Wenn im Januar plötzlich Playoff ist

Die ZSC Lions starten mit vier Spielen innert sechs Tagen ins neue Jahr. Richtige Erholung ist unter diesen Umständen nicht möglich.

Er braucht keine Merkblätter mehr zum Thema Regeneration: ZSC-Verteidiger Severin Blindenbacher (Mitte) beim Stressauftakt gegen die SCL Tigers. Foto: Claudio Thoma (Freshfocus)

Er braucht keine Merkblätter mehr zum Thema Regeneration: ZSC-Verteidiger Severin Blindenbacher (Mitte) beim Stressauftakt gegen die SCL Tigers. Foto: Claudio Thoma (Freshfocus)

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Manchmal reicht schon ein scheinbar harmloses Thema für einen Skandal. Zum Beispiel Erholung. Da schonte am letzten Samstag am Spengler-Cup der Trainer des HCD ein halbes Dutzend Leistungsträger, damit seine erholte Mannschaft im entscheidenden Match am Sonntag umso stärker aufspielen könnte. Und dann gingen beide Partien klar verloren. Und warfen die Frage auf: Ist die körperliche Belastung bei Spielen im 24-Stunden-Takt überhaupt zu bewältigen?

Eine Antwort darauf erhält in den kommenden Tagen die gesamte Liga, allen voran der ZSC. Er startet mit vier Spielen innert sechs Tagen ins Jahr 2020.

Nach dem ersten davon, der 2:3-Overtime-Niederlage gegen die SCL Tigers, steht Severin Blindenbacher im Kabinengang des Hallenstadions, seine strähnigen Haare triefen vor Schweiss. «Es ist sehr intensiv, aber jeder kannte das Programm», erklärt der 36-Jährige, «wir hatten unsere schönen Tage, jetzt können wir wieder arbeiten.»

Höhere Kadenz als im Playoff

An diesem Abend bedeutet das für ihn: 22:14 Minuten Eiszeit. Und im gleichen Stil geht es weiter: Am Samstag reist der ZSC nach Ambri, am Sonntag kommt Zug, am Dienstag geht es nach Davos.

Vier Spiele in sechs Tagen: Das ist eine höhere Kadenz als im Playoff, wo es dieses Jahr mit sieben Spielen innert 15 Tagen losgeht. Und wenn der HCD erklärt, es habe noch nie ein Team den Spengler-Cup ohne Ruhetag gewonnen, dann müsste das Thema Erholung jetzt eigentlich die ganze Liga beschäftigen.

48 Stunden zur Regeneration

Sind Maximalleistungen unter solchen Umständen überhaupt möglich?

Die Frage geht an Gery Büsser, Teamarzt der ZSC Lions. Und die Antwort ist ein klares Nein. «Der Muskel braucht 48 Stunden, bis er nach einer Anstrengung wieder voll regeneriert ist», so Büsser. Zwei Spiele an aufeinanderfolgenden Tagen, wie sie an diesem Wochenende sämtliche Clubs der National League ­bestreiten, seien darum «medizinisch gesehen ein Blödsinn».

Solche Spiele an aufeinanderfolgenden Tagen, im Jargon «back-to-back», sind eine Spezialität der Schweizer Liga. Nicht weniger als 18 davon muss diese Saison der EHC Biel austragen, diesbezüglich die Nummer 1. Am anderen Ende der Skala liegt der ZSC – aber auch er kommt noch auf die stolze Zahl von 13. Und dann ist es ja nicht so, dass zwischen den Back-to-backs jede Menge Erholung möglich wäre. Die Bieler etwa absolvierten bis Weihnachten 45 Wettbewerbsspiele in 117 Tagen. Entsprechend gingen sie in die Pause – mit müden Spielern und sieben Niederlagen in Folge. Am Donnerstag folgte die nächste.

«Wir vom Staff müssen schauen, dass die Spieler gutes Essen erhalten.»Gery Büsser, Teamarzt der ZSC Lions

Doch die muskuläre Erholungszeit ist womöglich gar nicht so entscheidend. «Die Sportwissenschaft ist klar», sagt Büsser, «aber die sportmedizinische Praxis beweist das Gegenteil: dass es am Ende doch immer geht, an Weltmeisterschaften oder im Playoff etwa.» Man könne diese Reserven am Ende irgendwie freischalten oder anderweitig kompensieren.

Ob das Sinn mache, sei hingegen eine andere Frage – und werde im Sport meist durch die Resultate entschieden. Wenn ein Team aus fünf Spielen 15 Punkte hole, sei alles super gewesen. Und was passiert, wenn ein Team die entscheidenden Spiele nicht gewinnt, erfuhr zuletzt trotz Erholungszeit der HCD.

Büsser hat eine klare Vorstellung von seiner Aufgabe: «Wir vom Staff müssen schauen, dass die Spieler gutes Essen erhalten, dass die Flüssigkeitsaufnahme stimmt, dass sie sich gut erholen können. Und was die Spieler tun können, ist, sich auf diese Situation einzustellen: Gut zu regenerieren und sich auf die intensive Zeit zu freuen.» Es mache ja auch Spass, wenn der Rhythmus hoch sei und ein Spiel aufs andere folgt.

«Nicht mehr so viel Bier»

Tatsächlich ist die Diskussion mit der hohen Belastung alles andere als neu. Als der ZSC 2007 in der Vorweihnachtszeit fünf Spiele in sechs Tagen bestritt, gab Büsser sogar extra ein mehrseitiges Merkblatt ab. Es diente der Aufklärung, damit alle wussten, wie sie sich verhalten sollten. «Es wurde sogar extra ein Regenerationsdrink abgegeben», erinnert sich Blindenbacher.

Der Erfolg auf dem Eis war wenig durchschlagend. Nur ein Sieg und fünf von 15 möglichen Punkten resultierten damals. ­Allerdings war die bescheidene Ausbeute nicht unbedingt nur auf die Belastung zurückzuführen. Die heutige Generation wisse viel besser Bescheid über Ernährung und Erholung, hat Büsser festgestellt.

Nicht nur er. «Die Jungen haben einen ganz anderen Lifestyle», vergleicht Blindenbacher, «es gibt nicht mehr so viel Bier in der Garderobe.» Der Verteidiger lächelt: «Aber vielleicht ist Erholung auch für mich mehr ein Thema, weil ich unterdessen so ein alter Sack bin.»


Eisbrecher – der Hockey-Podcast von Tamedia

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Erstellt: 03.01.2020, 08:56 Uhr

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