Das E-Mail, das Infantino schwer belastet

Laut internen E-Mails, die dem «Tages-Anzeiger» vorliegen, gab Fifa-Chef Gianni Infantino den Auftrag, die Aufnahme einer brisanten Sitzung zu löschen.

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Die Fifa kommt nicht zur Ruhe – seit ­Tagen ist der Fussballverband einmal mehr in den Schlagzeilen. Der Abgang von Audit-Chef Domenico Scala sorgt für Lärm, ebenso die Entlassung des ­Finanzchefs Markus Kattner.

Recherchen zeigen nun, dass gegen Präsident Gianni Infantino bei der verbandseigenen Ethikkommission mehrere Anzeigen eingegangen sind. Eine davon dreht sich um die Audio-Aufnahme einer brisanten Sitzung. Gemäss E-Mails, die dem «Tages-Anzeiger» vorliegen, hatte ­Infantino intern den Auftrag gegeben, die Aufzeichnung zu löschen. Die Datei enthielt die Aufnahme eines Treffens des Fifa-Councils vor dem Kongress in Mexico City. Der Council ist der neu eingesetzte Aufsichtsrat des Verbands. Bei ihrer ersten Zusammenkunft sprachen die Funktionäre auch darüber, wie man den unbequemen Audit-Chef Domenico Scala am besten loswerden könnte.

Das E-Mail vom Chef der Fifa-Rechtsabteilung, das Tagesanzeiger.ch/Newsnet exklusiv vorliegt. Zum Vergrössern bitte ins Bild klicken.

Der Italo-Schweizer hatte sich vor allem bei amerikanischen Landesverbänden unbeliebt gemacht, weil er den korruptionsverseuchten Kontinentalverbänden Fifa-Zuschüsse gesperrt hatte. Auch Gianni Infantino selbst stritt sich mit Scala; der hatte als Chef des Entschädigungskomitees den Lohn des neuen Präsidenten auf rund zwei Millionen Franken festgesetzt. Zu wenig für Infantino, der das Angebot als «beleidigend» empfand. Wie die deutsche FAZ enthüllte, soll Infantino seinen Kollegen im Council etwa gesagt haben: «Ich denke, es ist besser, wenn es [Scalas Absetzung] durch den Kongress geschieht, und nicht durch den Council, eine oder zwei Wochen später.»

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Es kam anders: Kurz nach der Sitzung wurde am Fifa-Kongress eine Regel eingeführt, die es dem Council zugesteht, Mitglieder der unabhängigen Fifa-Kommissionen ein- und abzusetzen. Dazu gehört auch Scala, der als Vorsitzender der Audit- und Compliance-Kommission amtete. Als der frühere Nobel-Biocare-Chef von der neuen Regelung erfuhr, legte er sein Amt unter Protest nieder.

«Nur falsch abgespeichert»

Die Aufzeichnung jener Council-Sitzung befand sich auf einem Rechner im Fifa-Generalsekretariat. Die Angestellten dort wollten das Protokoll der Sitzung abtippen. Doch dann intervenierte Chefjurist Marco Villiger. Die Folge: Die Aufnahme wurde gelöscht, und das heikle Protokoll würde nun ein enger Mitarbeiter von Gianni Infantino schreiben.

Ein Fifa-Sprecher sagt auf Anfrage, es sei bei diesem Vorgang lediglich darum gegangen, eine falsch abgespeicherte Kopie von einem lokalen Laufwerk zu ­löschen. Das ordnungsgemäss archivierte Original-Audiofile sei nach wie vor vorhanden. Generell würden alle Meetings aufgezeichnet; für die Protokolle des Council sei das Büro des Präsidenten zusammen mit dem Büro des General­sekretärs zuständig. Die Ethikkommission schreibt auf Anfrage, es laufe keine «formale Untersuchung» gegen Infantino. Ob Vorabklärungen im Gange sind, könne man nicht kommentieren. Nach «Tages-Anzeiger»-Recherchen nimmt die Kommission durchaus Abklärungen vor. Und zwar nicht nur zu Infantinos Löschbefehl. Ein weiterer Punkt sind Spesenbezüge des Präsidenten, auch hier soll es Anzeigen gegeben haben. Allerdings geht es dabei um kleine Posten – etwa eine Verkehrsbusse und ein Smoking im Wert von rund 1000 Franken, dessen Rechnung in der Fifa-Buchhaltung landete. Finanzchef Kattner und der Präsident gerieten aneinander, nachdem Kattner Infantino darauf hingewiesen hatte, dass er solche Ausgaben selbst tragen müsse. Kattner erstattete danach Meldung an Audit-Chef Scala, und auch die Ethikkommission soll eingeschaltet worden sein. Weder Kattner noch Scala antworteten auf Fragen des «Tages-Anzeigers».

Weiter werfen zwei Flüge Infantinos im April Fragen auf – von Moskau nach Katar und von Katar nach Zürich. Der Präsident trat mit seinem Team nicht die gebuchten Flüge an, sondern reiste per Privatjet, offenbar bezahlt von Dritten. Die Fifa sagt dazu nichts. Die Anzeigen gegen Infantino legen vor allem eines offen: In der Fifa ist ein Machtkampf im Gange. Der Präsident hat mit Kattner und Scala zwei starke Figuren abgesetzt. Allerdings hat die Fifa bislang nicht detailliert begründet, weshalb die Trennung erfolgte (Kattner) beziehungsweise erfolgen sollte (Scala). Fifa-nahe Quellen sagen, dass Gründe bald folgen. Das heisst: Beim Verband kehrt auch in naher Zukunft keine Ruhe ein.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.06.2016, 20:29 Uhr

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