«Die Boykottdrohungen der Europäer kann man vergessen»

Der ehemalige Fifa-Mediendirektor Guido Tognoni sagt, warum Russland und Katar die WM behalten. Und was das Einzige ist, was der Fifa wirklich drohen könnte.

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Nach der Verhaftung von sieben Fifa-Funktionären und dem sich ausweitenden Korruptionssumpf beim Weltfussballverband mehren sich die Stimmen, die eine Neuvergabe der Weltmeisterschaften 2018 und 2022 fordern. Wer wäre dafür zuständig, Russland und Katar den grössten Sportanlass der Welt wieder wegzunehmen?
Bisher war das Exekutivkomitee der Fifa für die Vergabe der Turniere zuständig, in Zukunft wird es der Kongress sein. Aber die Situation, dass der Entzug einer WM wegen Verfehlungen von Fifa-Funktionären zur Debatte steht, hat es noch nie gegeben. Insofern betreten wir juristisches Neuland. Jedenfalls werden sich weder Russland noch Katar die WM wegnehmen lassen. Es kommt doch Putin nicht in den Sinn, das Turnier wieder zurückzugeben, und den Katarern ebenso wenig.

Falls sich erhärtet, dass die Vergabe der beiden Turniere durch Korruption zustande kam, könnte der Druck auf die Fifa so gross werden, dass ihr gar nichts anderes übrig bleibt.
Das ist zwar theoretisch nicht völlig auszuschliessen, aber ich halte es für unwahrscheinlich. In Russland und Katar haben die Vorbereitungen für die WM bereits Milliarden gekostet. Bei einer Neuvergabe des Turniers sähe sich die Fifa deshalb mit milliardenschweren Klagen privater und staatlicher Investoren konfrontiert. Das könnte sie ruinieren, weshalb sie eine Neuvergabe nicht riskieren wird. Ausserdem könnten die beiden Länder mit einem gewissen Recht sagen: Was seid ihr für ein Sauhaufen. Ihr habt korrupte Funktionäre, lasst euch bestechen, wir bekommen die WM und investieren – und dann nehmt ihr sie uns wieder weg. Wenn die Fifa so korrupt ist, dass man ein Turnier nur durch Schmiergeldzahlungen zugesprochen erhält, dann fällt das zunächst einmal auf sie selber zurück. Eine Neuvergabe der Turniere käme für den Verband einem Schuldeingeständnis gleich. Das würde den Skandalisierungseffekt noch verstärken.

Zumindest im Falle von Russland wird auch die Zeit langsam knapp.
Eben. Und hier ergibt sich gleich eine weitere praktische Schwierigkeit: Wenn man das Turnier in Russland stattfinden lässt, leuchtet es nicht ein, weshalb man Katar streichen soll. Es sind dieselben Leute, die am selben Ort und zur selben Zeit die beiden Entscheide gefällt haben. Wenn sie jetzt nur den einen Entscheid wieder umstossen, machen sie sich noch lächerlicher.

Ausser der Fifa gibt es keine juristische Instanz, welche eine Neuausschreibung der Turniere erzwingen könnte?
Theoretisch könnte die amerikanische Justiz derart viele Fifa-Funktionäre festnehmen, dass die Organisation der WM 2018 irgendwann in Gefahr geriete. Dasselbe wäre der Fall, wenn die Fifa zur kriminellen Organisation erklärt würde. Aber das sind Spekulationen, die kaum eintreten werden.

Sepp Blatter könnte versucht sein, seinen ramponierten Ruf wieder aufzubessern, indem er die Turniere neu ausschreiben lässt.
Eine völlig illusorische Vorstellung. Irgendwann ist der Imageschaden zu gross, um ihn noch zu reparieren. Dabei geht es nicht einmal um Schuld oder Unschuld, sondern um die Verantwortung, die man halt irgendwann einmal tragen sollte. Blatter ist jetzt schon so lange dabei und war in so viele Skandale verstrickt, er ist so oft an der Katastrophe vorbeigeschrammt – da schafft er es selbst beim besten Willen nicht mehr, seinen Ruf wiederherzustellen. Mit einer Neuvergabe der WM-Endrunde erst recht nicht.

Wenn Sie entscheiden könnten – würden Sie den beiden Ländern die WM entziehen?
Nein, ich würde es lassen, wie es ist. Es wird nicht besser, wenn man die Turniere nochmals ausschreibt. Und es kommt noch etwas anderes hinzu: Die Amerikaner unterhalten in Katar eine der wichtigsten Militärbasen im Nahen Osten. Ich bezweifle sehr, dass es sich die US-Regierung nur wegen des Fussballs mit den Katarern verderben und sich in der arabischen Welt neue Feinde schaffen will. Bei allem Verständnis für die Empörung über den Fifa-Korruptionssumpf muss man auch pragmatisch denken.

Es gibt auch Boykottdrohungen, insbesondere von europäischen Fussballfunktionären. Was ist davon zu halten?
Das können Sie vergessen, die sind nicht ernst zu nehmen. Das Einzige, was der Fifa drohen könnte, ist, dass sich die amerikanischen Sponsoren unter dem Druck der Justiz oder aus politischer Korrektheit zurückziehen. Das würde unkalkulierbaren finanziellen Schaden anrichten.

Nehmen wir an, Deutschland und drei oder vier andere europäische Länder gehen 2018 nicht nach Russland. Ist dann die WM für Sponsoren und Fernsehsender noch attraktiv?
Nein, dann würde tatsächlich vieles zusammenkrachen. Aber dass Deutschland darauf verzichtet, seinen Titel zu verteidigen, ist aus sportlichen und kommerziellen Gründen undenkbar. Ich finde es ohnehin falsch, vom Sport aus Rücksicht auf die Menschenrechte oder als Reaktion auf Korruptionsfälle Dinge zu fordern, die man von der Wirtschaft niemals verlangen würde.

Sie haben die Fifa vorhin als Sauladen bezeichnet, waren aber von 1984 bis 1995 deren Angestellter und dann nochmals von 2001 bis 2003 deren Marketingdirektor. Haben Sie nie etwas bemerkt?
Doch, ich habe es 2001 bemerkt, als ich mich bei der Fifa mit dem Konkurs der Marketingfirma ISL auseinanderzusetzen hatte. Damals merkte man, dass nicht irgendwelche Trinkgelder, sondern riesige Summen an Schmiergeldern verschoben worden sind. Zuvor war die Sensibilität noch gering. Es ist vergleichbar mit den Banken, die noch bis vor kurzem machen konnten, was sie wollten. Der Korruptionssumpf bei der Fifa ist 2001 offengelegt worden, und zwei Jahre später hat man mich entlassen.

Sie haben sich also nichts vorzuwerfen?
Nein. Ich war dort, um der Fifa beim Kollaps von ISL zu helfen und Sepp Blatters Wiederwahl 2002 zu ermöglichen. Nachher hat mir Blatter den Laufpass gegeben.

Erstellt: 01.06.2015, 16:03 Uhr

Guido Tognoni arbeitete 15 Jahre an den Schreibtischen der Fifa und Uefa. Heute schreibt er u.a. für den Fussball-Blog Nachspielzeit auf Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Foto: TA

Pablo Escobar verhinderte WM in Kolumbien

Schon vor der Verhaftung der sieben Fifa-Funktionäre im Zürcher Hotel Baur au Lac gab es Forderungen, Russland und Katar die Fussballweltmeisterschaften 2018 und 2022 wieder wegzunehmen. Im Falle Russlands begründeten die Kritiker ihr Ansinnen, indem sie auf die autoritäre Haltung des russischen Präsidenten Wladimir Putin, auf Menschenrechtsverletzungen, die Annexion der Krim und die militärische Unterstützung prorussischer Separatisten in der ukrainischen Region Donbass hinwiesen. Zu den Gegnern einer WM in Russland gehören der Vizepräsident der Grünen im Europaparlament, Daniel Cohn-Bendit, sowie die grüne Bundestagsfraktion – aber auch der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Fraktion Michael Fuchs oder der CSU-Politiker Stephan Mayer: «Sollte Präsident Putin die Krise weiter anheizen, darf es kein Tabu mehr sein, Russland die WM zu entziehen», sagte Mayer vor einem knappen Jahr. Kürzlich forderten 13 amerikanische Senatoren der republikanischen und der demokratischen Partei den Fifa-Präsidenten Sepp Blatter dazu auf, Putin das «Privileg» der WM-Austragung zu verwehren. Man müsse verhindern, dass der russische Präsident den Grossanlass für politische Propaganda missbrauche. Die Verhaftung der sieben Fifa-Funktionäre hat Putin seinerseits als Versuch der USA und westeuropäischer Länder bezeichnet, seinem Land die WM wieder wegzunehmen.

Im Falle von Katar weisen die Gegner auf die prekäre Situation der vorwiegend nepalesischen Gastarbeiter hin. Schon mehr als vierzig sind beim Bau der Stadien tödlich verunglückt. Amnesty International kam in einem am 17. November 2013 publizierten Bericht zum Schluss, dass Gastarbeiter im Baugewerbe des Wüstenlandes systematisch ausgebeutet und häufig als Zwangsarbeiter missbraucht werden. Die Kritiker weisen auch auf andere Menschenrechtsverletzungen, auf die Verfolgung Homosexueller sowie auf die exorbitante Hitze und die mangelnde Fussballtradition Katars hin. Für eine Neuausschreibung der WM 2022 haben sich etwa der Schweizerische und der deutsche Gewerkschaftsbund, der ehemalige Präsident des deutschen Fussballverbandes Theo Zwanziger sowie David Bernstein, der frühere Chef des englischen Fussballverbandes, ausgesprochen.

Bisher ist es in der Geschichte der Fifa erst einmal geschehen, dass eine WM in einem anderen Land ausgetragen wurde, als es ursprünglich geplant war. 1974 bestimmte die Fifa Kolumbien als Gastgeber der WM 1986. Es stellte sich jedoch heraus, dass das südamerikanische Land aus finanziellen und politischen Gründen ausserstande war, die Auflagen des Weltfussballverbandes zu erfüllen. Das von Pablo Escobar angeführte Kokainkartell von Medellín und die marxistische Farc-Guerilla liessen in den 1980er-Jahren befürchten, Kolumbien könnte als gescheiterter Staat enden. Als Ersatzgastgeber wählte die Fifa Mexiko. Laut Justino Campeán, bis vor kurzem Präsident des mexikanischen Fussballverbandes, wäre Mexiko durchaus bereit, erneut in die Bresche zu springen und anstelle Katars die Fussball-WM 2022 zu organisieren. (ben)

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