Fifa-Operation wird lang und beschwerlich

Die Schweizer Justiz kooperiert in ihrem spektakulärsten Fall enger mit den USA als bekannt. Auf die Ermittler warten grosse Herausforderungen.

Hat der Schweiz Informationen zur Verfügung gestellt: US-Justizministerin Loretta Lynch.

Hat der Schweiz Informationen zur Verfügung gestellt: US-Justizministerin Loretta Lynch.

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Der junge Charles Darwin umsegelte die Welt, ehe er zu einem der berühmtesten Naturforscher wurde und die Evolutionstheorie niederschrieb. Fünf Jahre dauerte die Schiffsreise des Briten. Ein halbes Jahrzehnt dürfte der Bundesanwaltschaft kaum reichen, um ihr Prestigeverfahren zu bewältigen, das sie vor kurzem unter dem Codenamen Darwin eröffnet hat. So zumindest verlautet es aus der Fifa. Denn nicht nur die Vorwürfe – «Unregelmässigkeiten» bei WM-Vergaben – sind gigantisch, sondern auch die Datenmengen, welche die schweizerische Justiz zu bewältigen hat.

Der Weltfussballverband hat mit seiner Anzeige gegen unbekannt im November 2014 die Darwin-Untersuchung ausgelöst. Hinzu kamen allerdings Hinweise aus den Vereinigten Staaten: US-Justizministerin Loretta Lynch verriet diese Woche in einem Interview, man habe der Schweizer Strafverfolgung Informationen zur Vergabe der Weltmeisterschaften 2018 und 2022 zur Verfügung gestellt. Die Bundesanwaltschaft bestätigt dies auf Anfrage, dass sie auf dem Rechtshilfeweg Unterlagen erhalten hat. Die Arbeitsteilung ist abgesprochen: Die schweizerischen Ermittler interessieren sich für die WM-Turniere in Russland und Katar, während sich die US-Justiz auch mit vergangenen Weltmeisterschaften auseinandersetzt.

Gesamtbundesrat wusste nichts

Den vergangenen Winter nutzte man in Bern für eine Voranalyse. In einer Task­force hatte die Bundesanwaltschaft Wirtschaftsjuristen, Informatiker, Finanzanalysten und Polizisten zusammengezogen. Bundesanwalt Michael Lauber und einer seiner Stellvertreter begleiteten deren Arbeit eng. Der unter Verschluss gehaltene Untersuchungsbericht des Fifa-Sonderermittlers Michael Garcia wurde auseinandergenommen.

Die Taskforce kam zum Schluss: Der Verdacht auf ungetreue Geschäftsbesorgung und Geldwäscherei ist erhärtet genug. Am 10. März wurde ein Strafverfahren gegen unbekannt eröffnet.

Die US-Justiz war aber nicht nur daran interessiert, das schweizerische Darwin-Verfahren zu unterstützen. Sie selber hat den Weltfussballverband seit Jahren im Visier. Ihr geht es um quasi-mafiöse Verdachtsmomente aus mehr als zwei Jahrzehnten: Verbandsvertreter aus Lateinamerika, der Karibik und den USA liessen sich angeblich von Sportartikelherstellern und TV-Rechte-Vermarktern mit über 100 Millionen Dollar schmieren. Von den Verdächtigen, für die die Unschuldsvermutung gilt, liessen sich vergangene Woche vor dem Fifa-Kongress in Zürich sieben auf einen Streich festnehmen.

Die Amerikaner hatten ihr Interesse an der Verhaftungsaktion frühzeitig angemeldet. Dies geschah über die «Zentralstelle USA» beim Bundesamt für Justiz, das für Rechtshilfe zuständig ist. Die Brisanz des Begehrens aus Washington war unschwer zu erkennen. Und so wurde Justizministerin Simonetta Sommaruga eingeschaltet. Der Gesamtbundesrat wurde aber nicht informiert.

Um das Vorgehen zu koordinieren, waren Vertreter der US-Justiz in die Schweiz gereist. Es kam zu einer geheimen Sitzung mit Vertretern von Polizei, Bundesanwaltschaft und aus dem Bundesamt für Justiz. Eine entscheidende Frage war: Würde die Schweiz die Fussballfunktionäre überhaupt ausliefern? Im Justizdepartement wollte man auf Nummer sicher gehen. Fachleute für Auslieferungsrecht bekamen die Fälle in anonymisierter Form vorgelegt. Bald konnte man den USA eine Rückmeldung geben. Sie lautete: Yes.

Am 21. Mai trafen die Auslieferungsanträge des Department of Justice in Bern ein. Nur einen Tag später unterzeichnete die zuständige Vizedirektorin im Bundesamt für Justiz die Haftbefehle. Fünf Tage später sollte es so weit sein.

Die Zürcher Hotelkontrolle

Zürcher Hotels müssen der Kantonspolizei elektronisch melden, wer bei ihnen nächtigt. Dank der sogenannten Hotelkontrolle sahen die Ermittler, dass die Gesuchten auch tatsächlich im Baur au Lac abgestiegen waren. Sie konnten verhaftet werden und wurden auf sieben Gefängnisse im Kanton Zürich verteilt und von Polizisten und Übersetzern identisch befragt: ob sie die gesuchte Person seien. In welcher Beziehung sie zur USA stünden. Ob sie ihre Botschaft kontaktieren wollten. Ob es gesundheitliche Probleme gebe. Und ob sie einer sofortigen Auslieferung zustimmten. Auf die letzte Frage antworteten alle, zum Teil zögerlich, mit nein.

Doch die Auslieferungen dürften sich kaum abwenden lassen. Entscheidend wird die Frage sein, ob die Vorwürfe der USA in der Schweiz ebenfalls strafbar wären. Dies ist vermutlich der Fall. Zwar greift das verschärfte schweizerische Korruptionsstrafrecht noch nicht (der Ständerat hat es erst diese Woche diskutiert). Aber Bestechung in der Privatwirtschaft ist bereits im Gesetz über den unlauteren Wettbewerb geregelt.

Weniger sicher sind sich Juristen, ob es die Bundesanwaltschaft in ihrem eigenen Darwin-Fall dereinst zu Verurteilungen bringt. Wegen ungetreuer Geschäftsführung kann nur bestraft werden, wer Geschäfte einer Schweizer Organisation führt und über die Finanzen mitbestimmt. Doch taten dies Mitglieder des Fifa-Exekutivkomitees, gegen die immer wieder Korruptionsvorwürfe laut wurden? Das Gremium ist vor allem dafür da, WM-Austragungsorte zu bestimmen.

Jedenfalls beschlagnahmte die Bundesanwaltschaft parallel zu der Verhaftungsaktion am Fifa-Sitz auf dem Zürichberg zwei Terabyte Computerinformationen. Besonderes Interesse zeigten die Ermittler gemäss einem Fifa-Mann an Lizenzverträgen des Verbands. 15'000 Einzelverträge sollen den Korruptionsspezialisten in Bern jetzt vorliegen – Material, in dem man sich verlieren kann, wenn man nicht genau weiss, was man sucht. Der Bundesanwaltschaft liegen aber bereits Angaben über verdächtige Bewegungen auf Bankkonten vor.

Doch wie sagte Darwin? «Im Zustand der Anarchie, des Despotismus oder einer schlechten Regierung wird Gewalt, Strenge oder Wildheit und nicht der Intellekt leicht den Sieg erringen.»

Erstellt: 05.06.2015, 23:16 Uhr

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