Plötzlich Wolken über dem Fest von 1998

Frankreich soll die WM-Vergabe gekauft haben, so der neuste Vorwurf. Wie die Grande Nation darauf reagiert.

Das Bild der Freude erhält Risse: Französische Spieler feiern den WM-Titel im Sommer 1998.

Das Bild der Freude erhält Risse: Französische Spieler feiern den WM-Titel im Sommer 1998. Bild: Keystone

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Michel Platini bewegt sich auf der Bühne wie auf dem Fussballfeld. Lässig, immer charmant, gut gelaunt. Er versteht es, Menschen für sich einzunehmen. Und die Franzosen sind weit davon entfernt, ihn von seinem Podest zu stossen. Während ausländische Beobachter raunen, dass unter Platini die «Blatterisierung» der Uefa vorangeschritten sei, haben zahlreiche Vertreter der französischen Fussballwelt gestern nur den Namen Platinis im Mund geführt, wenn es um die Blatter-Nachfolge an der Fifa-Spitze ging.

Die Franzosen wollen sich das Fest von 1998 nicht mit vagen Anschuldigungen vermasseln lassen. Genauer, die Aussagen Chuck Blazers lassen sie kalt, weil «an keiner Stelle des Protokolls Frankreich» zitiert oder von Blazer beschuldigt werde, schreibt die Fussballzeitschrift «L'Equipe» und führt weiter aus: «In einem anderen Dokument, das ebenfalls am Mittwoch veröffentlicht wurde, hat Blazer gegenüber den amerikanischen Justizbehörden präzisiert, dass das marokkanische Komitee ihn für die Kandidatur zusammen mit dem Komplizen No. 1 eingeladen habe.» «L'Equipe» zitiert dann aus diesem Dokument, wonach Blazer ausgesagt habe, dabei gewesen zu sein, als seinem Komplizen von den Marokkanern Schmiergeld angeboten worden sei, das er in seinem Beisein angenommen habe.

Im Zweifel für den Angeklagten

Auch die Onlineplattform «Slate» sieht das so: «Beim derzeitigen Informationsstand (und in diesem Fall sind wir gegen Überraschungen nicht gefeit) beruht dieser Schluss (dass Frankreich für die Ausrichtung der WM Geld bezahlt habe, Anm. der Redaktion) auf einer eher oberflächlichen Lektüre der Akte.» «Was sagte Chuck Blazer genau?», fragt «Slate». Und antwortet: «Nirgendwo steht, dass Frankreich Schmiergelder gezahlt hat: zwei andere Länder waren 1998 Kandidaten.» Die Schweiz, die wegen des Zustands ihrer Stadien ausschied, und Marokko.

Auch die marokkanische Website «Medias 24» lässt keinen Zweifel: Blazer habe vor den New Yorker Richtern erklärt, «dass Marokko bei der Bewerbung um die Fussballweltmeisterschaft Schmiergeldzahlungen geleistet hat». Tatsächlich taucht der Name Frankreichs nur ein einziges Mal in den Aussagen Blazers aus. Der bereits für Korruption verurteilte Jack Warner aus Trinidad, damals Chef der Concacaf, hatte Michel Platini und Fernand Sastre im Rahmen der Kandidatur Frankreichs bei einem Abendessen getroffen. «Er bat uns, dass Frankreich in Trinidad ein Vorbereitungsspiel machen könne, aber er hat in keinem Augenblick Geld verlangt», erwidert Platini.

Platinis Geständnis zum Weltcup 2022

Ist Platini deshalb ein Tugendmodell? Nicht ganz, antwortet die Tageszeitung «Le Monde» auf diese Frage und erinnert daran, dass eine Woche vor der Abstimmung für den Weltcup 2022 Platini, Nicolas Sarkozy, der Emir von Katar und sein Premierminister gemeinsam zu Mittag gegessen haben. Platini gestand, für die Kandidatur von Katar gestimmt zu haben, und begründete das als «eine vollständig unabhängige Entscheidung, die einer einfachen Logik gehorcht: die Öffnung Ländern gegenüber, die noch kein grosses Sportevent organisiert haben». Bleibt allerdings ein Schatten: Im Januar 2012 übernimmt Platinis Sohn Laurent die juristische Leitung eines Investmentfonds, der ein Jahr zuvor den Club Paris Saint-Germain gekauft hat. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.06.2015, 13:07 Uhr

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