«So haben wir die DNA des ZSC verändert»

Sportchef Sven Leuenberger ist im ersten Jahr im ZSC Meister. Der Weg zum Erfolg war nicht nur harmonisch.

«Wichtig war, den Leuten vor Augen zu führen, was die Aussenansicht ist»: Sven Leuenberger.

«Wichtig war, den Leuten vor Augen zu führen, was die Aussenansicht ist»: Sven Leuenberger. Bild: Keystone

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Es war der 10. März, am späten Abend, als sich Sven Leuenbergers Gedanken um etwas drehten, woran er in all den Wochen und Monaten zuvor, in seiner ersten Saison als Sportchef der ZSC Lions, nicht im Traum gedacht hatte. Doch jetzt war er da, ein seltsamer Wunsch: Schadensbegrenzung, bloss kein 0:4 im Viertelfinal.

Die Zürcher hatten gerade das erste Playoff-Spiel in Zug 1:4 verloren. Und nachdem die Mannschaft den vor Olympia aufgekommenen Optimismus, das Gefühl, dass es endlich aufwärts gehe, mit drei Niederlagen zum Ende der Qualifikation selber wieder weggewischt hatte und bloss als Siebter ins Playoff startete, schien die Saison nun endgültig im Eimer.

Doch dann kam Spiel 2 gegen den EVZ, es kam das wilde 5:4, es wurde auch für Leuenberger zum Knackpunkt auf dem Weg zum Meistertitel.

Als die Gewissheit kam

«Wir verspielten ein 4:1», erinnert sich Leuenberger an diesen denkwürdigen Abend im Hallenstadion und sagt: «Hätte Zug 5:4 gewonnen, das 0:4 in der Serie wäre Tatsache geworden.» Was danach in der Mannschaft ausgelöst wurde, was folgte, die drei Siege in Serie gegen Zug, der Triumph im grossartigen Halbfinal gegen Bern, die Krönung im Final gegen Lugano. All das gab Leuenberger die Gewissheit: Der Weg, den er gegangen war in den endlos scheinenden neun Monaten zuvor, er war doch der richtige.

«Unser Weg in den Final war crazy?», sagt Leuenberger, lacht und antwortet mit einer Gegenfrage: «Das ist eine Untertreibung, oder?» Der 48-jährige Ostschweizer war vom Rivalen Bern gekommen und sprach von Anfang an grosse Töne.

Die DNA der ZSC Lions gelte es zu ändern, verkündete er schon im August. Leuenberger war forsch gegen aussen, er sprach zur Mannschaft vom ersten Tag an dieselbe Sprache: «Wichtig war, den Leuten vor Augen zu führen, was die Aussenansicht ist.»

Also fragte Leuenberger bei seiner Antrittsrede vor der Mannschaft zwei Neue, Drew Shore und Dave Sutter, wie in Kloten respektive in Biel über den ZSC gesprochen werde. «Beide sagten, die Lions seien technisch begabt, könnten schön ums Tor herum spielen. Doch wenn es wirklich darauf ankäme, könne man sie mit Leidenschaft und Kampfkraft schlagen.»

Leuenberger hörte, was er er gehofft hatte zu hören: «Ich sagte: Fast genau gleich spricht man in Bern: Gegen den ZSC gewinnst du, wenn du härter aufs Tor gehst, physischer spielst als sie.»

«Dann werde ich angreifbar sein»

Das war der Anfang, doch der Weg zum Ziel war weit. Eines habe er gleich gewusst, sagt Leuenberger: «Wenn der Erfolg ausbleibt, werde ich angreifbar sein.» Denn auch das klar war: Der neue Sportchef, der als erstes erklärt, wie Eishockey funktioniert – da reagiert nicht jeder Spieler gleich.

Ja, gerade beim Spieler Sven Leuenberger wäre das vor rund 20 Jahren gar nicht gut angekommen: «Ich war früher ein Querschläger, der oft hinterfragte, weder Trainer und schon gar nicht Sportchefs toll fand, die Neues wollten. In Gedanken entliess ich früher als Spieler für mich im Stillen mehrfach Trainer …»

Doch genau diese rebellische Ader von damals, die half dem Sportchef Leuenberger nun. «Denn ich versuche, mich in die Spieler hineinzuversetzen. Ich wusste oft, während ich mit ihnen sprach, dass sie mich 10 Minuten später hassen würden.»

«Hier ist das Schlaraffenland»

Etwas, dass Leuenberger im ZSC als Erstes feststellte, war der Luxus in der Organisation. «In der Schweiz kann es dir fast nicht besser gehen. Wir haben hier alles, wir sind im Schlaraffenland.» Doch die Demut, dies nicht als «normal» zu verstehen, vermisste er. «Auch das versuchte ich zu ändern.»

Er tat dies auch mit Regeln – und Sanktionen, wenn diese nicht befolgt wurden. Auch hier galt: «Ich bin sicher, dass die Spieler oft dachten: Der Leuenberger, der spinnt.»

Leuenberger forderte einen seinen wichtigsten Akteure heraus: Fredrik Pettersson. Der Schwede kam mit dem Ruf eines verlässlichen Torschützen nach Zürich. Aber nach seinen drei Jahren in Lugano auch mit dem Stigma des divahaften Akteuren. «Ich sprach mit Freddie und seinem Agenten. Es musste von Anfang an klar sein: Einiges, was wir aus Lugano gehört hatten, würde bei uns nicht gehen.»

Heute sagt Leuenberger, der Schwede sei jener Spieler, der ihn vielleicht am meisten positiv überrascht hat: «Freddie hat sehr vieles gut umgesetzt. Wie er sich ins Team integrierte, wie mannschaftsdienlich er spielte, wie er auch nicht zurückwich, wenn es wie gegen Bern hart wurde. Ich kann nur sagen: Chapeau!»

Der Schwede wurde zu einem jener Spieler, mit denen Leuenberger oft das Gespräch suchte. Es waren nicht nur harmonische Diskussionen. Der Sportchef bemängelte Petterssons Strafen, wenn er sich provozieren liess und zurückschlug.

Der Spieler wiederum klagte bei Leuenberger, dass Schweizer zu schnell beleidigt seien, in Schweden sei er sich gewohnt, dass kritisiert werden dürfe, solange es um die Sache gehe. «Da hat Freddie recht», sagt Leuenberger. «Wenn Mitspieler, Trainer, Sportchef etwas sagen, sollte die persönliche Ebene keine Rolle spielen. Da haben wir Schweizer noch viel zu lernen.»

Die Trainerentlassung

Viele Diskussionen für Leuenberger gab es mit zwei weiteren Schweden: Das Trainer-Duo Hans Wallson/Lasse Johansson, das er Ende 2017 durch Hans Kossmann ersetzte. Leuenberger sagt, dass der Zeitpunkt für ihn der letztmögliche gewesen sei. Ja, die Mannschaft habe in den Wochen zuvor unter den vielen verletzungsbedingten Ausfällen gelitten.

Und auch die schwedischen Trainer hätten später sicher von der Rückkehr der meisten Spieler profitiert, gesteht Leuenberger. Aber: «Ich rechnete damit, dass die Schweden ihrer Linie treu bleiben und wir darum nicht weiter kommen würden mit ihrem System. Nicht als Einheit.»

Doch warum passte das System Wallsons nicht? Leuenberger sieht den aktuellen ZSC, den meisterlichen ZSC, und das mag vielleicht zunächst überraschend klingen, als eine weniger technische Mannschaft als die vergangenen Ausgaben. «Das liegt an Abgängen wie Siegenthaler oder Rundblad und den Langzeitverletzten Blindenbacher und Nilsson», sagt er. «Heute sind wir rustikaler, ja fast schon eine Art ‘Abbruch GmbH’.»

Es war Leuenbergers Vorgänger Edgar Salis gewesen, der Wallson/Johansson 2016 verpflichtet und dafür viel Lob geerntet hatte. Die beiden, vor allem unter Johanssons Lead, hatten in Skelleftea ein Eishockey-Imperium inklusive Nachwuchsförderung erschaffen, das in ganz Schweden als beispielhaft angesehen wurde.

«Das nehme ich auf meine Kappe»

Doch wieso war am Ende in Zürich von dieser Philosophie je länger, desto weniger zu sehen? Wieso begann Wallson plötzlich beim Coaching die besten Kräfte zu forcieren? «Ich denke, das liegt auch daran, dass der durchschnittlich ausgebildete Schwede weiter ist als der Schweizer», sagt Leuenberger. «In einer schwedischen Mannschaft ist der schlechteste Spieler besser als bei uns.» Mit Spielern zu arbeiten, die noch nicht ganz alle Voraussetzungen für Einsätze erfüllen würden und diese auch einzusetzen, das seien sie sich nicht gewohnt gewesen.

Und Leuenberger gesteht eigene Fehler ein: «Von August bis Ende Jahr bestritt zum Beispiel ein Schäppi mit uns und der Nationalmannschaft über 50 Spiele – also mehr als es in der NHL gewesen hätte. Bereits in der Saisonplanung hätte ich mehr darauf achten sollen, und viel mehr eine Art Rotationsprinzip einfordern müssen. Da haben wir uns etwas verheizt, das geht auf meine Kappe.»

Und trotzdem gab es bereits vor dem Trainerwechsel Anhaltspunkte, die Leuenberger an die Wende zum Guten glauben liessen. «Der Mannschaftsgeist, der blieb immer gut. Und in Spielen, in denen wir unter die Räder zu kommen drohten, gegen Bern, Lugano oder Davos, da waren wir fast immer stark.»

Als die Bilanz nicht besser wurde

Die Erfolgsbilanz unter Kossmann wurde in der Regular Season zwar nicht besser. Doch eine Änderung will Leuenberger festgehalten haben: «Unter Kossmann hatten wir eine Struktur, die klar mehr auf Kampfkraft setzte. Ein Kenins, ein Herzog oder ein Schäppi - sie spielten nun ein ganz anderes Eishockey. So hatten wir unsere DNA am Ende geändert.»

Leuenberger erwähnte Blindenbacher und Nilsson. Doch auf ein weiteres technisches Element verzichteten die Zürcher je länger, desto häufiger freiwillig: Inti Pestoni. Wurde der Tessiner zum Opfer beim Zeichensetzen?

«Dass er technisch überdurchschnittlich ist, sehen wir auch. Die Frage war: Bringt seine Intensität uns Erfolg oder nicht? Ich glaube eher nicht», sagt Leuenberger. Es gehe um den Grundsatz: «Es gibt Spielertypen, die 2 Chancen kreieren und 3 Gegenchancen erlauben. Das ist sicher schön für die Zuschauer, aber nicht effizient.»

Nun ist Leuenberger in seiner Premierensaison in Zürich Meister. Und erfreut stellt er fest, dass in den Köpfen der Spieler ein extremer Wandel stattgefunden habe. «Das ist für mich auch sehr erstaunlich.»

Er habe selber auch darüber nachgedacht, was den entscheidenden Impuls ausgelöst haben könnte. Und habe eine mögliche Erklärung gefunden: «Durch Leidenschaft mobilisierst du Zusatzkräfte. Aber auch durch Angst. Vielleicht dachten sich die Spieler: ‘Wenn wir wieder in der ersten Runde ausscheiden – wer ist dann Schuld? Der Sportchef? Der ist noch zu neu. Der Trainer? Der wurde schon wieder entlassen.»

Angst also als Antreiber auf dem Weg zum Titel? Leuenberger überlegt nochmals – und gesteht mit einem Lächeln: «Aber wirklich wissen tu ich es nicht ...»

Den 9. Meistertitel des ZSC beleuchtet der TA neben der aktuellen Berichterstattung und Würdigung mit einer Beilage. Sie finden die ZSC-Meisterzeitung im TA vom Montag, 30 April oder unter meisterzeitung.tagesanzeiger.ch

Erstellt: 28.04.2018, 12:55 Uhr

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