Hans im Meisterglück

Fast schon vergessen, wurde Hans Kossmann (56) bei den ZSC Lions zum Meistertrainer. Und zeigte eine ganz andere Seite von sich.

Hans Kossmann – einer, der sich nicht scheut, schwierige Aufgaben anzupacken. Foto: Doris Fanconi

Hans Kossmann – einer, der sich nicht scheut, schwierige Aufgaben anzupacken. Foto: Doris Fanconi

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Es war ein ver­frühtes Weihnachts­geschenk für Hans Kossmann, als Mitte Dezember auf seinem Handy-Display eine Schweizer Nummer aufleuchtete. Der alte Bekannte Sven Leuenberger war am ­anderen Ende der Leitung und hatte ein dringliches Anliegen: Er wollte wissen, ob sich Kossmann vorstellen könne, die kriselnden ZSC Lions zu übernehmen. Bis Ende Saison. Ja, das könne er, sagte der 56-Jährige, ohne zu zögern. Damit war die Zusammenarbeit besiegelt. Die finanziellen ­Details regelte Leuenberger mit Kossmanns Agenten.

Der Kanadaschweizer weilte mit seiner Frau im Vorruhestand in Victoria auf Vancouver Island, einem wunderschönen Flecken. Sie hatten ein altes Haus gekauft, mit einer halben Hektare Land, nur fünf Minuten entfernt von der An­legestation der Fähre, und sich daran­gemacht, es zu renovieren. «Meine Frau ist Innenarchitektin, sie hat die guten Ideen, und ich bin der Handwerker, der sie umsetzt», erzählt Kossmann. «Ich kann ein bisschen mit Holz umgehen und kenne mich aus mit Elektro- und ­Sanitärarbeiten.»

Eine komplizierte Renovation

Genau einen solchen Mann brauchten die Zürcher: einen Allrounder, der sich nicht scheut, schwierige Aufgaben anzupacken. Die Renovation eines alten ­Hauses sei stets komplizierter, als es auf den ersten Blick aussehe, sagte Kossmann. «Man reisst den alten Balkon ab und merkt dann, dass das Holz ­dahinter auch morsch ist. Je tiefer man geht, desto mehr Baustellen tauchen auf.» Was er damit sagen wollte: Er ahnte, dass auch die Renovation der ZSC Lions kompliziert würde.

Doch zuerst einmal freute er sich, wieder im Geschäft zu sein. Er gab zu, nicht mehr damit gerechnet zu ­haben. «Was für eine schöne Infrastruktur hier in Zürich», schwärmte er nach seinen ersten Arbeitstagen. «In Genf war es viel spartanischer.» Auch die Besetzung des Teams stimmte ihn optimistisch. Und die Zusammenarbeit liess sich gut an, mit einem 6:1-Kantersieg über Lugano bei der Premiere am 2. Januar im Hallenstadion.

Kossmann merkte zwar bald, dass ­einiges morsch war im Gebälk der ZSC Lions. Doch wer wie er erfahren ist im Umbau von Häusern – er hatte in Kanada schon zwei renoviert und wieder verkauft –, lässt sich so schnell nicht ent­mutigen. So suchte er nach Bausteinen, mit denen er etwas aufbauen konnte. Er überlegte sich, wie er welchen Spieler einsetzen sollte, um das Beste aus ihm herauszuholen, machte sich ein genaues Bild von den Stärken und Schwächen eines jeden Einzelnen.

So verfolgte er einen ganz anderen ­Ansatz als seine schwedischen Vorgänger Hans Wallson und Lars Johansson, die die Mannschaft stets als Ganzes betrachtet und sich nicht im Detail damit befasst hatten, wer genau was beizusteuern hatte. Kossmann hingegen zerbrach sich ­stundenlang den Kopf, wer in welcher Rolle aufblühen könnte.

Ende Januar sagte er nach einem nicht gerade ermutigenden 1:3 in Zug: «Ich glaube, ich kriege Kenins hin.» Er habe nun begriffen, was der Lette brauche und wie er ihn anpacken müsse. Es fragte sich nur, ob die Zeit reichen würde, um für jeden den richtigen Platz zu finden. Denn bis zum Playoff-Start waren es nur noch sechs Wochen, und dazwischen lag noch die Olympiapause, während der zahlreiche Schlüsselspieler fehlten.

Die Zahlen logen

Nach Pyeongchang waren die guten Ansätze von vorher denn auch wie weg­gewischt. Und jene, die gern mit ­Zahlen argumentieren, schlugen Kossmann nach Abschluss der Qualifikation um die Ohren, dass der Punkteschnitt der ZSC Lions unter ihm sogar noch gesunken war – von 1,54 pro Spiel auf 1,4.

Man hätte es ihm von Herzen gegönnt, hätte er Erfolg gehabt mit den Zürchern. Weil er so bodenständig ist, gänzlich frei von Allüren. Doch es sollte offenbar nicht sein. Das Bild, das von ihm gezeichnet worden war aufgrund einer Videosequenz vor fünf Jahren, wurde ihm jedenfalls nicht gerecht. Da benützte er als Freiburger Trainer in

der ersten Pause des fünften Finalspiels gegen Bern den bekanntesten englischen Kraftausdruck ein bisschen zu oft. Und schon war er abgestempelt als «harter Hund». Doch das ist er nicht. Er mag ein Coach alter Schule sein, aber keiner, der sein Team ständig zusammenfaltet.

Er hatte nichts zu verlieren

In Zürich tat er genau das Gegenteil. Er machte seine Spieler stark, schenkte ­ihnen Vertrauen. Und im Playoff fügten sich die Bausteine plötzlich ineinander. Es half, dass Kossmann nichts mehr zu verlieren hatte. Er musste sich nicht krampfhaft an seinen Job klammern, er wusste, dass er ihn ohnehin los sein würde nach dem Playoff. Seine Gelassenheit zeigte sich in seinem Coaching. Anders als Zugs Harold Kreis im Viertel- oder Berns Kari Jalonen im Halbfinal setzte er konsequent auf vier Linien – und wurde dafür belohnt.

Weil Kossmann für jeden eine Aufgabe fand, jedem das Gefühl gab, einen Beitrag zu leisten, traten die ZSC Lions im Playoff auf wie eine richtige Mannschaft. Es war bezeichnend, dass immer wieder neue Spieler zu Matchwinnern wurden. Und Kossmann wurde nie müde, an seiner Aufstellung zu tüfteln.

«Diese vier Monate werden in Windeseile vorüber sein», seufzte er, als er Ende Dezember bei den ZSC Lions antrat. Dann krempelte er die Ärmel hoch. Im Sommer kann er sich nun seinem Haus auf Vancouver Island widmen. Er sollte sich beeilen. Denn es wäre nach seiner Zürcher Mission keine Über­raschung, würde er im Schweizer Eis­hockey schon bald anderswo gebraucht.Er verfolgte einen ganz anderen Ansatz als seine Vorgänger, zerbrach sich den Kopf, wer in welcher Rolle aufblühen könnte.

Den 9. Meistertitel des ZSC beleuchtet der TA neben der aktuellen Berichterstattung und Würdigung mit einer Beilage. Sie finden die ZSC-Meisterzeitung im TA vom Montag, 30 April oder unter meisterzeitung.tagesanzeiger.ch

Erstellt: 27.04.2018, 22:35 Uhr

Der Senior, der Spieler und das Adlerauge

Eine Sache war klar: Als Hans Kossmann neuer Trainer der ZSC Lions wurde, sollte der Assistent des neuen Mannes sein alter Freund sein. Leo Schumacher war der Wunschkandidat von ihm. Schumacher und der Kanadier kennen sich seit über 30 Jahren. «Hans stellte sich 1986 als Spieler in Zug vor, aber damals reichte es ihm nicht. Er unterschrieb dann bei Küssnacht am Rigi in der 1. Liga», blickt Schumacher zurück. Sie hätten die ganze Zeit über Kontakt gehabt. Kossmann wusste, was er am 65-jährigen Schumacher hat. Der Assistent erfüllte die klassische Rolle, er kümmerte sich in den Spielen um die Verteidiger. «Hans liess mir freie Hand, ich konnte die Spieler einsetzen, die ich wollte.» Wenn ihm aber ein Fehlgriff unterlaufen sei, habe er das deutlich vom Chef zu ­hören bekommen. Schumacher hat in seiner langen Karriere schon vieles erlebt. Als ­Assistenztrainer stieg er 1986/87 mit dem EV Zug in die Nationalliga A auf. Als Headcoach führte er den EHC Chur 1991 aus der NLB in die höchste Klasse.

Beinahe 20 Jahre arbeitete Schumacher für den EV Zug, ehe er auf diese Saison hin zu den GCK Lions wechselte. Dass dieser Transfer der erste Schritt auf dem Weg zu seinem ersten Meistertitel in der National League war, hatte im letzten Sommer niemand gedacht. «Dieser Titel ist für mich das Grösste», freut sich Schumacher. Doch auf dem Höhepunkt und im Pensionsalter von 65 aufhören, das sei kein Thema. «Ich habe noch zwei Vertragsjahre mit GCK vor mir.» Was ihn extrem freut. «Denn wenn ich mir überlege, was ich in der Zeit nach der Pensionierung machen soll, kriege ich Albträume.»

Schumacher steht seit Ende Dezember an der Bande, Michael Liniger kam erst Ende Februar dazu. Zuerst hatte er bei GCK die Lücke zu füllen, die Schumacher hinterliess. Er war dort über Nacht vom Spieler und Assistenten zum Cheftrainer aufgestiegen. Doch als die GCK Lions ihre Saison beendet hatten, wurde auch Liniger zum Thema beim ZSC. «Lini» war bei den Partien der Mann mit dem «Knopf im Ohr». Der 38-Jährige stand in Verbindung mit dem Videocoach auf der Tribüne. Dazu analysierte er das gegnerische Spiel in der neutralen Zone, schaute, in welcher Reihenfolge der Gegner wechselte.

2014 noch gegen den ZSC

Dreimal spielte Liniger in einer Finalserie, mit Kloten 2009 und 2011 gegen Davos, 2014 gegen die ZSC Lions. Sein Einstand an der ZSC-Bande fiel nicht gerade vielversprechend aus: Bei der Premiere mit dem Emmentaler verloren die Zürcher Ende Februar in Lugano 1:3, es folgten zwei 1:4-Niederlagen gegen Biel. Spiel 1 der Viertelfinalserie in Zug ging ebenfalls 1:4 verloren. Das ist weit weg, nach Gold im ersten Playoff-­Final an der Bande. Auch Liniger wird nächste Saison wieder bei den GCK Lions arbeiten, als Assistent Schumachers.

Stephan Siegfried dagegen verfügt über Erfahrung bei Siegesfeiern. Seit 2013 ist der 35-Jährige bei den ZSC Lions als Goalietrainer und Videocoach angestellt. Er war beim Meistertitel 2014 und dem Cupsieg 2016 dabei. In Sachen Video ist er ein «unglaublicher Fachmann», schwärmt Schumacher. Und es war Siegfried, der in Spiel 1 der Halbfinalserie gegen Bern in der Postfinance-Arena bemerkte, dass einem SCB-Goal ein mögliches Offside ­vorausgegangen war. Er funkte sofort nach unten zu Liniger, die Lions nahmen ihre Challenge – und bekamen recht.

Das Adlerauge Siegfried hält seit Jahren bereits für jede Drittelspause alle wichtigen Spielszenen auf seinem Gerät bereit. Im Playoff 2018 konnte er, wenn er nach Spielschluss in die Garderobe kam, alles zeigen, was Kossmann sehen wollte. Und dass Goalie Lukas Flüeler ein überragendes Playoff spielte, war ein weiteres ­grosses Verdienst von Siegfried. Roland Jauch, Zürich

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