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Ein Mann ohne Freunde

Witali Mutko tritt als Chef der Fussball-WM 2018 in Russland zurück. Nach dem lebenslangen Ausschluss von Olympia ist er auch für die Fifa untragbar geworden.

Ein Bild mit Symbolcharakter: WM-Chef Witali Mutko verlässt den Tisch, an dem Wladimir Putin und Gianni Infantino verhandeln. Foto: Maxim Schipenkow (AFP)
Ein Bild mit Symbolcharakter: WM-Chef Witali Mutko verlässt den Tisch, an dem Wladimir Putin und Gianni Infantino verhandeln. Foto: Maxim Schipenkow (AFP)

Sie galten als ziemlich beste Freunde, Wladimir Putin und Witali Mutko. Beide waren sie in St. Petersburg zu Männern geworden, beide sind sie Freunde des Sports. Judoka Putin stieg bald die politische Karriereleiter hoch und zog Fussballer Mutko nach. Er machte aus dem einstigen Schiffsmechaniker den Sportminister und dann den Vizeregierungschef (mit Spezialgebiet Sport). Dieser dankte, indem er für Putin in den Wind stand und selbst bei miesester Faktenlage die Unbeflecktheit des russischen Sports in die weite Welt rief. Das musste er häufig: Die Welt weiss seit Monaten von Russlands staatlichem Doping.

Selbst als Mutko am Montag als russischer Fussballverbandspräsident auf Zeit zurücktrat, sagte er: Als Chef der WM wolle er bleiben, «solange Präsident ­Putin mir vertraut». Das Vertrauen war ziemlich endlich – und ziemlich beste Freunde, das war auf dem Papier bis gestern. Mutko trat als WM-Chef zurück.

Rücktritt als OK-Chef: Der Vizeministerpräsident Russlands will sich auf die Regierungsarbeit konzentrieren. Video: Tamedia/AFP

Er ist in der Gunst von Putin gefallen. Die WM 2018 im eigenen Land soll zu einem russischen Leuchtturm werden – da stört eine Person, die Russlands dunkle Seiten mit sich herumträgt.

Eine Männerfreundschaft bricht

Überhaupt haben die Freunde Mutko verlassen, dazu gehört auch Fifa-Präsident Gianni Infantino. Dabei sah es bis zuletzt harmonisch aus. Als die Ethikkommission um den Zürcher Anwalt Cornel Borbély wegen Interessenskonflikten und Beihilfe zu Staatsdoping gegen Mutko ermittelte, wurde sie wenig später von der Fifa-Spitze abgesetzt. Als ­Governance-Chef Miguel Maduro ­Mutkos Wahl in den Fifa-Rat ebenfalls wegen Interessenskonflikten verhindern wollte, bedrängte ihn Infantino vehement. Die Wiederwahl konnte Maduro verhindern, wenig später aber wurde er entlassen.

Und als Mutko an der WM-Auslosung minutenlang über die Dopingvorwürfe wetterte, sass Infantino neben ihm und hielt sich zurück, obwohl es auch in ­seinem Hoheitsbereich drückende ­Verdachtsmomente gibt.

Doch die Männerfreundschaft hat Grenzen. Seit dem IOK-Entscheid und Mutkos lebenslangem Ausschluss von Olympia soll die Fifa mit Nachdruck Wechsel gefordert haben, bei Mutko ­angefangen, schreibt die russische Zeitung «Kommersant».

Eher Putin als Infantino

Mit welchem Nachdruck ist jedoch fraglich. Russland gilt als einer der wichtigsten Wahlhelfer Infantinos. Russland ist aktuell mit der WM auch die wichtigste Einnahmequelle der Fifa. Heisst: So richtig verscherzen will man es mit diesen Leuten nicht. Es ist darum naheliegend, dass mehr Putin und weniger Infantino den Ausschlag für den Entscheid gegeben haben dürfte. Notabene eine an sich problematische Einmischung der Politik. Für ähnliche Vergehen droht die Fifa zur Zeit Spanien mit dem WM-Ausschluss.

Dass Mutkos Abgang derart abrupt geschah, überraschte Zeitungen und selbst einen Teil der Fifa. Jedenfalls weilt die Medienabteilung aktuell in den ­Ferien, auf die Anfrage kam erst ein «Happy New Year» zurück, dann doch noch die offizielle Antwort: «Die Fifa hat Herrn Mutkos Entscheid zur Kenntnis ­genommen.» Sie danke ihm für «seinen unschätzbaren Beitrag» zur WM 2018. Zu den Fragen ­bezüglich des Einflusses der Fifa auf den Rücktritt: kein Wort. Dass etwa Mutko untragbar geworden sei und die Fifa nun Position beziehe: kein Wort. Für weitere Auskunft verweise man auf das russische Organisationskomitee. Dort klingt es ähnlich. «Mit grossem Bedauern» habe man den Entscheid erfahren. Über die Gründe: kein Wort.

«Ein Theater des Absurden»

Schöne Worte prägen also das Ende einer Posse, die der ehemalige russische Fifa-Vizepräsident Wjatscheslaw Koloskow «Theater des Absurden» nennt. ­Koloskow selbst war schon wegen unlauterer Fifa-Zahlungen angezeigt. Er frage sich derweil, ob Mutkos Nachfolger dem Amt gewachsen sei, schliesslich sei die WM eine grosse Maschine, man müsse als Chef auch Generälen befehlen. Wohl auch darum fügte das russische Organisationskomitee in seiner Mitteilung an, dass Mutko als Vizeministerpräsident die WM-Vorbereitung weiterhin über-­wachen und koordinieren werde.

Mutkos Nachfolger ist bekannt, er heisst Alexei Sorokin. Dieser hat ihn ­bereits in diesem Sommer im Fifa-Rat beerbt. Sorokin ist ein Mann, der Sätze sagt wie: «Ich kann nur sagen, dass ­Doping im Fussball nie ein ernsthaftes Problem war.» Als im Juni Dokumente vermuten liessen, dass 2014 das ganze russische WM-Kader gedopt gewesen war, befand er kurz und knapp: «Absolut erfunden.» Die Aussagen kommen bekannt vor. Sie erinnern an den Vorgänger.

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