«Ich glaubte wirklich, Armstrong sei der Retter des Radsports»

Hätte Russland die Fussball-WM weggenommen: Der oberste Schweizer Dopingbekämpfer Matthias Kamber (63) über Bürokratie und Vetternwirtschaft.

Die Tour de France ehrlich zu gewinnen, sei unmöglich, sagt der abtretende Dopingjäger Matthias Kamber. Foto: L. Bonaventure (AFP)

Die Tour de France ehrlich zu gewinnen, sei unmöglich, sagt der abtretende Dopingjäger Matthias Kamber. Foto: L. Bonaventure (AFP)

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Mit dem Abgang von Matthias Kamber endet eine Epoche. Rund 30 Jahre prägte der Berner in der Schweiz den Kampf gegen Doper. Er stand für einen sauberen, glaubwürdigen Spitzensport. Am 1. April nun gibt der 63-Jährige seinen Job an Ernst König ab, würde aber gern in der einen oder anderen Funktion weiterarbeiten. Kambers Rücktritt verdeutlicht auch, wie sich der Anti-Doping-Kampf geändert hat: Der promovierte Chemiker gehörte bloss noch zu einer kleinen Minderheit an Agenturleitern, die über einen naturwissenschaftlichen Hintergrund verfügen. Mittlerweile dominieren Juristen.

In der Öffentlichkeit sind Sie zuletzt mit markigen Worten aufgefallen. Weil Sie vom aktuellen Anti-Doping-Kampf frustriert sind?
Nein, ich bin zur Erkenntnis gekommen, dass ich mit Diplomatie oder gar Schweigen nichts bewege. Zudem kann ich es mir als abtretender Direktor leisten, quasi den Bad Cop zu spielen und zu versuchen, die Probleme in der Dopingbekämpfung zu benennen – um sie voranzubringen. Aber klar ist auch: Unsere Arbeit wurde in den vergangenen Jahren von einer wahren Reglement- und Papierflut geprägt. Dabei sollte man den Anti-Doping-Kampf nicht am Schreibtisch führen, sondern bei den Athleten.

Sie machten Aussagen wie: «Was die Spitzenfahrer an der Tour de France über drei Wochen leisten, ist sicher nicht möglich, ohne zu dopen.» Das ist in Ihrer Position und mit Ihrem Wissen doch nur populistisch.
Moment. Wir haben dafür Belege. Nehmen wir Lance Armstrong. Ich glaubte wirklich, er sei der Retter des Radsports. Dann konnte man nachweisen, dass er über Jahre dopte. Oder reden wir über die britischen Tour-Sieger Bradley Wiggins und Chris Froome. In ihren Fällen geht es zwar nicht um harte Dopingmittel, aber sie haben Dinge getan, die über das Erlaubte hinausgehen.

Weder Wiggins noch Froome sind juristisch überführt. Müssten Sie in Ihrer Position nicht erst recht differenzieren?
Ich kann nachvollziehen, wenn man sagt: Kambers Haltung ist seltsam. Nur: Nach dem grossen Dopingskandal im Radsport Ende der 90er-Jahre räumte der Weltverband auf. Es scheint Skandale zu brauchen, damit sich der Sport bewegt.

Sie sagten auch, wegen Ihrer Aussagen selbst in Anti-Doping- Kreisen teilweise unbeliebt zu sein.
Das stimmt. Bei der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) bin ich nicht sonderlich beliebt und darum auch chancenlos, in Gremien zu gelangen. Deswegen verstumme ich aber nicht, sondern sage im Gegenteil: Die Wada hat immer nur interne Mitarbeiter an die Spitze gehoben. Das halte ich für einen Fehler, weil kritische Geister ausgeschlossen bleiben – und die Dopingbekämpfung so an Dynamik verliert. Was tut die Wada beispielsweise, wenn ein Problem auftaucht? Sie kreiert ein Papier.

Jetzt klingen Sie frustriert. Blicken Sie zwiespältig auf die 30 Jahre als Dopingbekämpfer?
Zumindest auf die generelle Entwicklung. Fakt ist: Verbringt man 30 Jahre im gleichen Job, ist das meist zu lange – egal, um was für eine Arbeit es sich handelt. Ich habe einen Schnitt also tatsächlich verpasst. Man muss zugleich wissen: Ich kam in den 1980er-Jahren in die Dopingbekämpfung, als sie Fahrt aufnahm und innovativ war. Ich erlebte in meinem Job viele zentrale Phasen. Immer wenn ich glaubte, aufhören zu müssen, ging eine neue Tür auf. Und zumindest bezüglich Schweiz kann ich sagen: Den Ruf der ­Dopingbekämpfung, unbestechlich und von hoher Qualität zu sein, ist auch auf meine Arbeit zurückzuführen.

«Wir halten uns nicht beim Siegertreppchen auf, wir arbeiten im Keller.»

Warum jammern Sie trotzdem seit Jahren, mit 4,8 Millionen Franken ein viel zu kleines Budget zu haben?
Innerhalb dieser finanziellen Möglichkeiten arbeiten wir toll. Aber wir hätten mehr Möglichkeiten verdient. Sehen Sie: Wir hatten im letzten Jahr neun personelle Wechsel. Trotzdem erreichten wir unsere Ziele, boten hohe Qualität.

Ist also doch alles gut?
Nein. Es fehlt die Erkenntnis im Sport und in der Politik, dass eine hervorragende und finanziell gut dotierte Anti­-Doping-Agentur notwendig ist. Wir sind zurzeit ein bisschen wie ein Feigenblatt, weil es uns nach den Regeln braucht. Aber mit uns gewinnt man keine Medaillen. Wir halten uns nicht beim Siegertreppchen auf, wir arbeiten im Keller. Dabei tragen wir zu einem sauberen und glaubwürdigen Sport bei. Diese Einsicht wird allerdings zu selten geäussert. Testen wir unsere Fussball-Nationalspieler zwischen zwei Partien, heisst es, wir würden die Regeneration gefährden. Dabei müsste die Haltung uns gegenüber doch sein: Sie kommen und belegen, dass wir sauber sind.

Sie sagten, gute Arbeit zu leisten. In den wichtigsten Sportarten der Schweiz, Fussball und Eishockey, kontrollieren sie nicht einmal alle Athleten einmal pro Jahr.
Das ist viel zu wenig, das stimmt. Dass wir im Mannschaftssport grosse Defizite aufweisen, ist so. Nur: Unser Budget ist über die Jahre gleich geblieben. Also müssen wir zuerst sicherstellen, dass sogenannte Risikosportarten wie Rad oder Leichtathletik breit kontrolliert sind.

Sind Sie auf den Eishockey- oder Fussballverband zugegangen und haben um finanziellen Support gebeten, damit diese Verbände überhaupt ausreichend Kontrollen vorweisen können?
Nein. Weil die Finanzierung anders laufen sollte, gerade nicht über die einzelnen Verbände. Ansonsten entsteht ein Interessenkonflikt. Die Grundfinanzierung muss über Swiss Olympic und den Bund gewährleistet sein.

Die Gründung der Wada vor knapp 20 Jahren galt als Wurf. Wann wurde daraus ein bürokratischer Apparat, wie Sie ihn beschreiben?
Da ist schwierig zu sagen. Gäbe es die Wada nicht, müsste man sie sofort kreieren. Aber man verpasste es, die nationalen Anti-Doping-Behörden zu integrieren oder die Gewaltentrennung zu installieren. Heute kann ein Funktionär ein Nationales Olympisches Komitee anführen, im IOK, der Wada sowie in der neuen internationalen Testagentur sitzen. Das ist unseriös und intransparent.

Wie sähe eine verbesserte Wada aus?
Erstens: Die internationalen Verbände sollten die Dopingbekämpfung abgeben und sich auf die Prävention konzentrieren. Zweitens: Die Wada sollte die Regeln setzen, aber weder Forschung, Kontrolle noch Prävention betreiben. Drittens: Die neue Testagentur müsste mit unabhängigen Experten bestückt sein. Viertens: Die nationalen Agenturen sollten dieser globalen Agentur zudienen und nationale Fälle übernehmen. Wie die Situation heute ist: Die Wada stellt die Regeln auf und kontrolliert selber, ob diese Regeln gut sind. Oder: Das IOK fördert den olympischen Sport und muss bei Dopingfällen seine grössten Stars eigenhändig sperren. In einem solchen Kontext sind die Probleme quasi angelegt.

Sie wollen eine kleinere Wada?
Ja, auch. Aber grundsätzlich müssen wir Anti-Doping-Kämpfer uns fragen: Wofür arbeiten wir? Für die ehrlichen Athleten.

Sie haben dies schon vor vielen Jahren formuliert. Passiert ist wenig. Hört man Ihnen zu?
Wir betreiben Kosmetik. Dabei müsste man die Prinzipien überdenken. Die Schweizer Bundesverfassung besteht aus rund 28'000 Wörtern. Der aktuelle Wada-Code kommt auf 35'000. Man kann nicht alles regulieren, sondern sollte seinen Partnern wie den nationalen Agenturen vertrauen – aber überprüfen, ob sie Qualität liefern.

Überreguliert die Wada, weil sonst findige Juristen bei Problemen sofort Lücken in den Regeln finden?
Das mag mit ein Grund sein. Nur fürchte ich, dass man damit das Gegenteil erreicht. Je detaillierter die Wada ihre Regeln formuliert, desto mehr Lücken schafft sie für clevere Juristen. Mehr Vorgaben können auch dazu führen, dass Agenturen wie wir durchfallen.

Durchfallen?
Dass wir als Agentur nicht mehr arbeiten können bzw. die Wada unsere Arbeit nicht mehr anerkennt.

Antidoping Schweiz befindet sich vor dem GAU?
Wir müssen gemäss Wada-Regeln bestimmte Testzahlen erfüllen, die wir nicht erfüllen wollen, weil sie bei unserem Budget nicht zweckdienlich sind.

Sie provozieren die Wada?
Die Wada droht, uns auf die Liste der Behörden zu nehmen, die nicht regelkonform arbeiten. Wir haben nun Zeit bis im Mai, ihre Vorgaben umzusetzen. Aber ich weigerte mich. Ich müsste die Verteilung meiner Dopingkontrollen nach einem Excel-Blatt vornehmen statt nach wissenschaftlichen Argumenten.

Wie kommen Sie aus dieser prekären Situation heraus?
Indem die Wada einlenkt oder wir einen Kompromiss finden.

Sie treten am 1. April ab. Denkt Ihr Nachfolger wie Sie?
Es ist legitim, wenn er zusammen mit dem Stiftungsrat eine andere Strategie wählt. Vielleicht ist meine kompromisslose Strategie nicht zielführend.

Russland wird im Sommer die Fussball-WM durchführen – und hat sein flächendeckendes Manipulieren bis heute nicht eingestanden. Wie muss man dieser WM begegnen?
Russland wird es nicht wagen, an der WM ein Dopingregime durchzuführen wie in Sotschi. Ich glaube aber auch, dass Russland ein solches Regime an der Fussball-WM gefahren hätte, wenn der Betrug nicht aufgeflogen wäre. Grundsätzlich finde ich: Man hätte Russland diese WM wegnehmen müssen, sobald man vom systematischen Manipulieren erfuhr. Überhaupt hätte man diesen Dopingskandal viel schneller aufarbeiten können, wenn die internationalen Sportverbände ihre russischen Mitglieder härter angegangen wären. Aber sie reagierten fast alle zögerlich – oder wie das IOK nicht zielführend. Wie will man einzelnen Athleten das Manipulieren nachweisen, wenn die Gegenseite die Kooperation verweigert und Beweise vernichtet?

Dafür bestätigte eine Kommission des IOK, was die Wada bereits ­herausgefunden hatte: dass Russland breit manipulierte.
Das Fatale daran: Solche Doppelspurigkeiten mindern das Vertrauen in die Dopingbekämpfung, weil es scheint, als würden sich diese Institutionen nicht trauen.

Erstellt: 28.03.2018, 22:44 Uhr

Matthias Kamber.

Ablösung: König für Kamber

Der neue Chef von Antidoping Schweiz hat einen grossen Vorteil: Er verfügt über einen Aussenblick. Der Berner Ernst König (39) ist ein Branchenfremder. König bildete sich zum Bauern aus, studierte Agrarwirtschaft und arbeitete mehrere Jahre als Geschäftsführer der Branchenorganisation Swisspatat. Zuletzt lebte König mit seiner Familie in Edinburgh, wo er für eine US-Bank in der Immobiliensparte tätig war. Ergo: Der Neue ist ein Neuling im Antidopingbusiness. (cb)

Ernst König.

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