seither wuchten junge Kräfte aus anderen Teilverbänden die Gegner im Akkord ins Sägemehl.

Doch beim letzten Anlass mit eidgenössischem Charakter siegte nochmals ein Berner, und nochmals einer aus der Ü-30-Generation: Christian Stucki am Unspunnenfest. Er und Glarner bremsten mit ihren Siegen die beiden Strömungen im Schwingsport, die in Zug kaum mehr aufzuhalten sein werden: Die neue Generation ist reif für einen grossen Titel – und dessen Vergabe dürfte nicht mehr über die Berner führen.

«Die Innerschweiz: ein vereinigtes ­Königreich? Für den Teilverband gilt das Motto: Wann, wenn nicht jetzt?»

Der erfolgreichste Teilverband dieses Jahrzehnts kämpft heute und morgen in neuer Rolle: Zum ersten Mal seit Aarau 2007 sind die Berner beim Königsspiel nur Aussenseiter. Wobei festzuhalten ist, dass sie neben den Innerschweizern die stärkste Mannschaft stellen.

Der BKSV verfügt über eine grosse Zahl an überdurchschnittlichen Schwingern, denen der eidgenössische Kranz noch fehlt. Die Berner werden mit grosser Wahrscheinlichkeit am Sonntagabend die meisten Neu-«Eidgenossen» aller Verbände stellen – aber mit kleiner Wahrscheinlichkeit den Sieger.

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Sie verfügen noch immer über etliche, die in die Bresche schwingen könnten, sollte ein Berner Favorit Schwächen zeigen. Nur: Den Berner Favoriten gibt es dieses Mal nicht. Titelverteidiger Glarner fiel monatelang aus. Kilian Wenger, Bernhard Kämpf und Remo Käser waren zuletzt inkonstant.

Der zweifache Teilverbandssieger Matthias Aeschbacher ist wohl zu berechenbar für den Coup. Bleibt Christian Stucki, der so fokussiert wirkt wie nie zuvor. Mit 34 Jahren versucht er sich nochmals am Schwinger-Grand-Slam: Kilchberg- und Unspunnensieger ist er bereits, es fehlt der Königstitel.

Stucki und Glarner zählen wie der zurückgetretene König Matthias Sempach zur goldenen Generation des 85er- und des 86er-Jahrgangs, die den Bernern manchen Triumph beschert hat. Selbstverständlich zählt Gold auch in Verbindung mit Sägemehl nicht zum Alteisen.

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Dennoch würde es überraschen, könnte Stucki über zwei Tage und acht Gänge mit der Wucht und Physis der mindestens zehn Jahre jüngeren Königskonkurrenten aus anderen Teilverbänden mitziehen.

Am Wochenende sind die Jungen am Zug: Samuel Giger (21), Armon Orlik (24), Pirmin Reichmuth (23) und Joel Wicki (22) gelten als aussichtsreichste Kandidaten für den Titel Schwingerkönig 2019. Der Thurgauer Giger wurde am letzten «Eidgenössischen» Zweiter. Er hat seither zwölf Kranzfeste gewonnen – mehr als jeder andere. Giger ist ebenso extrovertiert und ehrgeizig wie sein Verbandskollege Orlik.

Der Bündner hat dieses Jahr fünf Feste für sich entschieden. Er war häufig angeschlagen, ist aber noch ungeschlagen. Reichmuth stand nach drei Kreuzbandrissen im rechten Knie vor dem Rücktritt. Nun absolviert der Chamer vor dem «Eidgenössischen» in seiner Heimat die beste Saison der Karriere (vier Festsiege). Und keiner hat diese Saison mehr eidgenössische Kranzschwinger gebodigt als der Sörenberger Wicki (17).

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Gemessen an den Leistungen der letzten drei Jahre wird einer aus diesem Quartett zum Schwingerkönig aufsteigen. Selbstbewusst und durchtrainiert ist jeder. Die entscheidende Stärke wird die mentale sein – oder wie der dreifache Schwingerkönig Jörg Abderhalden sagt: «Der coolste Hund wird sich durchsetzen.»

Einfluss aufs Königsspiel wird die Verbandsstärke haben. Schwingen ist ein Einzelsport. Die wenigsten Athleten stellen ihre Eigeninteressen hinten an. Selbst wenn das gerne andersrum erklärt und verklärt wird. Aber je stärker die eigene Mannschaft, desto mehr potenzielle Stolpersteine gibt es für die Königsaspiranten anderer Teilverbände.

In diesem Bereich sind Orlik und Giger gegenüber Reichmuth und Wicki im Nachteil. Die Nordostschweizer können punkto Breite nicht mit Innerschweizern und Bernern mithalten. Und das dürfte für absehbare Zeit so bleiben. Im Vorjahr schnitt die NOS-Auswahl am Eidgenössischen Nachwuchsschwingertag schwach ab.

«Im Berner Team längst nicht jeder Oberländer mit jedem Seeländer oder Emmentaler Ferien machen.»

Bei den Innerschweizern folgen hinter Reichmuth und Wicki mit Sven Schurtenberger, Mike Müllestein und Benji von Ah drei weitere Saisonsieger, dazu Routiniers wie Christian Schuler und unbequeme Kämpfer wie Marcel Mathis. Diese Zusammensetzung ist königlich.

Nur: Der Innerschweizer Verband ist traditionell der zer­strittenste. Schwyzer, Zuger und Luzerner gönnten sich nicht einmal das Sägemehl in den Unterhosen, sagte einst ein Schwinger. Seit 1895 hat der ISV nur einen König gestellt: Harry Knüsel 1986. Zum Vergleich: Von 46 vergebenen Königstiteln haben die Berner 26 geholt.

Zwar würde im Berner Team längst nicht jeder Oberländer mit jedem Seeländer oder Emmentaler Ferien machen. Aber an Grossanlässen gelingt es dem Verband wie keinem anderen, als Mannschaft aufzutreten. Auch deshalb orientierten sich die Innerschweizer zuletzt am Berner Geist. Sie engagierten eigens einen Coach. Er sollte aus Zerrissenen eine Zweckgemeinschaft bilden. Gemäss jüngsten Eindrücken ist das gelungen.

Die Innerschweiz: ein vereinigtes Königreich? Für den grössten Teilverband gilt das Motto: Wann, wenn nicht jetzt? Das Fest in Zug wird zur grossen Chance. Und zur Zerreissprobe.

Erstellt: 23.08.2019, 23:05 Uhr

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