Viel tiefer kann der Fussball nicht mehr sinken

Türkische Kriegspropaganda, bulgarische Hitlergrüsse: Der europäische Fussball verkommt zusehends – und die Uefa schaut zu.

Die Geste des Anstosses: Die Türken demonstrieren ihre Unterstützung für die Regierung. Foto: Pixathlon/SIPA

Die Geste des Anstosses: Die Türken demonstrieren ihre Unterstützung für die Regierung. Foto: Pixathlon/SIPA

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Salutierende Türken in Paris. Ein prokurdisches Plakat, das von den Sicherheitsmitarbeitern des Stade de France hastig einkassiert wird. Zum Hitlergruss gestreckte Arme in Sofia. Rassistische Affenlaute, die englische Nationalspieler beleidigen sollen. Der Montagabend hat mit der verlogenen Mär, Fussball sei nicht politisch, gründlich aufgeräumt.

Aufräumen, das muss nun auch der Europäische Fussballverband Uefa. Und zwar rasch und umfassend. In einem gewissen Sinn haben ihm die türkischen Spieler sogar einen Dienst erwiesen. In Paris demonstrierten sie schon zum zweiten Mal mit strammem Salutieren ihre Unterstützung für ihre Regierung und deren stark umstrittene Offensive gegen syrische Kurden. Das erste Mal hätte man vielleicht noch als Ausrutscher, als unbedachte Aktion zerreden können. Jetzt ist es aber klar: Die Spieler stehen hinter dem Angriffskrieg. Und sie provozieren ganz offen die Uefa, die alle politischen und religiösen Statements in den Stadien verbietet.

Die Uefa hat sich wie der Weltverband Fifa stets hinter der Lüge versteckt, Politik und Fussball seien zwei völlig voneinander getrennte Welten. Es ist eine Schutzbehauptung, die den grossen Verbänden dabei hilft, sich darauf zu konzentrieren, was sie viel lieber machen, als sich um moralische Fragen zu kümmern: So viel Geld aus ihrer Sportart zu pressen wie nur irgend möglich.

Die Strafen zeigen überhaupt keine Wirkung

Aber jetzt ist die Zeit gekommen, in der sich die Uefa entscheiden muss, ob das Fressen wirklich immer vor der Moral kommt. Es gibt keine neutrale Position, wenn in einem Stadion Kriegspropaganda betrieben wird. Und auch nicht, wenn Neonazis so offen und vergnügt ihr Unwesen treiben dürfen wie an dem ekelerregenden Abend von Sofia.

Wobei die Bulgaren ziemlich genau wissen, was sie von der Uefa zu erwarten haben. In solchen Fällen hat die Disziplinarkommission inzwischen eine traurige Routine. Zuletzt wurde Ungarn für Rassismus auf den Rängen mit einem Geisterspiel und 67'000 Euro Strafe belegt, die Slowakei entkam knapp einer Stadionsperre und musste nur 15'000 Euro bezahlen.

«Ihr seid die kranke Seite dieser Welt»: Mario Balotelli stellte sich deutlich gegen rassistische Anfeindungen in der italienischen Serie A. Foto: Keystone

Das Problem dieser Strafen: Sie zeigen meist keine Wirkung. Weil sie nicht wirklich schmerzen und darum ebenso reine Symbolik bleiben wie der gestrige Rücktritt des bulgarischen Verbandspräsidenten. Zudem müssen sich die von der Uefa ausgesprochenen Bussen immer mit jener vergleichen lassen, die Nicklas ­Bendtner bekam, weil er an einer Europameisterschaft Werbung auf einer Unterhose trug. Der Däne wurde 2012 wegen Schleichwerbung mit 100'000 Euro und einer Spielsperre bestraft.

Wer den Konflikten immer ausweicht, riskiert, dass er irgendwann in eine mächtige Explosion läuft.

Ja, bei Verstössen gegen Sponsorenrechte, da schlägt die Uefa gnadenlos zu. Aber sie hat es verpasst, mit derselben Härte Leitplanken für das Zusammenleben auf dem Fussballfeld zu setzen. Klar, den Kampf gegen Rassismus hat sich der Verband gross auf die Fahne geschrieben. Aber wie ernst kann man die schönen Parolen nehmen, wenn die Uefa gleichzeitig zulässt, dass ein Spieler den Final eines europäischen Wettbewerbs auslässt, weil er wegen seiner Abstammung um seine Sicherheit fürchtet? So ist es Henrikh Mkhitaryan ergangen, der als Armenier nicht zum Final der Europa League nach Aserbeidschan reiste. Jenes Endspiel in Baku war ein weiterer Beweis, wie bereitwillig sich der europäische Fussball mit autokratischen Regimes einlässt.

In ihrem Bestreben, niemandem auf die Zehen zu treten, hat die Uefa immer mehr Nationen Sonderrechte eingeräumt. Russland will nicht mehr mit der Ukraine spielen – und umgekehrt. Kosovo darf nicht auf Serbien treffen. Die Spanier weigern sich, gegen Gibraltar anzutreten. Schritt für Schritt hat die Uefa so ihre eigene Haltung verraten. Denn viel politischer und rassistischer als mit verweigerten Paarungen kann der Fussball eigentlich nicht mehr werden.

Wer aber den Konflikten immer ausweicht, riskiert, dass er irgendwann in eine mächtige Explosion läuft. Möglich, dass es eine Mini-Nation ist, die die Lunte zündet. Qualifiziert sich Kosovo für die Europameisterschaft 2020, werden die Computer, die die Spielpläne erstellen, einiges zu rechnen haben. Vier Austragungsländer der kommenden EM anerkennen Kosovo nicht: Rumänien, Aserbeidschan, Russland und Spanien. In den beiden letztgenannten Ländern ist sogar die Kosovo-Fahne ein verbotenes Symbol. Es wird noch besser, weil sich auch die Ukraine für die Endrunde qualifiziert hat. Sie akzeptiert Kosovo ebenfalls nicht und trug deswegen ein «Heim»-Spiel gegen die Kosovaren in Polen aus. Auch das hat die Uefa einfach so akzeptiert.

Wer sich nicht an die Regeln hält, darf nicht mehr spielen

Schritt für Schritt hat sie jene – ach so hehren – Ideale verraten, die sie so gerne wie eine Fackel vor sich herträgt. Es ist nicht apolitisch, sich einerseits bei allen Konflikten zu enthalten. Und andererseits mit allen ins Bett zu steigen, die mit genügend Geldscheinen winken. Das ist im besten Fall opportunistisch. Im Normalfall ist es bloss zynisch.

So wie es mehr als ironisch ist, dass das Verbot politischer Botschaften in europäischen Fussballstadien wegen eines Pazifisten erlassen wurde. Alain Sutter war es, der 1995 in Göteborg während der Schweizer Nationalhymne eine hastig gesprayte Parole entrollte: «Stop It Chirac!» Er protestierte damit gegen Atombombentests der Franzosen im Mururoa-Atoll. Da es noch kein Verbot solcher Statements gab, kamen die Schweizer damals ohne Strafe davon. Kurz darauf aber änderte die Uefa ihre Regeln. Sie verbietet seither alle politischen und religiösen Botschaften im Stadion.

Dieselbe Entschlossenheit darf sie heute gerne wieder beweisen. Lange genug hat sie sich hinter ihrer angeblichen Neutralität versteckt und so Autokraten geholfen, sich auf Kosten des Fussballs zu profilieren. Nicht, dass sie all ihre Mitgliedsländer zu demokratischen Vorzeigenationen umerziehen muss. So etwas zu verlangen, wäre schlicht naiv. Nein, es geht darum, ganz simple Regeln einzuhalten.

Du willst Kriegspropaganda betreiben? Dann darfst du nicht mitspielen. Du bietest Rechtsextremen eine Plattform, ohne ernsthaft dagegen vorzugehen? Dann spielst du nicht mit. Du willst dir aussuchen, gegen wen du antrittst – und gegen wen nicht? Nein, dann darfst du nicht mitspielen.

Erstellt: 16.10.2019, 14:13 Uhr

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