Erinnerungen an einen legendären Final

Es war bedrohlich, komplett neu, verrückt und versöhnlich, als die ZSC Lions gegen Lugano erstmals ein Endspiel absolvierten.

1. April 2000 im Hallenstadion: Adrien Plavsic hat zum 4:3 getroffen, die ZSC Lions sind Meister, es gibt kein Halten mehr. Auch nicht für Kent Ruhnke (links). Foto: Dieter Seeger

1. April 2000 im Hallenstadion: Adrien Plavsic hat zum 4:3 getroffen, die ZSC Lions sind Meister, es gibt kein Halten mehr. Auch nicht für Kent Ruhnke (links). Foto: Dieter Seeger

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Es war ein heisser Frühling 2000, als wir mit den ZSC Lions den Final gegen Lugano spielten. Auf dem Parkplatz vor dem Hallenstadion wurden Tränengas und Wasserwerfer eingesetzt, um die Chaoten zu verjagen. Polizeieskorten begleiteten uns vor und nach den Spielen in der Resega, damit die Hooligans unseren Teambus nicht attackieren konnten. Einmal teilte ich beim Verlassen des Stadions einen Schirm mit Kari Martikainen, weil Fans Bier über unsere Köpfe schütteten.

Eishockey ist schon hart genug ohne den Stress einer konstanten Bedrohung durch die Zuschauer. Auf den Busfahrten nach Lugano war unsere Stimmung gedämpft. Die grösste Herausforderung war es, die Dämonen in unseren Köpfen zu vertreiben und unseren Fokus aufs Spiel zu richten. Das nun bevorstehende Duell zwischen Lugano und den ZSC Lions wird mit der gleichen Intensität und Grimmigkeit geführt werden – auf dem Eis. Aber daneben spüre ich nicht die gleiche Giftigkeit. Zum Glück.

Der vorgetäuschte Orgasmus

Vor 18 Jahren bestritten die Lions ihren ersten Final. Unsere Lernkurve führte steil nach oben. Nachdem wir das erste Spiel 2:5 verloren hatten, warf ich den Spielern vor, sie hätten gespielt, wie wenn sie einen Orgasmus vorgetäuscht hätten. Sie waren physisch dabei gewesen, aber nicht richtig bei der Sache. Spiel 2 war schon besser, wir gewannen 3:2, nun wussten wir, dass wir mithalten konnten.

Spiel 3 war ein Wunder. Jaks und Zeiter waren erkrankt, Ouimet konnte vor Rückenschmerzen kaum gehen. Wir überlegten uns, ob wir genug kranke Spieler zusammenkratzen könnten, um das Spiel zu verschieben. Doch ich konnte mich nicht mit der Idee anfreunden, eine Krankheit vorzutäuschen. So fuhren wir mit einem Team nach Lugano, das in dieser Zusammensetzung in einer ganzen Saison wohl gegen den Abstieg gekämpft hatte. Micheli schoss eines der schönsten Tore, das ich je gesehen habe. Er dribbelte übers ganze Eisfeld und bezwang Huet backhand über der Schulter – es war unser Siegestor.

Es war schwierig, Micheli zu stoppen, weil nicht nur der Gegner nicht wusste, was er als Nächstes tun würde, sondern auch er selbst nicht – bis er es getan hatte. Unberechenbar und genial, das sind die Worte, die unseren Captain am besten beschreiben.

«Diese Jungs schaffen es!», sagte ich immer wieder zu mir, um mich zu überzeugen.

Nachdem wir Spiel 4 zu Hause gewonnen hatten, hatten wir in der Resega den ersten Meisterpuck. Wir waren wieder vollzählig und spielten grossartig, doch das Spiel ging in die Overtime. Sportchef Simon Schenk kam vor der Verlängerung in die Trainerkabine. Er schien etwas auf dem Herzen zu haben. Alle unsere Emotionen lagen blank. «Kent», sagte er. «Wenn wir gewinnen, dank dir. Du hast dieses Team aufgebaut und verdienst die Anerkennung dafür.»

Ich war verblüfft. Er war nicht immer mein grösster Fan gewesen, aber offenbar wollte er es wieder gutmachen, dass er mich in den kritischsten Zeiten nicht unterstützt hatte. Die Worte gingen ihm sicher nicht leicht von den Lippen. Aber es war ein bisschen früh für seine Entschuldigung. Lugano traf schon bald, und wir schlängelten uns deprimiert durch die Masse bedrohlicher Fans, um den Heimweg anzutreten. Unsere Achterbahnfahrt war noch längst nicht vorbei.

«Wenn du ein Champion sein willst, musst du es zuerst von dir erwarten.»Zitat von Michael Jordan

Zurück in Zürich musste ich mir immer wieder vor Augen führen, welch grossartige Spieler wir hatten – Jaks, Martikainen, Plavsic, Zeiter, Micheli, unsere Inspirationsfigur Zehnder. Wir hatten die beste dritte Linie mit Weber zwischen Della Rossa und Schrepfer. «Diese Jungs schaffen es!», sagte ich immer wieder zu mir, um mich zu überzeugen. Mein Job war, ruhig und sachlich zu sein, aufzutreten, als sei es ein Spiel wie jedes andere.

Vor Spiel 6 schrieb ich ein Zitat von Michael Jordan auf die Taktiktafel: «Wenn du ein Champion sein willst, musst du es zuerst von dir erwarten.» 39 Jahre war es her, dass es der ZSC geschafft hatte. Kurz vor Schluss liessen Schrepfer und Della Rossa den dribbelnden Fuchs in der neutralen Zone in die Falle tappen, und los ging es: Plavsic preschte nach vorne und gab den Schuss ab, nach dem uns noch zehn Sekunden davon trennten, Geschichte zu schreiben. In der heutigen Ära des Videobeweises hätte sein Tor nicht gezählt. Denn Weber hatte Huet den Stock aus den Händen geschlagen.

Am 1. April kein Witz mehr

Das Hallenstadion spielte verrückt, alle sprangen auf und ab. Am 1. April 2000 waren die ZSC Lions kein Witz mehr. Als es vorbei war, gab es kein Halten mehr. Die Spieler sprangen über die Bande, Handschuhe, Stöcke und Helme flogen durch die Luft, alle stürmten auf Sulander zu. Auch die leidgeprüften Fans enterten das Eis.

Nicht aber Dan Hodgson. Er lief schnurstracks auf mich zu und umarmte mich. Er brauchte nichts zu sagen. Wir beide erinnerten uns an unser Gespräch vor dem Playoff, als er zu mir gesagt hatte, ich könnte diesen Club nur als Sieger verlassen, wenn ich Meister würde. Jetzt war es geschafft.

Wenn ich sehe, wie sich die ZSC-Spieler im jetzigen Playoff um Hans Kossmann geschart haben, erinnert mich das an damals. Er ist schon jetzt in vieler Hinsicht ein Gewinner – aber dafür ist er nicht gekommen. Er will, er muss gewinnen. Wenn in zwei Wochen im Hallenstadion vielleicht wieder der Teufel los ist, wird vielleicht auch einer der Spieler an ihn denken und zuerst auf ihn zugehen und ihn umarmen. Ich würde es ihm gönnen.

Erstellt: 09.04.2018, 23:14 Uhr

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