Der kleine Sepp, die grosse Fifa, das bittere Ende

Joseph S. Blatter entwickelte im Wallis seinen Machtinstinkt, der ihn zum Fifa-Chef machte, ihn aber nicht vor dem Fall bewahrte.

Bahn frei für die Abrissbirne: Fifa-Chef Sepp Blatter     lässt 2004 eine schwere Metallkugel in eine Wand sausen. Anlass war der Neubau der Fifa-Zentrale in Zürich. Foto: Michael Probst (AP, Keystone)

Bahn frei für die Abrissbirne: Fifa-Chef Sepp Blatter lässt 2004 eine schwere Metallkugel in eine Wand sausen. Anlass war der Neubau der Fifa-Zentrale in Zürich. Foto: Michael Probst (AP, Keystone)

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Sepp Blatter gab dem «Tages-Anzeiger» im März 2013 ein Interview. Es war eines von vielen über all die Jahre, in denen er der Fifa vorstand. Aber es war schliesslich eines, das er nicht nur in Teilen, sondern am liebsten gleich als Ganzes zurückziehen wollte, kaum hatte er die Abschrift gesehen.

«Warum soll ich meine Entschädigungen bekannt geben?», fragte er in der ursprünglichen Fassung, «das sage ich absichtlich nicht, weil man dreissig Jahre lang danach gefragt hat. Sie können also den ganzen Nachmittag fragen. Das ist die Hartnäckigkeit des Wallisers, wenn das nicht schon ein Pleonasmus ist.»

Das wollte er gestrichen haben.

An anderer Stelle sagte er: «Wenn ich vom Image rede, muss ich vom ‹Forbes›-Magazin erzählen, das die 71 einflussreichsten Menschen der Welt gewählt hat. Da ist ein einziger Schweizer und ein einziger Sportler dabei. Das bin ich. Und im neuesten ‹Sports Illustrated› bin ich auf Platz 15 der wichtigsten Sportler. Stellen Sie sich vor: ‹Sports Illustrated›, das ja immer betont hat, was für ein ­‹Tubel› ich sei.»

Auch das wollte er nicht lesen.

Später im Gespräch ging es um den sogenannten Garcia-Bericht, der die Hintergründe der Vergaben der WM 2018 und 2022 behandeln sollte. Blatter unterbrach die Frage. Und sagte: «Haben Sie sich auch schon einmal gefragt, ob die Fifa etwas Gutes gemacht hat? Interessiert das Ihre Leser nicht? Sie müssen es mir einfach sagen, dann können wir weiterwühlen, im Dreck und so.»

Dass das nicht in der Zeitung stand, darauf beharrte er ebenso.

Von Gott geleitet

So war das mit Blatter, der glaubte, er dürfe sich keine Schwäche erlauben. Es hatte auch andere Tage gegeben, als er nach einem Interview fragte: «So, ­nehmen wir noch ein Glas Weissen?»

Blatter war der Walliser, der mit seiner einfachen Herkunft kokettierte, mit seinem Sportpresseausweis, um den Journalisten das Gefühl zu geben, er sei einer von ihnen; der vorgaukelte, er fahre Zug, obschon vor der Tür der Chauffeur mit der dunklen Limousine wartete oder am Flughafen der Privatjet.

Joseph Blatter, geboren in Visp, Sohn eines früheren Velomechanikers und späteren Werkmeisters bei der Lonza mit 1700 Franken Lohn, Sohn einer Mutter, die beim Wäscheaufhängen war, als er am 10. März 1936 übereilig auf die Welt drängte – er hatte aus Joseph Blatter den Joseph S. Blatter gemacht. Er glaubte wohl, das lese sich edler.

Blatter war vom Instinkt getrieben, nicht im engen Wallis hängen zu bleiben, nicht der untalentierte Mittel­stürmer des FC Visp zu bleiben, sondern nach Höherem zu streben. Gott führte ihn dabei. So zumindest erzählte er das gern.

In Lausanne hatte er ein Studium der Handels- und Volkswirtschaftswissenschaften abgeschlossen und unter anderem als Werbechef des Walliser Verkehrsverbandes und als Generalsekretär des Schweizerischen Eishockeyverbandes gearbeitet, bis er Pressechef des nationalen olympischen Komitees wurde. Eines Tages bat ihn Fifa-Generalsekretär Helmut Käser, ein Pflichtenheft für einen Verbandspressechef zu erstellen. Blatter erkannte die Chance: «Falls Sie einen Pressechef brauchen . . .» Käser aber wollte nur ein Pflichtenheft.

Ende der 60er-Jahre wechselte Blatter als Direktor für PR und Sport zu Longines. Es war inzwischen Ende 1974, als sein Traum in Erfüllung ging. Thomas Keller kam auf ihn zu, der Präsident von Swiss Timing, zu dem Longines gehörte. Laut Blatter trug sich dann das zu: «Keller sagte mir: ‹Seppli, ich weiss, du bist nicht so zufrieden bei den Uhrmachern. Die Fifa hat einen neuen Präsidenten, einen Schwimmer und Wasserballer aus Brasilien. Er hat neue Ideen, aber er kann sie nicht umsetzen. Interessiert es dich, ihm dabei zu helfen?› Mein Herz schlug höher: eine Stelle bei der Fifa . . .»

1975 wurde Blatter Technischer Direktor der Fifa, 1981 Generalsekretär, und am 8. Juni 1998 erreichte er seinen Höhepunkt, als er in Paris zum neuen Präsidenten gewählt wurde. Kaum war er am Ziel, machte das Gerücht die Runde, er habe seine Wahl gekauft. Er verwahrte sich immer dagegen. Und verglich die Wahl zum Fifa-Obersten mit dem Stammtisch in einem Walliser Dorf. Ob es denn auch Bestechung sei, wenn ein Gemeindepräsident eine Runde Weissen ausgebe, fragte er einmal.

Sein Hinterhof der Macht

Blatter konnte charmieren. Konnte den Entwicklungshelfer spielen. Den Missionar. Er wusste einfach, wie er die Leute für sich einnehmen konnte. Nirgends tat er das besser als in den Ländern, wo viele bedürftige Menschen leben. Er wusste es zu nutzen, dass in Afrika, Asien, in der Karibik oder Südamerika das Monarchistische und Barocke gut ankam. Da baute er sich seinen Hinterhof der Macht auf, der ihn bis zum letzten Freitag fest auf dem Thron hielt.

Er wusste die Annehmlichkeiten des Amtes zu schätzen, die roten Teppiche, die Empfänge im Weissen Haus oder im Vatikan. Es war sein Talent, Obama oder dem Papst zu begegnen wie dem einfachen Walliser, der ihn mit «Sepp» anreden durfte. Er konnte aber auch sehr schnippisch sein, wenn ihm etwas nicht passte. Während einer Reise nach Afrika lästerte er so lange über die Flugbegleitung, weil sie nicht Französisch konnte, bis er ihrem Charme erlag. Das Resultat war, dass er sich auf dem langen Heimflug zufrieden einen Whiskey nach dem anderen servieren liess.

Sepp Blatter war nie langweilig. Das Talent des Conférenciers verliess ihn nie. 40 Jahre war die Fifa seine Leben. Bald ist sie das nicht mehr. Die Frage ist nur noch: Wie kann er ohne sie leben?

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.06.2015, 00:11 Uhr

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