Die Milliarden-Verirrung

Frühere Gastgeber nutzten die Olympischen Spiele, um die Lebensqualität ihrer Städte zu steigern. In Rio geht es nur noch um einen Giga-Sport-Event.

Bauarbeiten bis zum letzten Moment – und wer hat am Ende was davon? Foto: Urs Jaudas

Bauarbeiten bis zum letzten Moment – und wer hat am Ende was davon? Foto: Urs Jaudas

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IOK-Präsident Thomas Bach kann gar die Zukunft vorhersagen. Der oberste Hüter der Ringe weiss schon vor der Eröffnungsfeier dieser Sommerspiele heute Abend Ortszeit in Rio: «Die Geschichte wird von einem Rio vor den Spielen sprechen – und von einem besseren Rio nach den Spielen.» Die Worte von John Coates, einem seiner vier Vizepräsidenten, waren ihm zu diesem Zeitpunkt nicht mehr präsent. Der Australier hatte die Vorbereitungen vor rund zwei Jahren als die «miesesten je» bezeichnet, die er in 30 Jahren als Funktionär erlebt habe.

Ein Augenschein gestern im ­Olympiapark bestätigte eher den bachschen Optimismus: Zumindest standen alle Stadien, obschon unübersehbar war, dass für Feinarbeit kaum Zeit blieb. So besteht der Boden der olympischen Hauptzone aus Pflastersteinen, ausgerechnet im Zentrum des Zentrums mit seinen kleinen Bars und Essständen aber fehlen sie. Ein eher welliger Betonguss begrüsst die Gästefüsse. Offenbar eilte es.

Die weissen Elefanten

In der Langzeitperspektive wird eine solche Unebenheit natürlich zur Fussnote. Aber sie legt im Kleinen offen, wie Rio wohl eher zu bewerten sein wird: als Sport-Event, das die 12-Millionen-Metropole bestimmt nicht einfach «besser» machte, wie Bach frohlockt. Dafür ist schon zu viel publik geworden, das einem unbefleckten Erbe schwer zusetzt.

Es beginnt beim Kernstück, dem Olympiapark, der an Stelle der alten Formel-1-Rennstrecke Jacarepaguá in Barra da Tijuca entstand. Fast alle Sportanlagen hier mussten erst ­gebaut werden. Nur wenige von ihnen werden nach diesem «Fest der Jugend» stark benutzt bleiben. Es drohen wie in Teilen von London (2012), Peking (2008) und vor allem Athen (2004) wieder sogenannt weisse Elefanten, zumindest kleine.

Das olympische Dorf wird mehr ­Anklang finden: Es wird zu Wohnungen für Bürger der höheren Einkommensklassen umgebaut. Der Boden dafür und das Olympiazentrum durfte ein Baulöwe und Milliardär zur Verfügung stellen, ebenso die Infrastruktur hoch­ziehen – und das Athletendorf dann auch verkaufen. 1 Milliarde Franken soll sein Gesamtgewinn gemäss ­Medienberichten betragen. Im Vergleich dazu profitieren die Unter- bis Mittelklasse von Rio kaum.

100 Prozent mehr Favela-Tote

Die Politiker der Stadt versprachen bei der Bewerbung, dank der Spiele einem Grossteil der Bürger den ­Anschluss an die Kanalisation zu ermöglichen – einem Drittel fehlt das bisher. Dieses Versprechen konnten sie ebenso wenig einhalten wie die Zusage, das Abfallproblem mehrheitlich zu beseitigen. Rund 50 Prozent des Abfalls gelangt ungeklärt ins Meer. Darüber hinaus versuchte die Polizei seit dem Zuschlag der Spiele vor sieben Jahren und im Zusammenhang mit der Fussball-WM 2014, viele der Favelas genannten Armensiedlungen zu befrieden. 2600 Menschen sind seither durch die Staatsgewalt umgekommen, was gemäss Menschenrechtsorgani­sationen einer Zunahme von rund 100 Prozent an Favela-Toten entspricht.

Ob Rio also schlicht «besser» dastehen wird als vor den Spielen, ist fraglich – auch wenn die Gastgeber versprochen hatten, die Infrastrukturausgaben des mit rund 10 Milliarden Franken budgetierten Grossanlasses für ihre Menschen gewinnbringend ein­zusetzen. Dabei waren Olympische Spiele in ihrer besten Phase gerade «Leuchtturmprojekte», weil sie den Stadtvätern ermöglichten, ihre Orte fitter zu machen. Das zerbombte Tokio baute sich für die Spiele 1964 neu auf – dank damals horrender 2,8 Milliarden Franken. Dafür war die Stadt danach komplett erneuert und die Lebens­qualität der Bürger hoch.

Trügerisches Barcelona

Gerne wird Barcelona als Muster­ für die Nachhaltigkeit von Spielen erwähnt. Der Fall zeigt jedoch eher, wie stark sich Barcelona vom aktuellen Ansatz abhebt: Die Spiele von 1992 dienten den Spaniern weniger als Katalysator zur Generalüberholung eines Stadtgebiets denn als Plattform für die Tourismuswerbung. Sie waren Teil einer cleveren Gesamtstrategie, die längst vor der Vergabe lanciert worden war.

Auch das IOK profitierte vom Barcelona-Erfolg: Es hatte für 1984 Los Angeles regelrecht anflehen müssen, doch bitte die Spiele auszutragen, weil nach dem Finanz-GAU von 1976 in Montreal und dem Boykott von 1980 in Moskau kaum eine Stadt olympisch denken wollte.

Krisen hat das IOK mit seinen Spielen mehrere erlebt – und überstanden. Es wird auch die neuste Verirrung meistern. Sie wird ebenso die nähere Zukunft prägen: Wie für Rio werden viele Stätten der Winterspiele von 2018 in Pyeongchang und 2022 in Peking neu gebaut. Die Menschen der Region werden hingegen abermals eher wenig vom Effort profitieren. Sie erleben dafür aus der Nähe, wie ihre Politiker erneut Milliarden für ein knapp dreiwöchiges Sport-Happening ausgeben werden.

Dieses verflixte Adjektiv

Natürlich könnte das IOK auf diese Simplifizierung der Spiele korrigierend einwirken. Thomas Bach schien ab 2013 als neuer Präsident gar eine neue Denkweise vorzugeben: Seine Agenda 2020 sollte die Spiele zurück zur goldenen Phase führen und den ­Menschen dienen. Mit ihren Vergaben nach Südkorea und China verdeutlichen die IOK-­Mitglieder allerdings, dass sie schöne Worte kaum mit Inhalt füllen.

Einfach «besser» wird der grösste und teuerste Sportanlass der Welt also auch in Zukunft kaum. In einem raren Moment der Bescheidenheit sagte Eduardo Paes, der Bürgermeister von Rio und Hansdampf dieser Spiele doch tatsächlich, seine Crew habe die Chance verpasst, die Stadt auch dank Olympia «besser zu machen». Da war es also wieder, dieses verflixte bachsche Adjektiv.

Erstellt: 04.08.2016, 22:57 Uhr

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Tickets 80 Prozent verkauft

Das OK braucht einen kräftigen Endspurt der Brasilianer, damit es die Tickets für die Spiele weitestgehend absetzen kann. 80 Prozent der 7,5 Millionen Billette sind gemäss OK mittlerweile verkauft. Vor allem für das Fussballturnier sind noch viele Karten zu bekommen, weil die Spiele teilweise in anderen Städten stattfinden. Die anvisierten Ticketeinnahmen von rund 230 Millionen Franken sollen aber bereits erreicht sein, da man vor allem auch viele der teuren Plätze habe absetzen können. 14 Franken kosten die billigsten Tickets, 1500 Franken die teuersten (für die Eröffnungsfeier). Entgegen ersten Aussagen hat das OK nun auch entschieden, «unterprivilegierten Kindern» Karten zu schenken (240 000) und damit Events mit mässigem Zuschauerinteresse aufzuhübschen. Noch hoffen IOK wie OK aber auf eine Schlussoffensive der brasilianischen Sportfreunde, da diese erfahrungsgemäss oft erst auf den letzten Drücker nach Tickets verlangten. Insofern haben sie es gut: Plätze sind ja noch vorhanden. (cb)

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