Humor à la Blatter

Der alte Fifa-Präsident verspricht in seinem Buch Anekdoten und Fakten. Wer allerdings die grossen Enthüllungen erwartet, wird enttäuscht oder ist selbst schuld.

Mann mit Panamahut – Kuh mit Glocke: Sepp Blatter in seinem Heimatort Ulrichen. Foto: Laurent Gillieron (Keystone)

Mann mit Panamahut – Kuh mit Glocke: Sepp Blatter in seinem Heimatort Ulrichen. Foto: Laurent Gillieron (Keystone)

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«Und etwas ganz Wichtiges darf nicht zu kurz kommen», schreibt Sepp Blatter im Vorwort des Buchs, «die Freude am ­Leben und eine Prise Humor.»

Heute wird es an dem Ort vorgestellt, wo Sepp Blatter schon immer gerne Hof gehalten und getafelt hat, im Sonnenberg, dem Restaurant mit 3-Sterne-Preisen. 38 Franken kostet hier die ­Entenleber oder 37 Franken das Siedfleisch. Ähnlich viel, 39 Franken, kostet das Werk von und über Blatter. Nach der Lektüre der 308 Seiten fragt sich, was mehr wert ist: Essen oder Buch?

«Sepp Blatter – Mission & Passion» steht auf dem Cover, wo Blatter so ausgeleuchtet ist, dass sein graues Haar an einen Heiligenschein erinnert. Der Held der Geschichte verspricht persönliche Anekdoten und Geschichten zum Fussball und vor allem Fakten, die «es jedem Leser ermöglichen sollen, sich selber ein Bild zu machen». Ein Bild von ihm, von seinen 41 Jahren bei der Fifa, von seinem tumultuösen Abgang.

Wer sich von Blatters Buch grosse Enthüllungen oder Erkenntnisse erhofft, ist selbst schuld. Blatter glückt in Zusammenarbeit mit Autor Thomas Renggli in erster Linie eine Bestätigung: dass er ­lieber ausblendet als ausleuchtet. Der Umgang mit Kritik hat nie wirklich zu ­seinen Stärken gehört. Es wäre auch ­vermessen, zu erwarten, dass sich ein 80-Jähriger auf einmal einsichtig zeigt.

«Einfach schubladisiert»

14 491 Tage war Blatter bei der Fifa, vom 10. Februar 1975 bis zum 26. Februar 2016, vom Anfang als Direktor der Entwicklungsarbeit bis zu dem Tag, als er «einfach schubladisiert» (Blatter) und Gianni Infantino zu seinem Nachfolger gewählt wurde.

Blatter erzählt nun nochmals von dem Tag, als er sich dem damaligen Fifa-­Generalsekretär Helmut Käser vorstellte – von jenem Abend im Januar 1975, als der Nebel über Zürich lag, er an die Tür klopfte, zuerst das Bellen eines Hundes hörte und sich an den Sherlock-Holmes-Krimi «Der Hund von Baskerville» erinnert fühlte. Und danach wird gefeiert, zumindest zwischen den Buchdeckeln: sein Aufstieg vom «ungeliebten Quereinsteiger» zum «bewunderten Obmann» der Fifa, zum «Botschafter des Fussballs» und «Vermittler für soziale ­Gerechtigkeit». Eine Nummer kleiner geht es bei Blatter nicht. Darum werden gern ­Zitate von Einstein oder Aristoteles eingestreut, aus der Bibel, wonach der Prophet nirgends weniger gelte als im eigenen Land, oder auch von Oscar Wilde: «Die Anzahl unserer Neider ­bestätigt unsere Fähigkeiten.»

Die Verschwörungstheorie

308 Seiten reichen Blatter, um sich der Verschwörungstheorie hinzugeben und sich als Opfer eines «von der amerikanischen Justiz gesteuerten Komplotts» zu inszenieren. Um zu schildern, wie wenig es die USA verkraftet hätten, dass die WM 2022 nicht an sie gegangen war, sondern an Katar; wie sie Michel Platini als Fifa-Präsidenten verhindern wollten, weil er sich für Katar ausgesprochen hatte; und wie sie darum die von ihm, Blatter, autorisierte Zahlung von 2 Millionen Franken an Platini zum Anlass für seine Entmachtung genommen hätten.

Wir lernen: Alle sind die Bösen, nur Blatter ist der Gute. Wir lernen, dass er eine fehlende Anhörung vor der Fifa-Ethikkommission als «Verstoss gegen die Menschenrechte» betrachtet. Wir lernen zudem, dass sich eine WM gar nicht kaufen lässt, sondern dass die Vergabe das Resultat von politischem Lobbying ist (als würde das eine das andere ausschliessen). Wir lernen zudem, dass der Verdacht, sich die Präsidentenwahl von 1998 mit Stimmenkauf gesichert zu ­haben, haltlos ist. Und Blatter will dafür den Beweis liefern: Er habe ja gar nicht im Hotel der Verbandsdelegierten gewohnt. Ein solcher Beweis erschlägt einen mehr, als dass er schlagend ist.

So ist das in diesem Buch, in dem mit Marco Blatter einer seiner Brüder behauptet: «Sepp ist oft zu naiv. Er glaubt immer an das Gute im Menschen.» Und in dem der sagt, das Bild vom berechnenden Machtmenschen Sepp Blatter sei falsch; und der Sepp sei keiner, der Leute ausboote. 116 Seiten später sagt Blatter selbst: «So ist es als Präsident praktisch unmöglich, innerhalb der Fifa echte Freunde zu haben. Schulterklopfer und Kopfnicker sind weit häufiger als Menschen, die es ehrlich meinen.»

Eine solche Passage muss Blatter meinen, wenn er zu Anfang schreibt, eine Prise Humor dürfe nicht zu kurz kommen. Wie ist das sonst zu verstehen von einem Mann, der als Präsident am liebsten Schulterklopfer und Kopfnicker um sich geschart und die anderen lieber notfalls mit schönen Schecks davongejagt hat? Von einem Mann, der nichts mehr ausgekostet hat als die Macht?

Das aufschlussreiche Kapitel

Fast schon episch wird ausgebreitet, wie er es schaffte, Longines zum Zeitnehmer der Sommerspiele 1972 zu machen. Und dass er, der allein letztes Jahr 3,6 Millionen von der Fifa erhielt, eine alleinerziehende Mutter aus dem slowakischen Skalica unterstützt, soll ebenso wenig unterschlagen werden. «Über 40 Euro pro ­Woche aus Blatters Privatkasse» – ja, so steht das da. Interessanter wäre jedoch etwa eine kritische Auseinandersetzung mit alten dubiosen Weggefährten wie Jack Warner, Chuck Blazer oder Mohamed bin Hammam gewesen. Aber wer das erwartet, ist so naiv, wie es Blatter gemäss seinem Bruder Marco sein soll.

Ein Kapitel ist aufschlussreich. Da geht es um den Vertragsabschluss der Fifa mit der chinesischen Wanda-Gruppe als neuem Partner, wie es schon Coca-Cola, Adidas oder Visa sind. Gianni Infantino hat ihn drei Wochen nach ­seiner Wahl stolz verkündet. Dabei ist es ein problematisches Geschäft, weil es das alte Denken der Fifa verrät. Wanda übernahm ein Jahr zuvor für eine Milliarde Euro den Zuger Sportrechte­händler Infront, bei dem Blatters Neffe Philippe eine führende Rolle spielte.

Nun lässt Blatter schreiben: «In seiner Verklärung blendete Infantino allerdings einen wichtigen Fakt aus: Das ­Geschäft wurde von seinem Vorgänger initiiert. Im Umfeld des Kongresses 2015 hatte Sepp Blatter zusammen mit Wang Jianlin (Besitzer der Wanda Group) und Philippe Blatter die Basis zum Vertragsabschluss gelegt.» Einen besseren Beleg für die Interessenvermischung, die er pflegte, könnte Blatter gar nicht liefern.

In einem angehängten Interview sagt Sepp Blatter, er habe sich «im finanziellen Gebaren» nichts vorzuwerfen, «nichts». Und er verspricht, um seine Rehabilitierung weiterzukämpfen. «Das bin ich mir, der Fifa und auch meinem Vater schuldig. Er hätte kein Verständnis, wenn ich aufgeben würde.»

Danach ist das Buch zu Ende.

Erstellt: 21.04.2016, 09:24 Uhr

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Thomas Renggli

Sepp Blatter – Mission & Passion Fussball. Werdverlag.ch 308 S., ca 39 Fr.

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