«Meine Leistung stimmte nicht, wenn eine Chance da war»

Neun Jahre war Leonardo Genoni Torhüter des HC Davos. Nun ist er zurück am Spengler Cup – ausgerechnet mit dem Nationalteam.

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Sie durften einen besonderen Ort in Davos fürs Bild auswählen und entschieden sich für das kleine Seehof-Seeli beim Dorfeingang. Warum?
Es ist ein super Platz mit einem kleinen See, auf dem man im Winter Schlittschuh laufen kann. Jung und Alt trifft sich hier. Auf dem Spielplatz sassen wir mit der Familie früher immer wieder.

Sind Sie am Spengler-Cup nun erstmals mehrere Tage hintereinander in Davos, seit Sie im Sommer 2016 den HCD verliessen?
Nein, wir hatten uns damals eine kleine Wohnung gekauft und waren hier schon zwei-, dreimal in den Ferien. Nach Davos zu kommen, ist darum für mich immer noch eine Art Heimkehr. Ich staune ­jedes Mal, wie viele Leute ich hier ­immer noch kenne. Wir waren schliesslich neun Jahre hier, das ist eine lange Zeit. Ich komme darum gerne zurück. Es war schwer genug, wegzugehen. Trotzdem wusste ich, dass ich diesen Schritt ­machen muss, wenn ich noch etwas Neues sehen will. Das war ein richtiger Entscheid, auch wenn er nicht von allen gut aufgenommen wurde.

Nun sind Sie zurück am Spengler-Cup, an dem Sie erstmals ein ­Davoser Dress trugen, 2006 als Leihgabe der GCK Lions.
Gute Erinnerungen! Ich war noch Schüler und schnupperte erstmals Profiluft.

«In den 50 Spielen der Qualifikation unter 100 Gegentoren bleiben – das ist am Anfang stets eines meiner grössten Ziele.»

In der Statistik werden Sie an jenem Turnier mit einem fürchterlichen Gegentorschnitt von 8,56 geführt.
Ja, ich weiss. Das war aber sehr unglücklich! Ich kassierte nur einen Gegentreffer, und es war erst noch ein Eigentor von Jan von Arx. Ich spielte ja nur etwa sieben Minuten, hochgerechnet auf ein Spiel von 60 Minuten kam dann dieses brutale 8,56 heraus. Darum bin ich kein Freund von Statistiken. (lacht)

Ein halbes Jahr später wechselten Sie gemeinsam mit Reto Berra als 19-jähriger Rookie nach Davos – der Anfang einer grossen Schweizer Goaliekarriere.
Es brauchte schon noch mehr, das war kein Selbstläufer. Ich wusste, dass ich sehr viel lernen und arbeiten muss, und war bereit dafür. Ich wollte diese riesige Chance nicht verpassen. Ich kam für zwei Jahre, es wurden neun daraus. Ich wurde in Davos reif, ich wurde hier erwachsen.

Zweifelten Sie nicht? Zwei junge Goalies, das war zumindest in der Schweiz etwas Spezielles . . .
. . . und ist es auch heute noch, wenn man nach Davos schaut. Aber nein, ich hatte keine Zweifel, da ich wusste, dass ich zu meinen Spielen kommen würde. In ­Zürich war noch Ari Sulander im Tor, er war so gut, da gab es keine Chance, an ihm vorbeizukommen.

Als Ihre Hauptmotivation beim Wechsel von Davos nach Bern ­ sagten Sie: «Ich will beweisen, dass ich mich auch an einem ­anderen Ort behaupten kann.»
Ja, aber ich wollte das nur mir selbst ­beweisen, niemand anderem.

Und?
Ich habe es mir bewiesen. Aber trotzdem will ich immer noch besser werden. Ich kann mich nicht zurücklehnen, bloss weil das erste Jahr und der Start ins zweite gut waren.

Sie waren Meister mit Davos, nun mit Bern. Sportlich höhere Ziele in der Schweiz gibt es keine mehr.
Es geht vor allem ums Besserwerden. Ich sehe Potenzial bei mir, Potenzial bei Bern in der Mannschaft. Ich sehe da Ziele.

Die Champions League wäre ein neues Ziel gewesen, Sie schieden mit Bern im Viertelfinal knapp aus.
Ich war enttäuscht, auch weil es mit mir zusammenhing. Ich konnte nicht meine beste Leistung abrufen, was nötig ge­wesen wäre auf internationalem Niveau.

Nach über einem Jahr in Bern: Was ist der Unterschied zwischen dem Profileben in Davos und beim SCB?
Sportlich ist der Unterschied gross von den Spielsystemen her, was mich auch als Goalie betrifft. Wir schirmen die Gegner in Bern sehr gut ab, lassen aber zum Beispiel gezielt Schüsse aus ungefährlichen Positionen zu. Wir spielen zwar nicht ein so schnelles Transitionsspiel wie in Davos, dafür haben wir im Aufbau weniger Puckverluste. Es ist ein Hin und Her, in allen Systemen gibt es Vor- und Nachteile. Was den Club selbst angeht: In Bern ist alles eine Nummer grösser.

Der SCB gilt in der heimischen Liga als fast schon unschlagbar. Selbst die wenigen Niederlagen kamen zuletzt in Spielen zustande, in denen Bern mit zwei oder drei Toren führte.
Diese «blöden» Niederlagen kamen nicht einmal so ungelegen. Die Gefahr, überheblich zu werden, ist sicher da. Wir haben uns nach diesen Spielen ausgesprochen. Mich freute es, dass wir ­danach die knappen Spiele gewannen, Spiele, in denen wir unter Druck standen. Das wird später in der Saison noch weitere Male nötig sein.

In Davos hatten Sie mit Goalie­trainer Marcel Kull jeweils eine spezielle Vorgabe, Sie nannten es «den Dreier brechen». Es ging darum, immer unter drei Gegentoren zu bleiben, was Ende Saison bedeutet, dass in 50 Qualifikationsspielen die Anzahl Gegentore unter 100 bleibt. Sie haben nun mit Bern ein zweites Mal in Ihrer Karriere die Chance, dieses Ziel zu erreichen.
Ja, aber es wird schwierig. In 16 Spielen dürfen wir nur noch 29 Tore kassieren. Dennoch ist das auch in Bern immer noch ein Ziel, ein sehr grosses Ziel. Das erste, mit dem ich in eine Saison starte.

Apropos Goalietrainer: In Davos hatten Sie neun Jahre lang denselben, in Bern sind es nun bereits im zweiten Jahr schon zwei.
Dass ich nicht mehr mit Marcel Kull zusammenarbeiten würde, war einer der Gründe, wieso mir der Entscheid nicht so einfach fiel, Davos zu verlassen. Was Bern angeht: Ja, es tönt blöd. Aber auch schlimmer, als es ist. Ich bin zum Spielen in Bern und nicht, um Personalentscheide zu treffen. Weil dieser Wechsel meine Position betraf, könnte man meinen, dass das wegen mir passierte. Aber so ist es nicht.

Sie und das Nationalteam, das war nicht immer eine Liebesbeziehung. Trotz Ihrer Erfolge mit dem HCD waren Sie nur selten an Turnieren.
Diese Davoser Geschichte mit der Nationalmannschaft, sie ist etwas Schönes für die Medien, weil sie darüber berichten können. Aber man muss von Fall zu Fall schauen. Ein Andres Ambühl hat über 200 Länderspiele bestritten, und er ist Davoser. Es ist der Nationaltrainer, der aufstellt, wenn deine Leistung nicht stimmt, dann stellt er dich nicht auf. Bei mir hat es nie richtig gepasst. Meine Leistung stimmte nicht, wenn eine Chance da war. Da war ich selber schuld.

So einfach, wie Sie das jetzt sagen, war das aber nicht immer.
(überlegt) Nein, war es nicht. (lacht)

Sie hätten doch viel öfter fürs Nationalteam spielen müssen.
Ich habe 50 Länderspiele auf meinem Konto. Oder sogar ein paar mehr. Und ich durfte immerhin drei Weltmeisterschaften spielen.

Eben: Das ist im Schnitt alle drei Jahre eine WM. Zu wenig . . .
Logisch passte nicht immer alles zusammen. Aber ich will jetzt nicht über Leute herziehen, die nicht mehr dabei sind. Es passierten Sachen, die nicht für mich ­liefen. Dennoch wäre es dann an mir ­gelegen, jene Leistungen zu zeigen, die ­nötig gewesen wären, damit ich auf­gestellt werde. Ich war nicht unverzichtbar. Also habe ich damals zu wenige ­Argumente für mich gesammelt.

Pyeongchang ist jetzt Ihre grosse, einmalige Chance für Olympia.
Das ist so. Ich mache alles, um dort ­dabei zu sein. In Bern spielen wir gutes Eishockey, wir können uns empfehlen. Ich muss meine Leistungen nun international bestätigen, darum bin ich mit der Nationalmannschaft am Spengler-Cup. Ich möchte hier perfekte Leistungen abrufen, damit ich unverzichtbar werde.

Erstellt: 27.12.2017, 22:14 Uhr

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