Dem Untergang geweiht

Die Fifa hat so grosse strukturelle und personelle Probleme, dass sie in dieser Form keine Glaubwürdigkeit mehr finden kann. Dafür bräuchte sie schon eine Lichtgestalt.

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Sepp Blatter ist wie Kapitän Ahab. Er hat den Ruf verloren, Ahab ein Bein, Blatter kann von der Fifa trotzdem so wenig loslassen wie Ahab von Moby Dick. Blatter aber existiert nicht ohne Verband, Ahab nicht ohne seine Jagd auf Moby Dick, den weissen Wal.

Blatter ist es zu wenig, ein Kapitän zu sein. Er bevorzugt «Monsieur le Président», hört gerne «Seine Exzellenz» und liebt das Monarchische. JSB steht auf den Hemden des Mannes gestickt, der aus einem Verband einen Weltkonzern gemacht hat, aus der Fédération Internationale de Football Association ein Symbol für viel Macht und Geld, für Machtmissbrauch und in dunklen Kanälen abgeflossene Millionen – ein Symbol auch für Korruption und ein kaputtes Lebenswerk.

Blatter ist es zu wenig, ein Kapitän zu sein. Er bevorzugt «Monsieur le Président», hört gerne «Seine Exzellenz».

Am 29. Mai rief der 79-jährige ­Walliser noch ins Hallenstadion: «Let’s go Fifa! Mir geht es gut. Ich mag Sie. Ich mag die Fifa.» Dazu schwang er ­kampfeslustig die Faust. Er hatte gerade die Präsidentenwahl gegen den jordanischen Prinzen Ali bin al-Hussein gewonnen.

Vier Abende später stellte er sein Amt zur Verfügung, weil die Ereignisse vom 27. Mai nun selbst ihn eingeholt hatten, als hohe Fifa-Funktionäre auf Betreiben der US-Justiz im Zürcher Baur au Lac verhaftet worden waren. Und seither ist er nur noch ein Gefangener im eigenen Haus. Und scheint die Fifa dem Untergang geweiht wie Ahabs Schiff Pequod.

Die drei Möglichkeiten

Fussball wird weiter gespielt, darum geht es nicht. Es geht jetzt um die Fifa als Institution, als Organisation. Es geht um zentrale Fragen: Ist diese Fifa überhaupt noch zu retten? Und wie kann sie wieder glaubwürdig werden?

Die eine Möglichkeit: mit einer Unternehmensreform, mit guter Unternehmensführung, der Corporate Governance, mit den Strukturen einer Aktiengesellschaft, wie sie zu einer milliardenschweren Firma gehören.

Die andere: mit einem neuen ­Präsidenten, der wirklich für Glaubwürdigkeit steht.

Und die dritte: alles niederreissen und auf einer grünen Wiese neu ­aufbauen.

Es geht um zentrale Fragen: Ist diese Fifa überhaupt noch zu retten? Und wie kann sie wieder glaubwürdig werden?

Von Transparenz wird schon länger geredet, von einer Integritätsprüfung neuer Führungsfunktionäre, von Offenlegung der Löhne, Amtszeit- und Altersbeschränkung, von der Entmachtung des Exekutivkomitees, das in einen Aufsichtsrat und eine Geschäftsführung aufgeteilt werden soll.

Die Fifa hat deshalb jüngst wieder einmal eine Reformgruppe eingesetzt, in der unter der Leitung von François Carrard Leute mitdiskutieren, die keine Freunde der Reform sind. Domenico Scala, als Leiter der Audit-und-­Compliance-Kommission der Fifa eine Art Aufpasser über den Weltverband, hat sich vor gut zwei Wochen mit eigenen Plänen zu profilieren versucht. Vieles davon hatte schon der Basler Strafrechtsprofessor Mark Pieth vor vier Jahren vorgebracht, als er den zeitweiligen Reformversuch anging, den er zwei Jahre später eher ernüchtert wieder beendete.

Und dann ist da noch Blatter selbst, der seit seiner Rückzugsankündigung im Fifa-Sitz ausharrt und ihn bis zur Neuwahl am kommenden 26. Februar nicht verlassen will, um selbst weiter an der Neuausrichtung zu arbeiten. Dass er glaubt, er könnte in ein paar ­Wochen noch verändern, was ihn über Jahrzehnte nicht interessiert hat, passt zu ihm und seinem Denken.

Die Tatsache, dass jedem der 209 Mitgliedsverbände ein Platz in irgendeiner Kommission der Fifa zusteht, verleiht ihnen Bedeutung.

Ohne Machtverblendung und stetem Gerede, auf einer Mission zu sein, wäre er wie einst versprochen vor vier Jahren zurückgetreten. Die Schmach dieser Tage und die vor einer Woche eröffnete Strafverfolgung durch die Bundesanwaltschaft wären ihm erspart geblieben. Dann müsste er jetzt nicht, umgeben von seinen letzten Hof­narren, kraftlos und fremdbestimmt bis zum bitteren Ende ausharren. Ohne zu wissen, wie das genau aussieht.

Die Fifa gründet auf einem basis­demokratischen Modell, wonach jedes Land eine Stimme hat, Guam genauso wie die USA oder Tonga wie Deutschland. Blatter hat es verherrlicht, weil es ihm dank der vielen Sandstreifen dieser Welt seine Position 17 Jahre lang komfortabel gesichert hat. Den Kleinen hat es das Gefühl von Macht gegeben, und die Tatsache, dass jedem der 209 Mitgliedsverbände ein Platz in irgendeiner Kommission der Fifa zusteht, verleiht ihnen zusätzliche Bedeutung. Dann kommen noch die 250'000 Dollar ins Spiel, die jedem Verband jährlich von der Fifa zustehen.

Wer schafft sich selbst ab?

Für England ist dieser Betrag nichts, für Leute wie Lee Harmon als Präsident der Cook-Inseln sehr viel. Vor Blatters letzter Wahl sagte er: «Wie viel Geld erhielt ein Verband von der Fifa, bevor Blatter Präsident wurde? Null. Ist das genug, um zu wissen, wieso wir für Blatter stimmen?»

Wo es um die Fifa geht, geht es auch um grundverschiedene Kulturen und Denkweisen. In Afrika sind die moralisch-ethischen Vorstellungen anders als in der Schweiz, in Nordkorea anders als in Nordamerika. Nicht überall wird Korruption so wahrgenommen wie in Skandinavien. In vielleicht 160 Ländern gehört Bestechung oder Bestechlichkeit in irgendeiner Form zum System. Und werden Zahlungen von 2 Millionen Franken von Blatter an seinen früheren Verbündeten Michel Platini, wie sie jetzt bekannt geworden sind, nicht als etwas Unehrenhaftes wahrgenommen.

Für grundsätzliche Veränderungen braucht es ein Dreiviertelmehr. Wer verzichtet da auf seine Stimmkraft, auf seine Privilegien? Wer verzichtet freiwillig auf Posten?

In all dem liegt noch ein Problem bei der Neugestaltung der Fifa: Nichts geht ohne den Kongress der 209 Verbände. Für grundsätzliche Veränderungen braucht es ein Dreiviertelmehr. Wer verzichtet da auf seine Stimmkraft, auf seine Privilegien? Wer verzichtet freiwillig auf Posten in Führung, Administration und Kommissionen? Wer sagt Lee Harmon, er müsse denken wie DFB-Präsident Wolfgang Niersbach? Wer ist schon bereit, aus der Illusion eine Vision zu machen und die Fifa von Grund auf neu aufzubauen? Wer also schafft sich selbst ab?

Dabei müsste sich die Fifa dringend verändern, dringend neue Strukturen geben, und noch weiss keiner, was im Zusammenhang mit den Untersuchungen besonders der US-Justiz konkret auf sie zukommen wird. Aber das dauert. Und bis dahin wäre es zumindest einmal gut, wenn die Fifa einen neuen Präsidenten bekäme, der ihr all das verleiht, was ihr jetzt fehlt, der nicht nur von Ethik und Fairplay schwadroniert, wie Blatter das tut, sondern auch dafür steht.

Auf den ersten Blick sollte es einfacher sein, einen fähigen Präsidenten zu finden, als einen ganzen Kongress zum Umdenken zu bewegen. Auf den zweiten zeigt sich, wie schwierig das ist, eine Lichtgestalt auszumachen, welche die Fifa mehr bräuchte als alles andere. Eine, wie sie Papst Franziskus mit seiner Verkörperung von Bescheidenheit für die katholische Kirche ist.

Die Doppelmoral

Bislang haben sich nur Vertreter der hohlen Parolen («Transparenz und Reform») als Kandidaten ausgerufen, Leute wie Michel Platini, Chung Mong-joon und Prinz Ali. Platini? Er ist nach 13 Jahren in der Fifa-Exekutive nur Teil des Systems Blatter. Chung? Ebenso mit seiner langen Vergangenheit im Weltverband. Und Ali?

Zu ihm, zum Prinzen, gibt es diese Episode. Im Frühjahr erhielt ein Clubvertreter den Anruf eines Jordaniers, der ihn fragte, ob er denn den Präsidenten seines nationalen Verbandes nicht überzeugen könne, für Ali zu stimmen. «Der Prinz will die Fifa, den Fussball säubern», versprach der Mann. Und beendete das Telefonat nicht ohne vieldeutigen Hinweis: «Wir könnten ihnen dann helfen.» So ist das offenbar da und dort mit der Doppelmoral: ohne Geld keine Offenheit.

Franziskus dagegen steht für den Fussball leider nicht zur Verfügung. Er hat mit seiner Kirche genug zu tun.

Ahab wird in Herman Melvilles Roman übrigens von Moby Dick in den Untergang gerissen. Blatter ergeht es mit der Fifa nicht viel anders.

Erstellt: 01.10.2015, 00:01 Uhr

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