Danke, Segi!

Eine Hommage von Weggefährten an den Rekordspieler und ewigen Captain Mathias Seger zum Abschluss seiner grossen Karriere.

So feierten die ZSC Lions in der Kabine. Video: Tamedia/Simon Graf.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Theo Seger, Vater und Trainer:
«Bei den Piccolo 70, 80 Tore»

«Mathias wollte schon als Kind immer gewinnen. Ob beim Gesellschaftsspiel oder beim Veloausflug am Sonntag. So kam es jeweils zum Sprint: Er, sein vier Jahre älterer Bruder Michael und ich traten in die Pedale, meine Frau fuhr hinterher. Mathias war immer ehrgeizig, hat stets den Wettkampf gesucht. Ich war damals bereits Trainer in Uzwil, die ersten sieben Jahre bis zu den Novizen trainierte er unter mir. Natürlich versuchte ich, alle gleich zu behandeln. Aber ich verlangte sicher ­etwas mehr von ihm, das ist wohl in den ­Genen. Damals wohnten wir in der Nachbargemeinde Flawil, ins Training und an die Spiele hat ihn entweder meine Frau oder ich gefahren. Sie war Zeitnehmerin, ich Trainer.

Wer etwas von Sport versteht, muss nicht seinen Sohn in den Vordergrund stellen und sagen: ‹Meiner ist der Beste.› Einen Besten gibt es im Eishockey nicht, da muss alles stimmen. Aber Mathias war schon als Kleiner recht dominant, hat als Verteidiger bei den Piccolo pro Saison 70, 80 Tore geschossen. Da wusste man schon: Da könnte etwas heranwachsen. Schon damals kümmerte er sich um die ganze Gruppe. Wenn ich in der Pause die Kabine verliess, hat er das Team oft noch einmal eingeschworen. Das ist wohl einfach seine Art.


Bilder: Die ZSC-Meisterfeier


Spielerisch war er schon sehr weit. Regelmässig fragte der Trainer der nächsthöheren Stufe, ob Mathias am Wochenende nicht auch einen Match bei ihm spielen könnte. Das haben wir oft gemacht, so kam er pro Saison statt auf 40 vielleicht auf 70 Spiele. Er debütierte mit 15 in der 1. Liga, und bald kam auch das Interesse von den Profis. Ich verhandelte ein bisschen mit allen Nationalliga-Clubs ausser Gottéron. Rapperswil-Präsident Bruno Hug und Ambri-Trainer Larry ­Huras kamen sogar zu uns nach Hause, mit den anderen telefonierte ich. Dass es am Ende Rapperswil wurde, war naheliegend. Ma­thias hatte es am nächsten nach Hause, hatte all seine Kollegen in der Region. Und Rappi sorgte auch dafür, dass er seine Lehre fertig machen konnte – das war meiner Frau und mir sehr wichtig.

Nach der Unterschrift in Rapperswil sind Mathias und ich mit dem Auto über den Ricken heimgefahren, er war Lernfahrer und sass am Steuer. ‹Jetzt verdienst du mehr als ich›, sagte ich zu ihm. Es war auch wirklich ein rechter Betrag. Er war damals erst 18. Wir hatten zwar keine Angst, als er zu Hause auszog. Aber man fragte sich schon, ob das funktioniert. Sie hatten dann zu dritt eine WG mit Christian Wohlwend aus St. Moritz und Dominic Meier aus Chur, die auch neu gekommen waren. Es passte wunderbar.

An sein erstes NLA-Spiel erinnere ich mich nicht mehr genau. Hat er sogar ein Eigentor mit dem Schlittschuh gemacht? Ich war auf jeden Fall dabei und nervös, hatte aber auch Freude und war stolz auf das, was er bereits erreicht hatte.»


René Fasel, oberster Eishockeyaner:
«Ein Eishockey-Angefressener»

«Die Sportwelt dreht sich schnell, und doch gibt es Spielerpersönlichkeiten, die bleiben und in die Historie eingehen. Wie Bibi Torriani, Köbi Kölliker, Reto von Arx oder eben Mathias Seger. Dass er zum Schluss nochmals Meister wurde, solche Geschichten schreibt nur der Sport. 16 Weltmeisterschaften, WM-Silber, 6 Schweizer Meistertitel, der Champions-League-Sieg oder die Sternstunde im Victoria-Cup – all das zeigt, welche Ausnahmeerscheinung er als Spieler war. Mir bleibt sein Strahlen in Erinnerung, als ich ihm im Hallen­stadion nach dem Sieg über Chicago den Pokal überreichte. Ich erlebte ihn als so richtig ­Eishockey-Angefressenen. Aber auch als einen, der trotz seines Ehr­geizes immer die Fairness hochhielt, freundlich und anständig war. Natürlich wünsche ich mir, dass er nach seiner Karriere in unserem Sport bleibt. Von ihm können die ­Jungen viel lernen.»


Die legendäre Tramfahrt nach dem Titel 2012. Foto: Leserreporter

Mark Streit, Teamkollege:
«Sehr ähnliche Typen»

«Wir haben ja den gleichen Jahrgang, ­begegneten uns erstmals in der U-16-Auswahl und lernten uns schnell gut kennen und schätzen. Wohl auch, weil wir sehr ähnliche Typen sind. Wir teilen die Leidenschaft fürs Eishockey, wollen immer gewinnen, aber für uns beide steht das Team stets im Vordergrund.

Wir erlebten vieles gemeinsam auf dem Eis, waren im Schweizer Nationalteam Teil einer neuen Generation mit Martin Plüss oder Reto von Arx. Und die fünf Jahre bei den ZSC Lions waren die schönsten meiner Karriere, weil wir es mit den Jungs so gut hatten. Noch heute verreist ein Grüppchen von uns einmal im Jahr in die Ferien. Auch wenn es schwieriger ­geworden ist, ein Datum zu finden, da fast alle eine Familie mit ­Kindern haben.


Video: Seger ist überall

Die Mitspieler tragen Seger-Masken. Video: Tamedia/SRF


Ich hatte schon immer gedacht, dass Mathias lange spielen würde. Aber ­länger als ich? Chapeau! Er fand immer einen Weg, um über all diese Jahre gute Leistungen zu zeigen. Er ist einer dieser Typen, die für eine Mannschaft unentbehrlich sind. Er ist enorm wertvoll für das Gefüge, ist sozial sehr kompetent, bodenständig und sympathisch. Aber auch sehr selbstkritisch. Er ist einer, der vieles reflektiert, sich ständig darum sorgt, dass es dem Team gut geht. Und mit dem man über alles reden kann.

Ich könnte mir gut vorstellen, mit ihm einmal ein Trainerduo zu bilden. Wir haben ähnliche Ideen und einen ­riesigen Respekt voreinander. Wir würden sicher schnell einen gemeinsamen Nenner finden. Dass er als Meister aufhören kann, gönne ich ihm von Herzen. Es ist die perfekte Hollywoodstory. Es ist verblüffend, wie die ZSC Lions im Playoff als Team zusammenkamen. Und ich bin überzeugt, er hat einen ­grossen Teil dazu beigetragen.»


Kent Ruhnke, Coach:
«Er hasste es zu verlieren»

«Als Mathias 1999 zu uns kam, war er nicht ganz so gut, wie er meinte. Noch nicht. Er war ziemlich frech, aber trotzdem einfach zu coachen – der perfekte Mix, um ein grosser Spieler zu werden. Er war Kari Martikainen, seinem Mentor und Freund aus Rapperswil-Jona, ins Hallenstadion gefolgt, und so hatte ich schon einmal ein grundsolides Abwehrduo für unseren Sturm zum Meistertitel. Bereits in jungen Jahren spielte er so smart, als wäre er schon lange dabei. Er hatte einen guten Schuss, aber keinen grossartigen. Er war ein guter Läufer, aber kein herausragender. Er hatte eine gute Übersicht, aber er war kein Petteri Nummelin am Puck.


Video: Rauschende ZSC-Meisterfeier

So feierten Spieler und Fans in der Messe Zürich. Video: Tamedia/Fabian Sanginés


Seine grösste Stärke war sein Wettkampfeifer, sein Ehrgeiz. Er hasste es zu verlieren, und deshalb wurde er für die Lions über all diese Jahre zur treibenden Kraft. Es machte keinen Spass, gegen ihn zu spielen. Er hatte die mentale und ­körperliche Härte und manchmal auch die Boshaftigkeit, die es in diesem Sport braucht. Ein kurzer Blick auf seine ­Statistiken – fast 0,5 Punkte pro Spiel und über 1400 Strafminuten – unterstreicht, dass er alle Aspekte des Spiels beherrschte. Für einen Coach war Ma­thias ein Traum. Weil er auf dem Eis wie in der Garderobe ein Gewinner war.»


Ein Captain auf dem Zürisee: Seger nach dem Titelgewinn 2012. Foto: Doris Fanconi

Ralph Krueger, Nationaltrainer:
«Kein Ja-Sager»

«Ich weiss noch, wie ich ihn erlebte beim Zusammenzug im Dezember 1997 in Kloten, als ich ihn erstmals aufgeboten hatte. Was mir sofort imponierte, war seine Leidenschaft. Deshalb hat er aus seinen Fähigkeiten das Maximum herausgeholt. Wenn ich über ihn spreche, beginnt mein Herz zu klopfen. Als Trainer wünschst du dir, dass sich einer nicht nur oberflächlich mit der Mannschaft identifiziert, sondern sich für sie mit ganzem Herzen aufopfert. Das war bei ihm der Fall. Aber er war kein Ja-­Sager. Er kämpfte immer für seine Mitspieler, fürs Team, forderte mich immer wieder heraus, setzte mich positiv unter Druck. Sein Siegeshunger ist mit Worten schwer zu beschreiben. Er ist ein Phänomen als Spieler wie als Mensch.

Nur einmal nahm ich ihn nicht an die Weltmeisterschaft mit, 2007 in Moskau. Wie er darauf reagierte, dass ich ihn aus dem Kader strich, obschon er über all die Jahre so loyal gewesen war, sagt viel aus über seine Persönlichkeit. Es war ein schwieriger Moment für ihn, aber er nahm es nicht persönlich, sondern kämpferisch. Als Ansporn, im Sommer noch härter an sich zu arbeiten. Das zeigte mir seine Siegermentalität. Ich hätte ihn in jeden Club sofort mitgenommen. Wir haben so viele Erfahrungen zusammen gemacht, gute wie schlechte, er wird immer einen speziellen Platz in meinem Herzen haben. Es ist ein Wahnsinn, dass er am Ende nochmals den Titel geholt hat. Und für mich ein Trost dafür, dass mein Sohn Justin mit dem SCB ausgeschieden ist.»


Simon Schenk, Trainer & Sportchef:
«Er blieb immer authentisch»

«Ich habe Segi in meinem letzten Jahr als Nationaltrainer richtig kennen gelernt. Damals machte er als 19-Jähriger die WM-Vorbereitungscamps in Flims, Zuchwil, Lenzerheide und Leukerbad mit und schied erst ganz spät aus dem Kader aus. Als ich dann als Sportchef der ZSC Lions den Auftrag hatte, eine Spitzenmannschaft zusammenzustellen, war er natürlich ein Kandidat. Damals wurde man noch als verrückt angeschaut, wenn man die Wörter ZSC und Meistertitel im ­gleichen Satz erwähnte.

Wir trafen uns im Januar 1999 auf der Autobahnraststätte Fuchsberg. Ich kam von Zürich her, er von Rapperswil. Zu ­jener Zeit hatten nur wenige Leute ein Handy, und wir glaubten, uns habe ­niemand gesehen. Am nächsten Tag stand es trotzdem in der Zeitung. Das war für uns eine Riesenüberraschung: Wir hatten beide das Gefühl, wir seien unbekannte Grössen, und trafen uns doch nur auf einen Kaffee.


Video: Ekstase in der Messe Zürich

Hoffen, bangen und die grosse Explosion. So erlebten die ZSC-Fans die Finalissima beim Public Viewing. Video: Fabian Sanginés und Marcel Rohner


Es war der Auftakt zu einer wunderbaren und sehr erfolgreichen gemeinsamen Zeit. Dass wir gleich in der ersten Saison mit Segi Meister wurden, war ein Fundament, auf dem wir viel aufbauen konnten. Er hat sich dann in den Jahren in Zürich spielerisch und als Persönlichkeit stark entwickelt, es war irrsinnig, da dabei zu sein. Viel passte zusammen: vom Erstarken der ZSC Lions bis zur Rolle im Team, wo er 2005 von Mark Streit das Captain-Amt übernahm und weiterführte, auch durch schwierige Zeiten. Schliesslich spielten seine Charakterfestigkeit und seine bescheidene Art eine wichtige Rolle: Er war immer Dreh- und Angelpunkt.

Wie ich kommt auch Segi aus dem ländlichen Raum und war nicht von klein auf der hochgejubelte Star, sondern musste sich ein bisschen hocharbeiten. Dabei blieb er immer authentisch, ­immer eigenständig, immer er selbst. Für mich war es stets ein Motto, im Erfolg wie im Misserfolg realistisch zu bleiben. Ich glaube, Segi hat auch so gelebt. Er liess sich nie den Kopf verdrehen.»


Mathias Seger holte 6 Schweizer-Meister-Titel mit den ZSC Lions. Foto: Urs Jaudas

Edgar Salis, Teamkollege & Sportchef:
«Schützengarten statt Calanda»

«Wir wohnten sechs Jahre zusammen, von 2002 bis 2008 in Höngg. Zuerst in einer WG mit anderen Spielern, Patric Della Rossa oder Raeto Raffainer, später mit unseren damaligen Freundinnen und heutigen Frauen. Als ich dann Sportchef wurde, zog er aus, es wäre mit meinem Job nicht mehr vereinbar gewesen. Segi und ich waren in sehr vielen Bereichen gleich. Was das Eishockey betrifft, aber auch im Leben daneben. Wir hatten denselben Musikstil, gingen beide gerne in den Ausgang oder gut essen. Nur beim Bier fanden wir uns nicht: Er trinkt Schützengarten aus St. Gallen, ich natürlich Calanda.

Seine grösste Stärke ist sein innerer Antrieb. Wenn es ums Spiel geht, ist er extrem ehrgeizig. Dieser natürliche ­Antrieb ist Gold wert. Dieses Feuer, dieser Biss. Im Training hatte er diesen nicht immer. Sonst hätte er mindestens so viele NHL-Spiele gemacht wie Mark Streit. Aber sie haben beide eine Mega-Karriere gemacht, der eine in der Schweiz, der andere auch im Ausland. Natürlich muss ich auch Segis mannschaftsinterne Sozialkompetenz erwähnen. Er hatte als Captain einen schwierigen Einstand, aber wie er sich entwickelt hat, ist eindrücklich. Einen besseren Captain findest du nicht. Er ist ein ausgeprägter Familienmensch, und das Team war für ihn immer wie eine Familie. Harmonie war ihm extrem wichtig.»

Den 9. Meistertitel des ZSC beleuchtet der TA neben der aktuellen Berichterstattung und Würdigung mit einer Beilage. Sie finden die ZSC-Meisterzeitung im TA vom Montag, 30 April oder unter meisterzeitung.tagesanzeiger.ch (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.04.2018, 14:40 Uhr

Artikel zum Thema

Hans im Meisterglück

Fast schon vergessen, wurde Hans Kossmann (56) bei den ZSC Lions zum Meistertrainer. Und zeigte eine ganz andere Seite von sich. Mehr...

Das Team hinter dem Team

Sie stellen sich ganz in den Dienst der ZSC Lions – die Arbeitstage können 16 Stunden oder länger dauern. Mehr...

«Vielleicht macht es bei uns klick»

Interview ZSC-Geschäftsführer Peter Zahner hatte vor dem Playoff kaum Hoffnung. Und hat festgestellt, dass seine Mannschaft den Schuh am Hintern spüren muss. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Blogs

Wettermacher Kalt gegen Serbien, heiss gegen Costa Rica

History Reloaded Neuer Feminismus, alte Rollenbilder

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Massenyoga: Gemeinsame Yoga-Lektion in der indischen Stadt Chandigarh im Vorfeld des Welt Yoga Tages. (19.Juni 2018)
(Bild: Ajay Verma ) Mehr...