Ein Zürcher träumt vom Ryder Cup

Marco Iten ist fulminant in seine Profigolf-Karriere gestartet. Um sich zu finanzieren, benutzt der Niederglatter ein ungewöhnliches Projekt.

Der Schlapphut als Markenzeichen: Marco Iten puttet im GC Rheinblick. Foto: Samuel Schalch

Der Schlapphut als Markenzeichen: Marco Iten puttet im GC Rheinblick. Foto: Samuel Schalch

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«Kein Studium war für mich keine ­Option», sagt Marco Iten auf der Terrasse des Golfclubs Rheinblick, seinem Heimclub, und lacht. Also studierte er. Erst absolvierte der Sohn eines Hochschulsportlehrers an der Uni Zürich und einer Kantonsschulsportlehrerin die Matur. Dann, von 2010 bis 2014, den Bachelor an der Austin Peay State University bei Nashville in den USA. Und schliesslich von 2014 bis 2016 den Master in Sportmanagement an der Uni von Stirling in Schottland. In den Auslandjahren erhielt der Niederglatter Stipendien und konnte in starken Teams weiter seinen Traum verfolgen: Golfprofi zu werden.

Nun, als 27-Jähriger, ist er daran, die verlorenen Jahre aufzuholen. Wobei dieser Ausdruck ohnehin falsch ist. «Nach der Matur wäre ich noch nicht bereit ­gewesen für Profigolf», sagt Iten. Was er alles gelernt hat in den USA und Schottland, erweist sich als eine gute Start­basis. «Viel besser hätte meine Profikarriere wirklich nicht beginnen können», sagt Iten.

Er spricht mit fester Stimme, und man merkt rasch: Hier sitzt einem ein Mann mit wachem Geist gegenüber, der weiss, was er will und was er kann. Er sei «zielgerichtet und fokussiert, aber auch unkompliziert, freundlich und zugänglich», sagt der Sportmanager Benny Tanner, der Iten berät.

Verzicht auf Crans-Montana

Dass sein Selbstvertrauen gross ist, überrascht angesichts seiner Resultate nicht. In der Pro Golf Tour, der untersten Profistufe, liegt er dank zwei Siegen und sieben Top-10-Rängen auf dem 4. Gesamtrang. Noch zwei Turniere stehen aus, dann erhalten die ersten fünf für 2018 eine Spielberechtigung auf der Challenge-Tour, dem zweithöchsten Profi-Circuit in Europa. Für dieses Teilziel hatte er sich zwei Jahre Zeit gegeben.

Kann man schon gratulieren? Iten winkt ab: «Das würde nur Unglück bringen. Aber klar: Es sieht gut aus. Und an den verbleibenden zwei Turnieren bin ich selber auch am Start.» Dafür muss er ein Opfer bringen: Weil das zweitletzte Turnier, im polnischen Breslau, kommende Woche erst zwei Tage vor Beginn des European Masters in Crans-Montana (ab 7. September) endet, verzichtet er schweren Herzens auf einen Start am grossen Walliser Turnier.

Marco Iten am 12. Loch in der zweiten Runde der Omega European Masters 2015 in Crans-Montana, Switzerland, Friday, July 24, 2015. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Vor einem Jahr war Iten noch Amateur, voll in seinen Studienabschluss vertieft und unsicher, ob er eine Basis würde legen können, um eine Profilaufbahn einzuschlagen. «Es war eine Budget­frage», sagt er. «Und weil ich mit dem Studium beschäftigt war, fehlte mir Zeit, um alles aufzugleisen.» Er ist ein gutes Beispiel dafür, dass die Gleichung Golf = Geld nicht mehr stimmt. «Schön wärs», sagt er. Iten kalkuliert knapp, muss jeden Franken umdrehen, wohnt wieder bei seinen Eltern und ist froh, ­deren Auto benutzen zu dürfen. Oft teilt er sich an Turnieren bescheidene Unterkünfte mit anderen Golfern.

60'000 bis 70'000 Franken müssen reichen für seine erste Saison, alles inbegriffen. Auf der Pro Golf Tour werden pro Anlass Einschreibegebühren von 250 Euro erhoben, damit wird das Preisgeld finanziert. Ein Caddie liegt hier nicht drin, Iten trägt seine Tasche selber, misst die Distanzen persönlich aus. Auf der Challenge Tour würde das nicht mehr gehen, da könnte ihm ein Caddie aber auch viel bringen.

«Ich sah zwar Golfturniere am Fernsehen, aber es war wie ein anderer Planet, und man hat keine Ahnung, wie man dorthin kommt.»

Um sein Budget zu decken, ging Iten ungewohnte Wege. So startete er das Projekt «Birdie-Club». Wer will, verpflichtet sich, ihm einen kleinen Betrag pro erzieltes Birdie (ein Loch, das mit eins unter Par bewältigt wird) zu überweisen. 50 Rappen, 1 Franken, 2 Franken … Etwa 60 Gönner, darunter viele Senioren beim GC Rheinblick, machen mit, 5 Prozent tritt er an die Juniorenkasse ab. Auf seiner Website ist der Zwischenstand notiert: Bisher sind es 258 Birdies. Ein Eagle (zwei unter Par) zählt doppelt.

Den Rest des Budgets decken Zuschüsse des Golfverbands ASG, einige kleinere Sponsoren sowie die Preisgelder. Die sind auf der Pro Golf Tour bescheiden: Nach 16 Turnieren steht Iten bei 21'500 Euro. Dazu kommen 11'000 Euro, die er sich in den fünf Turnieren auf der Challenge Tour erspielte, für die er Einladungen erhalten hatte. Auch dort hielt er sich überraschend gut. Er hat denn in der Weltrangliste in diesem Jahr auch schon rund 1400 Golfer überholt und ist auf Rang 473 vorgestossen.

Profi zu werden, sei für ihn eine Reise ins Ungewisse gewesen, sagt Iten. Er sei von Natur aus eher vorsichtig und wisse, wie wenige Spieler es auf eine der grossen Touren schaffen würden. «Ich sah zwar Golfturniere am Fernsehen, aber es war wie ein anderer Planet, und man hat keine Ahnung, wie man dorthin kommt.» Im Gegensatz etwa zum Tennis fehlt es in der Schweiz in dieser Sportart eben an Leitfiguren. «Ich hatte keine ­Ahnung, wo ich stehe. Aber ich hatte das Glück, dass ich super in die Saison startete. Das beruhigte die Nerven und half meinem Selbstvertrauen.»

Iten ist der grosse Aufsteiger unter den Profis. Foto: Samuel Schalch

Iten konnte auch nicht wissen, wie er reagieren würde, wenn er plötzlich sein Geld mit Golf verdienen muss. Doch er merkte rasch, dass er gut gerüstet ist. «Je grösser der Druck wird, desto grösser ist mein Fokus», sagt er. Ihm helfe nun, dass er in den USA stets gegen neun Kollegen um fünf Plätze im Team kämpfen musste. «Das war sportlich ein Über­lebenskampf.»

Von Schottlands Wetter geeicht

Wertvoll ist für ihn auch, dass andere junge Schweizer seiner Generation schon gezeigt haben, dass sie international mithalten können – so die Thurgauer Benjamin Rusch und Joel Girrbach. Dessen Sieg an der Swiss Challenge sieht Iten als Signal: «Er zeigt, dass man als Golfer nicht hinten anstehen muss, nur weil man Schweizer ist.»

Etwas anderes brachten ihm die Jahre in Schottland: die Fähigkeit, auch bei garstigem Wetter gut zu spielen. «Das lernt man dort auf die bittere Art, wenn es quer regnet und mit 30 Stundenkilometer windet.» Diese Qualität half ihm auch auf dem Weg zu seinen Turniersiegen in El Jadida (Marokko) und Gut Bissenmoor (bei Hamburg).

Grössere Schwächen ortet Iten bei sich ohnehin nicht mehr. Umso ambitionierter ist er: Innert drei bis fünf Jahren möchte er es auf die Europatour schaffen, und er gibt zu: «Mein grosser Traum ist es, im Ryder Cup zu spielen. Das wäre das höchste aller Gefühle.» Um seine Ziele zu erreichen – dafür tut er alles. «Ich bin eigentlich faul, aber ich arbeite sehr hart», sagt er. Und lacht erneut.

Erstellt: 28.08.2017, 22:43 Uhr

Spätzünder mit dem Coach im Hosensack

Er sei nie als Ausnahmetalent betrachtet worden, sagt Marco Iten. «In meinem Jahrgang lag ich stets zurück, auch im Wachstum.» Mit 16, 17 machte er dann einen Schub und ist nun 1,85 m gross. «Als 18-Jähriger gehörte ich in meiner Altersklasse zu den Top 5 in der Schweiz, danach ging ich in die USA.» In Nashville entwickelte er sich stark und avancierte zum besten Spieler seiner Mannschaft. Er spielte sich bis auf Rang 61 der Amateur-Weltrangliste und war von 2014 bis 2016 der beste Schweizer Amateur, bevor er den Profistatus annahm.

Speziell ist die Art, wie Iten mit seinem Coach arbeitet, dem Engländer Haydn Selby Green. Mit diesem hatte er im Golfpark Otelfingen einst zusammengearbeitet, ehe dieser nach England zurückkehrte. «Bevor ich in die USA ging, nahmen wir wieder Kontakt auf. Er sagte, ich soll ihm ein Video meines Schwungs schicken, und gab mir darauf sein Feedback.» Diese effiziente und kostengünstige Zusammenarbeit bewährte sich und hält bis heute an. «Ich habe den Coach immer dabei – und doch nicht», so Iten.

Auch mental trainiert er intensiv, auf dem Platz und daneben. «Dazu meditiere ich auch noch etwa 10, 15 Minuten täglich. Das tut mir in diesem hektischen Leben auch persönlich gut.» (rst)

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