Nur die ZSC-Familie hiess mich willkommen

In den Achtzigerjahren wurde der ZSC noch geführt wie ein Amateurverein. Doch der Club ist mit den Jahren der Entwicklung der Stadt gefolgt.

Die Meisterparty in der Nacht auf Samstag. Foto: Samuel Schalch.

Die Meisterparty in der Nacht auf Samstag. Foto: Samuel Schalch.

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Es war ein wunderschöner Abend kürzlich vor dem vierten Finalspiel gegen Lugano. Als ich auf dem Weg vom Bahnhof Oerlikon ins Hallen­stadion am «s.ip’s» Pub vorbeispazierte, sassen an einem Tischchen draussen ein paar Männer und genossen in der Abendsonne ein Bier. Plötzlich standen sie auf, reckten ihre Fäuste in die Höhe und schrien: «Hey Kent, wir erinnern uns!»

Natürlich sprachen sie vom Meistertitel 2000. Für viele Fans ist er immer noch sehr präsent. Auch 18 Jahre danach kommen noch Leute auf mich zu und erzählen mir ihre Story von jenem Abend. Es sind wunderschöne Erinnerungen. Der 1. April 2000 war der Tag, an dem die ZSC Lions endlich erwachsen wurden und eine starke Kraft im Schweizer ­Eishockey. Und seitdem sind sie nur noch besser geworden.

Manchmal frage ich mich, wie es passierte, dass ich meinen Lebens­mittelpunkt nach Zürich verlegte. Ich hatte das eigentlich nicht vorgehabt. 1980 traf ich am Flughafen Zürich-­Kloten als Kanadier ein. Jetzt bin ich Schweizer. Was ist seitdem passiert? Als ich nach Zürich kam, war der ZSC noch keine Destination für die besten Spieler. Er wurde geführt wie ein Amateurverein. Wir trainierten in Bülach. Es gab keinen Kraftraum. Oft mussten wir unsere nasse, stinkende Ausrüstung nach Hause nehmen, um sie auf dem Balkon trocknen zu lassen. Im ersten Jahr stiegen wir auf in die NLA. Im zweiten gleich wieder ab. Wir waren weit davon entfernt, eine Macht im Schweizer Eishockey zu sein.

Wir mussten unsere nasse Ausrüstung nach Hause nehmen, um sie trocknen zu lassen.

Auf der Strasse gemassregelt Irgendwie folgte dann aber die Entwicklung des Clubs jener der Stadt. 1980 war Zürich noch nicht die pulsierende und weltoffene City, die es heute ist. Nach meiner Ankunft musste ich am Flughafen meine Brust röntgen lassen, weil sie sichergehen wollten, dass ich keine Tuberkulose mitschleppte. Das wäre heute unvorstellbar. Und als ich mich anfangs mit dem Auto noch nicht so gut zurechtfand und manchmal Fehler machte, stiegen Leute aus ihren Autos, um mich zu massregeln. Nur die ZSC-Familie hiess mich mit offenen Armen willkommen. Ich war ein Ausländer und wurde auch als solcher behandelt – ausser im Hallenstadion.

In den 90er-Jahren versuchte ich zweimal, mich mit meiner Familie wieder in Kanada niederzulassen. Doch die Anziehungskraft der Schweiz war zu gross, um ihr zu widerstehen. Es ist ein wunderbares Land, und Zürich ist die beste Stadt. Im Jahr 2000 entschieden wir als Familie, dauerhaft hierzubleiben. Unsere drei Kinder spielten alle im ZSC-Nachwuchs und liebten es, dass sie mit den öffentlichen Verkehrsmitteln überallhin kamen. Und nur schon ein Spaziergang die Limmat entlang bis zum Zürichsee ist fast zu schön, um wahr zu sein.

Der grösste Fehler war, dass wir nach Bern zügelten, als ich dort von 2002 bis 2004 coachte. Aber ich wollte einfach nicht ohne meine Familie sein. In Bern war es nicht das Gleiche. Wir fühlten uns nicht so verbunden mit dem Club. Ich war nicht viel mehr als ein Miettrainer. Ich erledigte ­meinen Job (gut) – dann kehrten wir wieder nach Zürich zurück.

Für die Spieler ist es zu bequem

Der ZSC wurde mit den Jahren stärker und professioneller. Die Lions zählten stets zu den Titelaspiranten. Doch das Leben wurde für die Spieler manchmal zu bequem. Sie mussten nur selten an ihre Grenzen gehen. Ab und zu spielten sie auch nicht für ihren Coach. Doch ihre halbherzigen Auftritte hatten kaum Konsequenzen. Die Spieler entschieden selbst, ob sie sich so richtig ihrer Arbeit verschreiben wollten oder nicht.

Ich finde, es gibt eigentlich keine Entschuldigung dafür, dass man eine solch schwache Regular Season spielt wie in diesem Winter und dann erst im Playoff zeigt, dass man das beste Team der Liga ist. Diese Mentalität aus dem Hallenstadion zu vertreiben, ist die grösste Challenge für Sven Leuenberger.

Zum siebten Mal seit 2000 gibt es beim Meister einen Trainerwechsel. Man darf mich getrost als Trendsetter bezeichnen. Ich würde Hans Kossmann gern für seinen hervorragenden Job gratulieren und ihm das Beste wünschen für die Zukunft. Er hat es seinem Nachfolger Serge Aubin ein bisschen schwerer gemacht. Aber wenn ich die Zuzüge von Denis Hollenstein und Simon Bodenmann anschaue, so kompliziert wird es für Aubin nun auch nicht.

Veränderung ist die einzige ­Konstante im Leben. Die Stadt wie die ZSC Lions haben sich zum Positiven gewandelt. Ich lebe gern in Zürich und bin stolz darauf, mit diesem wichtigen Titel 2000 Teil der Geschichte des ZSC und auch dieser Stadt zu sein. Wir Zürcher sind offen und freundlich, aber wenn es zählt, tun wir alles, um zu gewinnen. Hopp Züri!

Den 9. Meistertitel des ZSC beleuchtet der TA neben der aktuellen Berichterstattung und Würdigung mit einer Beilage. Sie finden die ZSC-Meisterzeitung im TA vom Montag, 30 April oder unter meisterzeitung.tagesanzeiger.ch

Erstellt: 28.04.2018, 12:23 Uhr

Kent Ruhnke

Der 65-Jährige führte Biel (1983), die ZSC Lions (2000) und Bern (2004) zum Titel. Heute wirkt
er als TV-­Experte, hält Motivationsreden und schreibt Kolumnen.

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