«Jetzt habe ich auch wieder Appetit auf acht Monate Ruhe»

Trainer Hans Kossmann erzählt, wie er die ZSC Lions zum Titel dirigierte. Und wieso ihn der Abschied nicht so sehr schmerzt.

ZSC-Coach Hans Kossmann hält nach dem Sieg in Lugano eine Rede in der Kabine. Video: Simon Graf/Tamedia

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Er sei ab elf Uhr morgens im Büro, wir könnten um zwölf zum Interview ­vorbeikommen, sagt Hans Kossmann am Freitag spät in der Resega im Überschwang des Triumphs. Um halb zwölf Uhr kommt am Samstag dann das SMS, er schaffe es erst auf 13 Uhr. Trotz des ­Adrenalins braucht also auch der Meistercoach ein paar Stunden Schlaf. Als er auftaucht, macht Kossmann aber schon einen frischen Eindruck. Er strahlt übers ganze Gesicht.

Wie lang war Ihre Meisternacht?
Ich fuhr um halb sechs nach Hause. Mit dem Taxi. Es war schon ziemlich hell. (lacht) Aber es wurde auch fast halb fünf, bis wir überhaupt aus Lugano zurück­gekehrt waren.

Wie war die Rückfahrt im Bus?
Die Stimmung war ausgezeichnet. ­Mathias Seger sagte mir, es sei fast schöner, auswärts Meister zu werden. Weil dann die Mannschaft Zeit habe, um zusammen zu feiern. Aber ich habe es lieber zu Hause. Dann kann man schon früher mit dem Feiern beginnen.

Sind Sie ein Partylöwe? Ich? (lacht) Das Bier im Bus war eine ­halbe Stunde vor Zürich alle. Im Nachhinein war das vielleicht besser …

Sie übernahmen die ZSC Lions Ende Dezember und wussten, dass Sie Ende Saison so oder so wieder gehen müssen. Welches Gefühl dominiert jetzt?
Es war eine intensive Zeit, aber jetzt ist ­alles so schön. Wenn wir den Final trotz 3:1-Führung noch verloren hätten, wäre das sehr hart gewesen. Nach sechs Spielen dachte ich: Lugano kann doch nicht gewinnen mit einem guten Block gegen vier gute Blöcke von uns. Aber es wäre fast so gekommen. Im letzten Match sah man aber: Unsere Breite hat den Unterschied ausgemacht. Wir waren viel frischer, schneller.

Es war eine intensive Zeit, aber jetzt ist ­alles so schön. Wenn wir den Final trotz 3:1-Führung noch verloren hätten, wäre das sehr hart gewesen.Hans Kossmann

Speziell war diese «Pause» mitten im Final nach Spiel 4, mit nur einem Spiel in sechs Tagen. Befürchteten Sie, dass dies zu Luganos Vorteil werden könnte?
Zunächst schon. Vor allem nach dem vierten Spiel, das wir in der Verlängerung gewannen. Da dachte ich, dass wir dank unseren vier Linien mehr Kraft haben müssten und es deshalb besser wäre, würde die Serie gleich normal weitergehen. Aber ich merkte auch, dass mehrere unserer Schlüsselspieler wie Klein ebenfalls müde waren und die Pause darum auch uns gut tat.

Ihr Team hatte mehr Mühe gegen Lugano als gegen die höher platzierten Zug und Bern. Wieso?
Lugano war anders, es brachte etwas mit, das schwierig zu kontern war. Die Spiele gegen Bern verliefen regelmässiger, der SCB spielt sehr systematisch. Gegen die Zuger konzentrierten wir uns auf ihre ersten zwei Linien. Die konnten wir mehr oder weniger ausschalten. Die Lugano-Spiele waren komisch. Die starke erste Linie, Merzlikins und Hofmann, die heiss waren, die anderen Linien, die mithalfen. Wir hatten plötzlich Mühe, Tore zu schiessen.

Einige ZSC-Spieler sagten sogar, der Final sei ihre schlechteste Serie ­gewesen. Sehen Sie das auch so?
Nein, einfach anders. In den ersten zwei Serien wurden wir als Underdogs betrachtet, niemand erwartete, dass wir weiterkommen würden. Plötzlich standen wir im Final, und alle dachten, dass wir nun locker gewinnen würden. Das war ein Wechsel im mentalen Bereich. Als Underdogs waren unsere Stärken die Entschlossenheit und die harte Arbeit. Und dass wir uns nicht frustrieren liessen. Gegen Lugano begannen wir zu zweifeln, als es nicht mehr für uns lief. Wir wurden frustriert.

In den ersten zwei Serien wurden wir als Underdogs betrachtet, niemand erwartete, dass wir weiterkommen würden. Plötzlich standen wir im Final, und alle dachten, dass wir nun locker gewinnen würden.Hans Kossmann

Wie schafften Sie nach zwei Nieder­lagen vom 3:1 zum 3:3 trotzdem noch den Turnaround im siebten Spiel?
Wir sprachen viel vor jenem Spiel. Ich ­erzählte von meinen Erfahrungen mit ­solchen Situationen, auch Sven (Leuenberger, der Sportchef) half sehr. Er hatte ja Lugano schon viermal besiegt, zweimal als Spieler, zweimal als Funktionär – und das entscheidende Spiel immer auswärts in Lugano gewonnen. Davon erzählte er.

Und was erzählten Sie?
Von meinem Aufstieg als Spieler mit ­Rapperswil-Jona gegen Lausanne 1994. Vor Spiel 4 brauchte Lausanne nur noch einen Heimsieg. Als wir dort ankamen, sahen wir, dass alles schon für die Aufstiegsparty bereit war. Das war auch für die Lausanner Spieler ein spezielles ­Gefühl: Du kommst in die Eishalle, siehst die Festzelte, musst noch Tickets für die Familie ­organisieren und und und. Jeder erwartet von dir, dass du zu Hause gewinnst und ein Riesenfest feiern kannst. Das ist eine schwierige Situation. Wir gewannen jenes Spiel und danach auch zu Hause und ­stiegen auf. Übrigens handelte ich mir im zweitletzten Match auch eine Sperre ein. Wie diesmal bei uns Pettersson. (lacht)

Was löste Petterssons Sperre im Team aus?
Er war ein wichtiger Mann für uns in den ersten beiden Runden. Gegen Lugano schien er aber wie blockiert. Vielleicht, weil er früher dort drei Jahre gespielt hatte und sich wohl zu sehr unter Druck setzte. Darum hat die Mannschaft seine Sperre gelassen genommen. Er hatte ja noch kein Tor geschossen im Final.

Sie trafen auf dem Weg zum Titel auch harte Entscheide. Inti Pestoni und Mathias Seger aus der Aufstellung zu nehmen zum Beispiel. Half dabei das Wissen, nächste Saison so oder so nicht mehr dabei zu sein?
Als Trainer denkst du nicht an nächste Saison. Vor allem im Final denkst du nur an den Sieg. Zu Beginn der Finalserie dachte ich, dass uns Pestoni im Powerplay helfen könnte. Und er hatte ja ein paar gute Szenen. Aber die Tore fielen nicht. Also änderte ich wieder etwas. Seger fehlte schon im letzten Spiel gegen Bern, die Verteidigung war zudem sehr gut gewesen gegen den SCB. Du darfst als Trainer keine emotionalen Entscheidungen treffen, nur weil die Karriere eines Spielers zu Ende geht. Du willst gewinnen und musst jene Spieler, die gut gespielt haben, respektieren und mit ihnen weiterspielen. Wie mit Christian Marti, Tim Berni oder Samuel Guerra, die alle sehr gute Arbeit leisteten.

Du darfst als Trainer keine emotionalen Entscheidungen treffen, nur weil die Karriere eines Spielers zu Ende geht. Du willst gewinnen und musst jene Spieler, die gut gespielt haben, respektieren und mit ihnen weiterspielen.Hans Kossmann

Sie nahmen Seger in den Spielen 6 und 7 dann trotzdem aufs Matchblatt, auch wenn er dann nur noch für den allerletzten Shift der Saison aufs Eis durfte …
Die Emotionen in der Serie hatten sich verändert. Ich dachte, es wäre vielleicht Zeit, dass Seger zumindest auf der Bank ist und seine Leidenschaft einbringen kann.

Sie sprachen oft vom kämpferischen Element. Und Sportchef Leuenberger betonte Ihren wichtigsten Beitrag: eine Struktur geschaffen zu haben, die klar auf Kampfkraft und weniger auf das technische Spiel setzte. Wie muss sich der Aussenstehende diesen Vorgang vorstellen?
Als ich ankam, dachte ich noch nicht daran. Ich habe die Mannschaft studiert und gemerkt, dass sie nur sehr wenig gradlinig spielte. Fast ohne Druck aufs Tor. Auf die schönen Tore zu warten, reicht nicht. Wir versuchten, unser Spiel viel direkter zu machen. Aber ich bin auch heute immer noch nicht gerade überglücklich, was unseren Zug aufs Tor betrifft. Das könnten wir immer noch verbessern.

Mussten Sie dabei den «harten Hund» spielen?
Nein, aber wir haben viel mit systematischem Training daran gearbeitet und immer wieder betont, dass du heutzutage vor dem gegnerischen Torhüter stehen und Abpraller-Positionen finden musst.

Es waren nur vier Monate. Sind Ihnen dennoch Spieler besonders ans Herz gewachsen?
Natürlich. Das ist eine Super-Truppe. Wir haben gute Leader wie Seger, Schäppi, Klein, Flüeler. Und viele gute junge Spieler. Die Mischung stimmte.

Tut es weh, nun Abschied nehmen zu müssen?
Noch nicht. Momentan bin ich nur glücklich. Die Traurigkeit kommt dann vielleicht später. Und die Mannschaft wird nächste Saison ja nicht genau gleich sein. Die ­ganze Chemie wird wieder anders sein. Man ­beginnt jedes Jahr wieder von vorne.

Welche Eindrücke der Mannschaft sind von Ihrer Ankunft im Dezember noch präsent?
Einige Spieler waren da mit der Nationalmannschaft am Spengler Cup. Ich konnte also vor allem die jüngeren Spieler etwas besser beobachten. Meine Erfahrung ist, dass du heute die Jungen in der Aufstellung brauchst. Sie bringen die Energie. Lugano hat das auch schon erlebt. Wenn du zu viele starke Spieler hast, aber keine Jungen, hast du fast immer Schwierigkeiten. Es gibt den Spruch: Man hat nie genug Talent, um zu gewinnen. Es ist harte Arbeit, du kannst nicht nur Künstler haben, du musst eine Mischung finden, damit es funktioniert. Es wurde so gesehen sogar zu unserem Vorteil, dass unsere Verletztenliste so lange war.

Wirklich?
Das gab mir die Chance, Junge einzubauen. Diese machten einen super Job. Fast immer, wenn es uns nicht so gut lief, war es diese 4. Linie, die den Impuls brachte und die Mannschaft, gerade die Stars, mit Forechecking und Energie aufweckte. Ohne Verletzte hätten wir immer mit den gleichen Spielern gespielt. Wer weiss, wie es dann herausgekommen wäre?

Meine Erfahrung ist, dass du heute die Jungen in der Aufstellung brauchst. Sie bringen die Energie. Wenn du zu viele starke Spieler hast, aber keine Jungen, hast du fast immer Schwierigkeiten.Hans Kossmann

Welcher Spieler hat Sie bei den Lions besonders überrascht?
Der junge Tim Berni (18 Jahre alt). Und ich hatte auch gehofft, dass Goalie Flüeler seinen Weg wieder finden würde. Darum liess ich ihn immer spielen. Das war nicht gegen Schlegel gerichtet. Aber ich wusste, dass Lukas zu seinem Spiel finden muss, wenn wir etwas erreichen wollen. Es war schön, wie er im Playoff sein Vertrauen wieder fand. Und natürlich hatte ich grosse Freude an unserer 4. Linie. Zuerst mit Bachofner, Prassl und Hinterkircher, dann im Playoff mit Miranda und Künzle am Flügel. Die 4. Linie war sehr zuverlässig, ich konnte sie gegen jede andere Formation bringen. Auch gegen die Ausländer.

Kevin Klein war der wertvollste Spieler des Playoff. Einverstanden?
Ja. Er war eine grosse Stütze der Abwehr. Und ein wichtiger Leader in der Garde­robe. Ich nenne ihn den Klebstoff, der alles zusammenhielt. Er ging den Gegnern vielleicht nicht ganz so unter die Haut wie ­Luganos Lapierre, aber sie hatten dennoch grossen Respekt vor ihm.

Sie waren bereits in Bern als Assistent von Larry Huras Champion (2010), nun erstmals als Headcoach. Fühlt sich dieser Titel anders an?
Als Headcoach bist du der Hauptverantwortliche, natürlich spürst du dann noch mehr Stolz. Aber die Freude ist die gleiche, wenn du gewinnst. Mit dem SCB feierte ich meinen ersten Titel in der Nationalliga A. Auch das war besonders, erst recht in Bern vor 17 000 Zuschauern.

Sie wirkten während des Playoff meistens cool. War das wirklich der Fall?
Innerlich bin ich immer eher angespannt. Im Sport muss das so sein, kein Trainer ist wirklich cool, auch wenn jeder die Kontrolle zu bewahren versucht.

War es also schwierig, gerade im Final cool zu bleiben?
Oh, ja. Eigentlich war ich im 7. Spiel recht cool, da wir sehr gut starteten, 1:0 führten und wir wieder auf dem richtigen Weg zu sein schienen. Und dann kam dieses annulierte 2:0. Dieses Tor, das wunderbar war und hätte zählen sollen. Danach regte ich mich sehr auf. Eigentlich bis am Ende des Spiels. Dieser Entscheid machte das Spiel wieder emotional, gab dem Gegner einen Weckruf und hätte uns aus der Bahn werfen können.

Bern gilt als Hockeystadt, Zürich eher als City der Banker. Haben Sie in den letzten Wochen aber auch hier etwas Euphorie erlebt?
Wenn ich ehrlich bin: Ich hatte weder in Zürich noch in Bern so viel zu tun mit Medien oder Leuten generell wie in Freiburg. Und Freiburg ist ja vergleichsweise klein. Dort kannte dich jeder auf der Strasse, das war eine intensive Zeit, dort waren fast alle Eishockey-Fans. In Zürich konnte ich mich unerkannt bewegen, hier sind die Fans viel mehr verteilt. Ich war sogar erstaunt, wie wenig Wirbel es in Zürich gab.

Sie haben in der Schweiz eine spannende Reise hinter sich mit bereits 17 Stationen. Wie geht sie weiter?
Mit dem Alter hast du immer weniger Lust umzuziehen. Aber ja, es war eine schöne Reise. Ich bin froh, dass ich in drei verschiedenen Sprachregionen arbeiten konnte. Ich dachte, dass sich der Kreis in ­Ambri geschlossen hätte, weil ich auch das Tessin kennen gelernt hatte. Aber eigentlich hat er sich erst mit meiner Rückkehr in den Raum Zürich geschlossen.

Im Dezember rechneten Sie nicht mehr damit, in die Schweiz zurückzukehren. Haben Sie mit diesem Titel nun wieder Appetit auf mehr bekommen?
Ja, vielleicht. Aber nach diesen vier intensiven Monaten habe ich auch wieder Appetit auf acht Monate Ruhe. (lacht)

Wie geht es weiter bei Ihnen?
Ich mache wieder eine Pause, gehe zurück nach Vancouver. Meine Mutter ist 91 und nun im Spital. Meine Tante ist 83 und hat mir gerade am Telefon erzählt, sie sei ­umgefallen. Ich war 33 Jahre in der Schweiz. Es ist wichtig, dass ich jetzt ­wieder näher bei der Familie bin.

Und wenn wieder ein Anruf mit einem interessanten Angebot kommt?
Dann höre ich mir das an. Aber ich jage die Jobs nicht mehr wie ein Verrückter.

Kossmann nickt und lächelt, das nächste Interview steht schon an. Und im Trainerbüro wartet seine Frau Emma. Am Montag früh verreisen sie für zwei Wochen nach Sizilien, dann geht es zurück nach ­Kanada. Sie ist es, die die Reiseroute jeweils im ­Detail zusammenstellt. Und er lässt sich gerne überraschen.

Den 9. Meistertitel des ZSC beleuchtet der TA neben der aktuellen Berichterstattung und Würdigung mit einer Beilage. Sie finden die ZSC-Meisterzeitung im TA vom Montag, 30 April oder unter meisterzeitung.tagesanzeiger.ch

Erstellt: 29.04.2018, 12:55 Uhr

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