Drei Könige und ein langes Vorspiel

113 Tage bevor in Zug der Schwingerkönig gekrönt wird, beginnt morgen die Saison mit den ersten Kranzfesten. Sechs Fragen und Antworten zum neuen Wettkampfjahr.

Zwei der aussichtsreichsten Hünen für den Königstitel im Duell: Samuel Giger (unten) gegen Armon Orlik. Foto: Eddy Risch (Keystone)

Zwei der aussichtsreichsten Hünen für den Königstitel im Duell: Samuel Giger (unten) gegen Armon Orlik. Foto: Eddy Risch (Keystone)

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Wer kommt für den Gewinn des Königstitels infrage?
Wohl nicht mehr als ein halbes Dutzend Schwinger. Die Nordostschweizer Armon Orlik und Samuel Giger werden am höchsten gehandelt. Auch der Innerschweizer Joel Wicki gehört zum engsten Favoritenkreis. Bernerseits müssen es Christian Stucki, Kilian Wenger oder Remo Käser richten, wobei dieser auf hohem Niveau stagniert. Nick Alpiger und Lario Kramer, die Trümpfe der kleineren Teilverbände Nordwest- respektive Südwestschweiz, werden in Zug kaum um den Sieg schwingen.

Haben die Berner ihre Vormachtstellung eingebüsst?
Mit einer Ausnahme haben seit 2008 nach jedem Wettkampf mit eidgenössischem Charakter die Berner gejubelt, sie gewannen auch die meisten Bergfeste. Wegen ihrer Dominanz kam es nicht selten bereits im dritten oder vierten Gang zu verbandsinternen Duellen, die an und für sich verpönt sind. Nach den Rücktritten von Matthias Sempach und Matthias Siegenthaler sowie ­wegen der verletzungsbedingten Absenz von Matthias Glarner hat die Mannschaft Qualität eingebüsst. Die Ost- und die Innerschweizer haben aufgeholt. Für die Berner sprechen die Rückkehr des zweifachen Brünig-Siegers Bernhard Kämpf, die Routine und die noch immer vorhandene Breite. Die Zeit aber schwingt gegen sie, selbst wenn einige Talente nachrücken.

Wer könnte für eine Überraschung sorgen?
Zu beachten gilt es Pirmin Reichmuth. Erst 23 ist der 198 cm grosse Hüne, Verletzungen aber hat er bereits für zwei oder drei Karrieren erlitten. Mit 18 stand er im Schlussgang des Innerschweizer Teilverbandsfestes, kurz darauf riss zum ersten Mal das Kreuzband. 2015 und 2017 zog er sich weitere schwere Knieblessuren zu, verpasste drei Saisons, musste seine Schwingweise umstellen – und doch hat er nichts von seiner Klasse eingebüsst. Drei kleinere Hallenfeste entschied er in den letzten zwei Monaten für sich, gegen Orlik und Giger reichte es zu «Gestellten». In Cham aufgewachsen, wird das «Eidgenössische» in Zug für ihn zum Heimspiel.

Welche Feste sind neben dem «Eidgenössischen» besonders zu beachten?
Das Vorspiel ist lang, bevor es Ende August in Zug zur Sache geht. 37 Kranzfeste finden bis dahin statt; bedeutend sind die Bergfeste (Brünig, Rigi, Schwäg­alp, Schwarzsee, Stoos, Weissen­stein), wobei das Kräftemessen auf dem Brünig als besonders prestigeträchtig gilt. Auch die Teilverbandsfeste in der Nordost- und der Innerschweiz sowie das Berner «Kantonale» geniessen ­hohen Stellenwert. Bis zum ­Saisonhöhepunkt werden sich die drei grossen Mannschaften (Berner, Nordost- und Innerschweizer) jedoch nirgendwo duellieren.

Wer gelangt an Tickets für das «Eidgenössische»?
Nie zuvor war die Arena grösser: 56'500 Zuschauer werden am «Eidgenössischen» Einlass finden. Gar sechsmal mehr werden auf dem Festgelände erwartet und sich mit Public Viewing ­begnügen müssen – weil das mit dem Ticketkauf so eine Sache ist. Der Vorverkauf soll demnächst starten, trotz stolzen 245 Franken für einen gedeckten Tribünen­platz wird er vorüber sein, ehe er richtig begonnen hat. Die meisten Karten erhalten die Schwingclubs, welche diese unter ihren Mitgliedern verteilen.
Doch es geht noch komplizierter: Am Brünig-Schwinget ist die Wahrscheinlichkeit für den Erhalt eines Sitzplatzes etwa gleich hoch wie die Aufnahme des Schwingsports ins Olympia-Programm. Die Tickets werden über Generationen hinweg weitergegeben, sind in Familienbesitz. Es existiert eine mehrere Seiten umfassende Warteliste.

Wie geht es den drei aktiven Königen?
Seit dem Gondelsturz vor zwei Jahren ist Matthias Glarner Dauerpatient. Im vergangenen August musste er sich abermals operieren lassen, seit zwei Wochen trainiert er im Sägemehl. Noch fehlt das Vertrauen in den lädierten Fuss, das Comeback gibt es frühestens im Juni. Der Titelverteidiger möchte in Zug etwas reissen, wird aber sicher nicht den Clown spielen. Will heissen: Er tritt nur an, wenn die Form passt. Bei seinem Berner Copain Kilian Wenger ist die ­Gefühlslage konträr, wurde er doch vor einem Monat erstmals Vater. Töchterchen Mena Léanne schlafe gut, er sei daher ­gesund und munter, lässt er ausrichten. Weniger zu klagen als zuletzt hat Arnold Forrer, Schwingerkönig von – man glaubt es kaum mehr – 2001. Die vergangene Saison liess er aufgrund von Hüftbeschwerden aus, dieses Jahr will der 40-jährige Toggenburger mindestens fünfmal Eichenlaub gewinnen. Womit er als Erster die magische Marke von 150 Auszeichnungen erreichen würde.

Erstellt: 04.05.2019, 18:45 Uhr

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