Bern spaziert Richtung 240 km/h

Das zweite Formel-E-Rennen in der Schweiz verspricht Spektakel vor 100'000 Zuschauern. Obwohl die Vorbereitungen besser als 2018 in Zürich laufen, steht das Projekt auf der Kippe.

Rund um den Bärengraben haben sich die Bauarbeiten seit Montag intensiviert: Am Freitag steht die Formel-E-Strecke in Bern.

Rund um den Bärengraben haben sich die Bauarbeiten seit Montag intensiviert: Am Freitag steht die Formel-E-Strecke in Bern. Bild: Beat Mathys

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Ein Klischee kann nur zwei Dinge: Entweder es bestätigt sich oder wird widerlegt. In Bern geschieht in diesen Tagen beides.

Die Gemächlichkeit, die sich für gewöhnlich allmorgendlich über die Stadt legt wie der Nebel über die Täler im Mittelland, ist weit weg. Zumindest rund um den Bärengraben, einst die karge Heimat der gemütlichen Grosstiere, wo emsiges, mitunter auch hektisches Treiben herrscht.

Grosse Betonelemente werden herangekarrt, mit Kranen zentimetergenau platziert, Gitter darauf gesetzt, zwei Meter hoch. Verkehrsinseln wurden abgebaut, der Strassenbelag an gewissen Stellen erneuert. Männer in gelben Westen schrauben an Tribünen und Podesten. Es sind die letzten Handgriffe vor dem Feuerwerk, das am Samstag folgt. Dann wird es nicht nur emsig zugehen im Obstberg-Quartier, sondern ­rasend schnell. Die Rennwagen der Formel E donnern den Aargauerstalden hinunter, vorbei am Bärengraben, den Muristalden hoch, die Schosshaldenstrasse entlang und um die Ecke auf die breite Laubeggstrasse, die an diesem Tag Start-Ziel-Gerade ist. Tempo: 240 km/h.

Klein- statt Grossbaustellen

Der zweite E-Prix in der Schweiz nach Zürich 2018 soll zum Spektakel werden. Für die Fahrer, für die Zuschauer. 150'000 waren es in Zürich, 100'000 werden es in Bern, mutmasst der Organisator. Dieser heisst Swiss E-Prix Operations AG. Stephan Oehen ist Mediensprecher der Firma – und zufrieden mit den Vorbereitungen. «Die Strecke steht zu 90 Prozent – am Freitagnachmittag werden wir bereit sein», sagt er.

Und damit zur Bestätigung des Klischees: Trotz des Betriebs auf Hochtouren läuft in Bern alles etwas gemütlicher und ruhiger ab als im hektischen Zürich, wo die Aufregung im Vorfeld ziemlich gross war.

Kritische Stimmen gibt es auch hier, nur sind sie viel leiser als 2018, als das Enge-Quartier ­tagelang eine Grossbaustelle war. Das hat auch mit dem Standort und der Streckenwahl zu tun. In der Enge ist es eng, dichter besiedelt. Dort mussten die Strassen neu asphaltiert und verbreitert werden, es gab Tramschienen, zahlreiche Verkehrsinseln und andere Hindernisse. Es wurde Tag und Nacht gebaut – die Anwohner waren genervt.

Im Obstberg-Quartier sind die Strassen breit genug, Gleise gibt es nicht, Verkehrsinseln nur wenige. «Auch die Infrastruktur ist zentraler, hauptsächlich beim Bärengraben. Wir arbeiten hier nur tagsüber, grössere Baustellen gibt es nicht», sagt Oehen.

«Alles läuft reibungsloser»

Der Aufwand ist zwar erneut gewaltig. Wieder wurden in 230 Lastwagenfahrten 1400 Betonelemente an die 2,7 km lange Strecke geschafft, um die Sicherheitsbestimmungen des Welt-Automobil-Verbandes (FIA) einzuhalten. Derzeit arbeiten rund 3000 Leute für den Anlass. Nur geht das alles einfacher von der Hand – auch, weil ein Jahr Erfahrung viel hilft.

So wurden die Betonelemente nach dem E-Prix in Zürich zentral gelagert und schnell an die Strecke gebracht. Auch die Anwohner wurden früher und immer wieder über die Vorgänge informiert, es gibt Anlaufstellen. «Es läuft alles reibungsloser, auch wenn die Information der Leute anspruchsvoll bleibt», sagt Oehen. Der Samstag kann kommen.

Nicht mehr im FIA-Kalender

Dann sollen die Fahrer im Mittelpunkt stehen, die heimischen ­Sébastien Buemi und Edoardo Mortara, die zum grossen Favoritenkreis zählen. Buemi, am Sonntag zum zweiten Mal Sieger des Klassikers in Le Mans, sagt: «Es war schon ein Traum, dass ich in ­Zürich fahren konnte – und jetzt bekomme ich nochmals die Möglichkeit auf ein Rennen in der Schweiz.» Ob es die letzte ist?

Jüngst hat die FIA den Kalender für 2019/20 veröffentlicht – die Schweiz fehlt. Eigentlich plant die Swiss E-Prix Operations AG, die die Lizenz bis 2027 hält, 2020 nach Zürich zurückzukehren. Oehen sagt: «Es ist eine Enttäuschung, dass wir nicht im Kalender sind. Aber der politische Prozess ist auch noch nicht abgeschlossen. Das sollte vor den Sommerferien passieren. Dann schauen wir, wo wir stehen.»

Abgeschrieben hat er die Rückkehr nicht. Es wird über eine Variante rund um die ETH Hönggerberg diskutiert. Allerdings müsste auch die FIA mitmachen. Allzu flexibel zeigte sich diese in der Vergangenheit nicht, wenn es um Änderungen im Kalender ging. Interesse an einer Durchführung dürfte es aber durchaus geben: Die grössten Sponsoren der Formel E haben ihren Sitz in Zürich.

Erst einmal aber ist die Elektrorennserie in Bern, das am Samstag um 18 Uhr seine rasante Premiere erlebt.

Erstellt: 20.06.2019, 13:30 Uhr

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