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Die Kunst, einen Vogel zu halten

Zugern und Luganesi ist die Kontrolle entglitten, weil sie übermütig wurden. Wir erleben in diesen Playoff-Halbfinals wieder einmal, wie viel sich im Kopf abspielt.

Checker mit Tempo und Timing: Tristan Scherwey ist einer der gefährlichsten Spieler auf Schweizer Eis. Foto: Marc Schumacher (Freshfocus)
Checker mit Tempo und Timing: Tristan Scherwey ist einer der gefährlichsten Spieler auf Schweizer Eis. Foto: Marc Schumacher (Freshfocus)

Mir kam beim Verfolgen der Halbfinals unweigerlich ein Zitat von Scotty Bowman in den Sinn. «Ein Team zu coachen, ist, wie einen Vogel in den Händen zu halten», sagte der erfolgreichste NHL-Coach. «Wenn du zu stark drückst, verkümmert er und stirbt. Wenn du zu wenig drückst, fliegt er davon. Und wenn du denkst, du hättest die richtige Mischung gefunden, kackt er in deine Hand.» Mir fielen diese Worte ein, als ich darüber nachdachte, was die beiden Verlierercoaches vom Samstag, Zugs Harold Kreis und Luganos Greg Ireland, nun tun müssten.

Doch zuerst zum HC Davos. Der Mann mit dem gelben Helm war in Zug überall. Er stand am Anfang auf dem Eis, bei jedem Penaltykilling, war der Dreh- und Angelpunkt im Powerplay, spielte alle entscheidenden Bullys und am Schluss Doppel­einsätze. Derweil sich sein Team anschickte, sich im zweiten Drittel selbst zu zerstören, dachte ich: Je mehr Andres Ambühl spielt, desto näher rückt sein HCD der Elimination. Aber offenbar hatte Arno Del Curto kein anderes Rezept mehr gegen die zähen Zuger, als seinen Captain immer und immer wieder in den Kampf zu schicken.

Gegen Ende des zweiten Abschnitts hatte der EVZ die Davoser in die Ecke getrieben. Und es war nicht so, dass sie sich wanden wie verrückt, um noch zu entkommen. Sie gingen in Deckung in Erwartung des K.-o.-Schlags. Zug hatte die Bündner fast acht Drittel lang mit Checks eingedeckt und zu Boden gerungen – das, was diese eigentlich mit ihren Gegnern zu tun pflegen. Die Davoser spielen nicht gerne gegen Teams, die spielen wie sie selbst. Der EVZ checkte hart und, was entscheidend ist, er schlug meist zuerst zu und provozierte so bei den Bündnern viele unnötige Strafen.

Nach der 3:1-Führung für die Zuger und einer weiteren HCD-Strafe zoomten die Kameras auf Arno Del Curto, der in seinem Jackett und seiner Brille aussah wie Harry Potter. Und auf Dino Wieser neben ihm, der irr grinste – man sah seine weissen Zähne und seine Geringschätzung der Referees, die ihre Pfeifen einfach nicht weglegen konnten. Mit dem Jackett hatte Del Curto sich und seinem Team offenbar einen neuen Look verpassen wollen, vielleicht, um das Schicksal zu beeinflussen. Aber es funktionierte nicht. Sein Team wirkte, als sei es angeschlossen an eine Herz-Lungen-Maschine – und die Zuger bereit, den Stecker zu ziehen.

Kleine Mentalitätsveränderung

Doch wie so oft im Sport, wenn alles verloren scheint, kann eine Mannschaft unerwartet wieder auferstehen und sich den Sieg doch noch schnappen. Dazu genügte hier eine kleine Veränderung in der Mentalität der Zuger. Als sie gegen Ende des zweiten Abschnitts wieder einmal Powerplay spielen durften und die Serie mit einem weiteren Tor hätten entscheiden können, leisteten sie sich eine Konzentrationslücke – und der HCD war dank des Shorthanders von Lindgren (zum 2:3) wieder zurück.

Jetzt waren die Zuger plötzlich jene, die zögerlich wirkten. Und Coach Harold Kreis reagierte auf der Bank wutentbrannt. Als Lippenleser englischer Ausdrücke verzichte ich darauf, hier wiederzugeben, was er sagte. Seine legendäre Coolness war plötzlich wie weggewischt. Jetzt waren es die Zuger, die sich selber zerstörten. Davos leckte Blut, der goldene Helm war überall, die Zuger hörten auf, zu laufen und zu checken. Jetzt spielten sie, um nicht zu verlieren, und nicht mehr, um zu gewinnen – das ist ein riesiger ­Unterschied. Schon bald war das Spiel vorbei, und jetzt kann die Serie erst richtig beginnen.

Doch nun zum anderen Duell. Ich sagte schon oft, dass der Berner ­Tristan Scherwey der gefährlichste Spieler auf Schweizer Eis ist. Er hat als Checker ein eindrückliches Tempo und ein perfektes Timing – er nähert sich seinen Opfern so schnell, dass sie meist nicht bereit sind, wenn er zuschlägt. Wie Stefan Ulmer am Samstag. ­Scherweys Check war perfekt und erwischte Ulmer so unvorbereitet und ungünstig, dass sich dieser verletzte. Wir wissen alle, dass Scherwey checkt, um dem Gegner wehzutun. Aber sollte er dafür bestraft werden, auch wenn seine Aktion nicht regelwidrig war?

Die verlogene Entschuldigung

Solche Szenen wie diese in Bern sind für mich das einzige Argument, wieso Faustkämpfe im Eishockey Platz haben sollten. In der NHL wäre Scherwey innert Sekunden von Gegnern attackiert worden. Wenn Sie gesehen haben, wie die Winnipeg Jets reagierten, nachdem ihr junger Superstar Patrik Laine gegen Buffalo durch einen sauberen Check auf offenem Eis von den Beinen geholt wurde, wissen Sie, was ich meine. Innert zwei Sekunden gingen Laines vier Teamkollegen auf den Übeltäter los. Wäre es nicht besser, wenn Scherwey hätte weiterspielen können und die Konsequenzen für seine Tat hätte tragen müssen?

Dass er sich beim Hinauslaufen bei Ulmer entschuldigte, war unehrlich. Man muss sich für einen harten Check nicht entschuldigen. Aber man sollte hinstehen, falls sich jemand bei einem revanchieren möchte. Lugano beging einen grossen Fehler, indem es nicht sofort für Ulmer einstand. Die Tessiner haben die kollektive Härte verloren, die sie gegen den ZSC und im ersten Halb­finalspiel ausgezeichnet hatte. Sie versuchten stattdessen, mit Bern mitzuspielen – ein fataler Fehler. ­Zudem begann Elvis Merzlikins die Lob­hudeleien zu glauben, die in den Zeitungen über ihn verbreitet wurden. Und prompt war seine Aura weg, tat sich in seiner ­Rüstung ein Spalt auf.

Ein stockkonservativer SCB

Die Berner erinnern mich an den EHC Kloten der Meisterjahre 1993 und 94 unter Conny Evensson. Wenn sie nicht forechecken, warten alle fünf Spieler in der Mittelzone und zwingen die Luganesi dazu, den Puck ins ­Angriffsdrittel zu schiessen. Und wenn der SCB den Puck gewonnen hat, kontert er blitzschnell. Es ist ein ­Eis­hockey alter Schule, sehr konservativ, aber es funktioniert.

Die Tessiner sollten nun mit einer altbekannten Taktik antworten: Wenn sie sich der Berner Mauer gegenüber­sehen, sollten sie nochmals umdrehen, die stillstehenden SCB-Cracks warten lassen und es dann mit einer zweiten Welle probieren. So würden sie die Berner, die Lugano nun genau dort haben, wo sie wollen, wieder zum Denken bringen. Gerade jetzt, wo sich so viel im Kopf abspielt, könnte das die Dynamik verändern.

Doch Ireland und Kreis werden sich fragen: Wie sehr greifen sie ein, wie sehr drücken sie den Vogel in ihren Händen?

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