Der Leader mit den vielen Facetten

Kevin Kleins Verpflichtung wurde kritisch beäugt, der Verteidiger entpuppte sich aber als Schlüsseltransfer.

Rebell, Spassvogel, Führungsfigur, Publikumsliebling: Kevin Klein.

Rebell, Spassvogel, Führungsfigur, Publikumsliebling: Kevin Klein. Bild: Doris Fanconi

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Ein wenig war er Rebell. Und Bösewicht. Aber auch ein Mann mit Humor, oft ­sogar ein Spassvogel. Im Hallenstadion ­natürlich Publikumsliebling. Doch vor allem ein Antreiber, eine Führungsfigur der Lions. Kevin Klein war im ZSC gross.

«Hier kannst du kaum etwas machen, ohne gesperrt zu werden», stellte der Rebell einmal fest. Der Bösewicht war in der Qualifikation mitten im Spielgeschehen einem Genfer hinterhergerannt und hatte, als er ihn zu fassen bekam, wie von Sinnen mit blossen Fäusten auf ihn eingedroschen. «Ich musste mich wehren», erklärte der Mann mit Humor. Der Publikumsliebling war geboren.

Nun tritt Klein zurück. Nicht, weil er sich mit 33 zu alt fühlt. Sondern weil der Kanadier zurück auf seine Farm in Ontario will – anderes als nur Eishockey erleben. Er liebe das Spiel, sagt Klein. «Doch wenn ich nach Hause gehe, denke ich nicht daran. Ich habe Familie, zwei Kinder, ich liebe es, Autos zu reparieren oder als Eisenschmied herumzubasteln. Für all das habe ich nun Zeit.»

Wobei: Einen klitzekleinen Spalt lässt er die Türe offen, vielleicht gehe es doch noch weiter mit Eishockey nach dieser unglaublichen Saison, sagt Klein. Noch habe er das definitive Nein nicht gehört, sagt auch ZSC-Sportchef Sven Leuenberger.

Die Mühen zu Beginn

Tritt Klein nun aber ab, dann als Champion. Wie Mathias Seger. «Segi und ich, wir hatten schon darüber gesprochen, wie das wäre, auf dem Höhepunkt zu gehen», sagt Klein. Jetzt, da es soweit ist, reut es in Zürich viele. Fans haben eine Petition gestartet, um ihn umzustimmen.

Doch als Klein kam, war auch die Skepsis gross gewesen. Und er hinterliess zunächst einen zwiespältigen Eindruck. Seine Stärken sah man gleich, physische Härte, defensive Konsequenz. Aber eben auch die Unbeholfenheit vor dem eigenen Tor. Doch es waren bloss die Mühen, die jeder nordamerikanische Abwehrspieler hat, wenn er nach Europa kommt. Das grössere Eisfeld beeinflusst keine andere Position so stark.

«Ich erwartete Probleme. Und ja, die hatte ich», sagt Klein. «Einen Monat lang, danach fühlte ich mich wohl, fast besser als auf dem kleinen Feld.» Müsste er spontan wieder in Nord­amerika spielen, «ich würde ungebremst in die Bande fahren». Da ist er wieder, der Spassvogel.

Der Titel mit dem ZSC ist Kleins erster als Profi. In der NHL erreichte er mit den New York Rangers den Final, näher kam er dem Pokal nicht. Seine Rolle auf dem Eis war anders. Man könnte boshaft sagen, dass es nicht fürs Schweizer Eishockey spricht, wenn ein Verteidiger, der in der NHL selten über die Nummer-4-Position kam, hier so dominant auftreten kann, dass ­berechtigte Forderungen aufkamen, ihn zum Playoff-MVP zu küren.

Doch das ist nicht die ganze Wahrheit. Den Weg zum Profi machte Klein vor allem in Nashville und in einer Abwehr, die seit Jahren als vielleicht beste der Welt gilt. Spieler wie Shea Weber, Ryan Suter, Roman Josi oder Ryan Ellis waren Weggefährten. In Nashville lernte er, früh Leader zu sein: «Weber, Suter, ich, wir ­waren Anfang zwanzig, dennoch wurde verlangt, dass wir das Team tragen.»

Viel Neues in Zürich

Es gebe diverse Arten, Führungsrollen zu interpretieren, sagt Klein. Er sei einer gewesen, «der Spass liebt, ein lockeres Mundwerk hat, herumblödelt, um die Jungs aufzulockern». Er habe auch gelernt, wen er besser in Ruhe lasse: «Torhüter, die den Fokus brauchen, wie bei uns Lukas Flüeler.» Das sei in Nashville und New York mit den Stargoalies Pekka Rinne und Henrik Lundqvist nicht anders gewesen.

Als Klein letzten Sommer in Zürich ankam, war die Führungsrolle für ihn ­reserviert, das «A» des Assistenzcaptains bereits auf seinem Jersey. Das ist für einen neuen Ausländer eher selten in der Schweiz. «Ich fühlte mich geehrt», sagt Klein.

Dies änderte aber nichts daran, dass ihn die in der Schweiz wie kaum in anderen Eishockeyligen ausgeprägte Unterscheidung zwischen Einheimischen und Ausländern zunächst irritierte: «Bei uns gibts einfach Spieler, nicht Nordamerikaner und Importe.»

Und so geht Klein nun mit ganz neuen Erfahrungen nach Hause. Dank des einzigen Jahres, das er in der Karriere fernab der Heimat verbrachte. Er erlebte die Schweizer Eishockeyfans, die so anders sind als die in Nordamerika.

«Kurz vor dem Playoff kamen plötzlich mehrere in die Trainingshalle, drei hielten sogar eine Rede auf dem Eis», erzählt Klein begeistert eine seiner Lieblingsanekdoten. «Ich verstand zwar kein Wort, doch auch diese Episode zeigte: Wir erlebten ein wirklich spezielles Jahr. Diese Chance mussten wir einfach nutzen.»

Den 9. Meistertitel des ZSC beleuchtet der TA neben der aktuellen Berichterstattung und Würdigung mit einer Beilage. Sie finden die ZSC-Meisterzeitung im TA vom Montag, 30 April oder unter meisterzeitung.tagesanzeiger.ch

Erstellt: 27.04.2018, 22:35 Uhr

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