«Es gibt mehr Bestechungsfälle, als manche denken»

Korruptionsexperte Lukas Fischer sagt, dass hierzulande verdeckter bestochen werde als anderswo. Doch damit sei nichts über das Ausmass gesagt.

«Es drohen Reputationsverlust und hohe Kosten allfälliger Verfahren»: Korruptionsexperte Lukas Fischer.

«Es drohen Reputationsverlust und hohe Kosten allfälliger Verfahren»: Korruptionsexperte Lukas Fischer. Bild: Walter Bieri/Keystone

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Sie werden gerufen, wenn ein Unternehmen ein Wirtschaftsdelikt aufarbeiten will. Wie verbreitet ist Korruption in der Schweiz?
Korruption ist verbreitet. Aber sie geschieht nicht so offensichtlich wie in anderen Ländern, sondern verdeckt. Im Rahmen einer Studie der Hochschule Chur wurden über 500 international tätige Schweizer KMU befragt. Jedes fünfte Unternehmen gab an, dass es für gewisse Geschäfte informelle Zahlungen leisten muss. Auch im Schweizer Binnenmarkt gibt es mehr Bestechungsfälle, als manche denken. Die meisten Fälle werden aber nicht publik.

Weshalb gelingt es, die Fälle unter dem Deckel zu halten?
Weder der Bestochene noch der Be­stechende noch die involvierten Unternehmen haben ein Interesse an öffentlicher Aufmerksamkeit. Es drohen Reputationsverlust und hohe Kosten allfälliger Verfahren. Privatbestechung ist im heutigen Recht ein Antragsdelikt, und meist fehlt eine natürliche oder juristische Person, die von einer Anzeige wirklich profitieren würde.

Um welche Summen geht es in den Fällen, die Sie kennen?
Es gibt alles. Um die Entscheidung einer bestimmten Person zu beeinflussen, spielt manchmal der Wert einer Zuwendung gar keine so grosse Rolle. Auch ein Reisegutschein für die ganze Familie oder eine exklusive Einladung können eine grosse Wirkung zeigen. Es gibt aber auch Fälle, wo enorme Summen fliessen, insbesondere bei Grossfirmen.

Gibt es ein Profil von Bestechern und Bestochenen? Aus welchen Motiven handeln sie?
Bestecher wollen in erster Linie den Deal sichern. Häufig begünstigen unternehmerische Bonussysteme korruptes Verhalten. Die Erfüllung der Zielvorgaben führt nicht nur zu höheren Boni und Gehältern, sie stärkt auch das Ansehen im Unternehmen und in der Gesellschaft. Die Bestochenen hingegen nutzen ihre Machtposition aus und wollen sich primär bereichern oder verwöhnen lassen.

Auf welcher Hierarchiestufe ist Korruption anzutreffen?
Sie ist auf allen Stufen zu finden. Besonders häufig sind das mittlere Management und Mitarbeitende in Schlüsselpositionen involviert. Diese beiden Gruppen haben typischerweise direkten Kontakt zu den Bestochenen und nutzen ihre Sonderstellung, Spezialkenntnisse und die Schwachstellen im internen Kontrollsystem schamlos aus.

Gibt es Branchen, die besonders anfällig sind für Korruption?
Kaum eine Branche ist dagegen gefeit. Einzelne stehen aber immer wieder im Fokus: Die Baubranche, die Pharmaindustrie, die Transportbranche, die Strom- und Energiebranche oder der Gesundheitsbereich sind Beispiele. Und natürlich die IT-Branche, wie Fälle der jüngsten Vergangenheit zeigen. Sehr oft sind auch öffentliche Stellen involviert.

Wie gehen Sie im konkreten Fall vor?
Korruptionsfälle zu untersuchen, ist schwieriger als übrige Wirtschaftsdelikte. Es sind immer mehrere Unternehmen oder Organisationen betroffen, und man weiss nicht genau, wer alles in die Machenschaften verwickelt ist. Wir müssen bei den Ermittlungen also sehr vorsichtig vorgehen und den Kreis der potenziellen Täter möglichst rasch einschränken. Bestechung wird meist durch anonyme Informanten aufgedeckt, die zunächst ihre Beobachtungen oder Gerüchte weitergeben. In den Büchern der Gesellschaft sind die Spuren selten erkennbar. Beweise finden sich hingegen oft im E-Mail- oder SMS-Verkehr oder in Social-Media-Einträgen.

In einer Umfrage stellten Sie fest, dass ein Drittel der Mitarbeiter, die auf Missstände stossen, diese nicht weitermelden. Weshalb die Zurückhaltung?
Die meisten fürchten Konsequenzen wie Jobverlust, Repressalien und die schlechte Aussicht auf eine neue Stelle, weil sie fortan als Denunzianten gelten könnten. Viele wissen nicht, an wen sie eine Meldung richten können. Manchmal sind die Mitarbeiter auch ganz einfach gleichgültig, getreu dem Motto: Ich bin nicht der Einzige, der weiss, was abgeht, sollen sich doch andere exponieren.

Das heisst, das Parlament müsste beim Schutz von Whistleblowern vorwärtsmachen, um Korruption wirksam zu bekämpfen?
Absolut. Die Verschärfung des Korruptionsstrafrechts bringt insbesondere dann etwas, wenn gleichzeitig der Schutz von Hinweisgebern verbessert wird. Denn ohne diesen Schutz bleiben die meisten Fälle wohl weiterhin unentdeckt.

In Korruptionsratings schneidet die Schweiz jeweils gut ab. Zu Recht?
In diesen Ratings geht es um einen Wahrnehmungsindex. Dass wir in der Schweiz das Gefühl haben, die Geschäftswelt sei weniger korrupt als anderswo, heisst aber nicht, dass dies tatsächlich so ist.

Erstellt: 03.06.2015, 19:30 Uhr

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Lukas Fischer

Gründer und Geschäftsleiter der 4N6 Factory GmbH, eines Beratungsunternehmens, das auf die Untersuchung und Prävention von Wirtschaftsdelikten spezialisiert ist.

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