Was mit der Formel E auf Zürich zukommt

Pitwalks, futuristische Boliden und Glamour: Blick nach Berlin, wo die Elektro-Raser seit 2014 ihre Runden drehen.

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Das also ist der Ort der Zukunft. Die Mauer hat ihre Originalfarbe längst nicht mehr, sie ist schwarzbraun gefleckt, die Fassade blättert ab. Das abgelebte Gebäude ist geziert mit kleinen Fensterscheiben, Hunderten, und wo es keine hat, sind die Löcher mit Plastik abgedeckt. Auf einem Schild steht Tempelhof, der Rost hat sich eingefressen.

Tempelhof also, der stillgelegte Flugplatz im Süden Berlins, ist an diesem Tag die Heimat der Formel E, der Rennserie mit Elektroautos, die sich gerade selbst auf einem Höhenflug befindet.

Seit der Premiere 2014 ist Berlin dabei, diesmal ist der Anlass auch Vorgeschmack auf das, was am 10. Juni kommt: die Premiere in Zürich mit seinem ersten E-Prix am Seebecken in der Enge. Das Rundstreckenverbot wird dafür nach über 60 Jahren aufgehoben – weil die Formel E für mehr steht als ein Autorennen. Es gehe um die Zukunft der Mobilität, sagen die Macher der Serie. Sagen die Städte. Es wird in Hongkong gefahren, in Punta del Este, in Rom, Paris, New York, Zürich – immer mittendrin. Berlin ist eine Ausnahme.

Doch auch hier, wo sonst Messen stattfinden, musste es schnell gehen. Für die knapp 2,5 Kilometer lange Strecke wurden in fünf Tagen 1260 Betonelemente mit Stahlzaun herangekarrt und aufgebaut, je vier Tonnen schwer. Dass das nicht allzu ökologisch ist, dass es auch die Reiserei durch die halbe Welt nicht ist, das wissen sie in der Formel E. Doch es sei notwendiges Übel, um ihre Botschaft zu transportieren. Die heisst: Die Elektromobilität kommt, und wir treiben die Technologie voran.

Aufbruchstimmung überall

Es ist 9 Uhr an diesem Samstagmorgen, und es tönt, als würden auf dem Tempelhof doch wieder Flugzeuge abheben. Es zischt, es surrt bis in schrille Höhenlagen, die ältere Ohren nicht mehr wahrnehmen, Reifen quietschen. Es ist das erste freie Training der 20 Piloten. Die ehemaligen Formel-1-Fahrer Jean-Eric Vergne, derzeit Führender, der Deutsche Nick Heidfeld und der Schweizer Sébastien Buemi sind die Grössen im Feld. Im nächsten Jahr stösst Felipe Massa dazu, der Brasilianer mit 269 Starts in der Formel 1 – es ist ein weiteres Ausrufezeichen.


Video: Buemi braust mit Formel-E-Auto durch Zürich


Die Formel E wächst, medial und monetär. Gründer Alejandro Agag will alle Anteile zurückkaufen. Für 600 Millionen Euro. Audi entschied sich auf diese Saison hin für ein Werksteam, BMW, Mercedes und Porsche steigen ein. Es herrscht Aufbruchstimmung: in der Serie und an den Ständen in Berlin.

Die ETH Zürich hat einen im sogenannten E-Village – alles hier ist «E». Es ist kein DJ, der Musik auflegt, es ist ein EJ, der einen schwarzen Helm aufhat mit blauen LED-Lichtern. Bei der ETH steht ein Kleinst-Rennwagen, mit breitem Front- und riesigem Heckflügel, als hätten sie einen Rennwagen zusammengepresst. Doch es ist nicht das Abfallprodukt eines Autos, es ist das Gegenteil. Seit elf Jahren konstruieren Maschinenbaustudenten ihre eigenen Gefährte und treten in der Formula Student an – gegen über 600 andere Teams. Seit sieben Jahren tun sie das mit Elektrofahrzeugen.

7 Tage, 100 Stunden Arbeiten

«Mit diesem Auto haben wir gewonnen», sagt der Student am Stand. Ein Kern von 15 Leuten arbeitet jeweils am Projekt, «es gab 7-Tage-Wochen mit 100 Stunden Arbeit». Der Sieg war der Lohn – und eine Praktikumsstelle bei Porsche. Automarken sind an den Rennen zugegen, um Studenten anzuwerben.

Es geht vorbei an schwankenden Menschen auf Skateboards – angetrieben von einem Elektromotor. «Damit kannst du auch bergauf fahren», sagt der Mann mit langen schwarzen Haaren. Mellow Board nennt sich das. Auf 40 km/h ist es begrenzt, es führe auch schneller.

Allmählich wird es eng, gegen Mittag sind es Tausende, die sich im E-Village tummeln. Bei der ABB etwa, wo Tablets auf einem Tisch mit einer kleinen Rennbahn liegen. Damit lassen sich Mini-Modelle steuern. Oder liessen sich, würden sie sich nicht ständig um sich selbst drehen. Sie sind mit Ionen ausgestattet, die Strecke mit Magneten. Könnten sie diese normal abfahren, würden sie die Informationen ans Tablet weiterliefern, wo ein Abbild der Piste entstünde.

Nahbar und spottbillig

Daneben bauen Kinder in der «Zwergstadt» Autos aus Legosteinen, springen auf der Hüpfburg. Auf dem grossen Platz, durch Gitter von der Strecke abgetrennt, kreuzen sich Kinderwagen, Bobbycars und Elektroscooter. Weiter hinten kämpfen sie in E-Karts um die beste Zeit.

Acht Simulatoren sind aufgereiht, in denen sich die Strecke von Berlin abfahren lässt. Die vier Schnellsten treten kurz vor vier gegen drei Formel-E-Piloten an, zwei Stunden vor dem Rennen. Die Fahrer geben sich nahbar, die Serie tut es.


Video: So verläuft die Formel-E-Strecke durch Zürich


500 Leute haben zwischen 10 und 20 Euro bezahlt, um beim Pitwalk die Autos in ihren Boxen – aus Zelten errichtet – bestaunen zu können. In Monaco, wo die Formel 1 diese Woche gastiert, darf das keiner, der nicht mindestens 1000 Euro bezahlt hat. Das Ziel ist, auch weniger Motorsportinteressierte anzulocken. Es gelingt. Familien mit Kleinstkindern stehen zwischen Motorsport-Fans und Grosseltern mit Enkeln.

Es geht Schlag auf Schlag. Eine Band spielt Hits aus den 70er-Jahren. Auf der Piste rast ein Auto vorbei – ohne Pilot, so programmiert, dass es den Kurs alleine fahren kann. Nico Rosberg, der Formel-1-­Weltmeister von 2016 und Investor der Formel E, dreht im futuristischen Wagen der nächsten Generation seine Runden.

Dabei riecht es nach gegrillten Würsten. «Have a break, have a Bratwurst», steht auf einem Schild. Etwas hip ist das, es geht aber hipper: Burritos, Empanadas und Vegi-Burger mit Vollkornbrot werden aus alten Citroën-Bussen serviert. Ein Eistee ist hier ein griechischer Bergtee mit Agavendicksaft und Zitronensaft in einem kompostierbaren Becher.

29 Sekunden für den Wechsel

Als sich die Autos zum Start aufreihen, pilgern die 20'000 an die Gitter und auf die Tribünen. Buemi ist einer der Aggressivsten im Feld – und in der Garage seines e.dams-Teams. Bei Rennhälfte stehen zwei Mechaniker an seinem Auto, der eine hält die Gurte, der andere das Steuerrad. Es knallt, Buemi ist über die Schwelle gefahren, er springt aus dem einen, hinein in den anderen Wagen und rast davon. Die beiden klatschen sich ab, «parfait!». 29 Sekunden nur hat Buemi gebraucht für den Wechsel, der noch nötig ist, weil die Batterien nicht die Kapazität für die ganze Rennstunde haben. Ab nächster Saison sind sie stark genug.

Buemi macht einen Platz gut, verliert ihn aber wieder an Vergne und wird Vierter. Nebenan beim Abt-Team werden bereits zwei grosse Kisten Bier herangekarrt. Es gibt dann auch den ersten Zweifachtriumph, Daniel Abt siegt vor Lucas di Grassi. Der Deutsche überrascht bei der Siegerehrung mit dieser Wortkreation: «Es ist unglaublich fassbar!» Es kracht und regnet Papierschnipsel. Dann kehrt Ruhe ein, emsig sind nur noch die Standbetreiber. Und die Teams, die ihr Material verstauen und die Zelte abbauen – um sie in zweieinhalb Wochen in Zürich wieder aufzuschlagen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.05.2018, 09:12 Uhr

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