Ein Hauch von Monaco in Bern

Die Hauptstadt erlebt eine spektakuläre Premiere in der Formel E. Doch Kritik ist auch an diesem Tag zu hören.

Das sagen die Besucherinnen und Besucher vor dem E-Prix. Video: Keystone-SDA

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So haben sie sich das ausgemalt im Gemeinderat von Bern. Zumindest diejenigen der fünf Mitglieder, die sich für das Formel-E-Rennen in ihrer Stadt ausgesprochen haben. Diese Bilder! Malerisch, postkartentauglich. Das Münster, wie es majestätisch aus dem Gewimmel von Dächern hervorlugt, die Aare, wie sie in Südsee-Türkis durch die Stadt mäandert, der ehrwürdige Zytglogge-Turm.

Die Sonne scheint bis kurz vor Rennende. Über dem alten Bärengraben thront eine gigantische Plattform mit grünem Teppich und stattlichen Zelten für die VIPs mit Cüpli und Cocktail. Und vor ihnen wird gerast, brettern die Boliden der Formel E den Aargauerstalden hinunter, den Muristalden steil hoch, dazwischen eine enge Schikane, wo es auch einmal scheppert an diesem Samstagabend, wenn sich die Elektrorenner berühren oder sich einer der 22 Piloten verbremst.

Um 18.06 kracht es dann etwas weiter hinten, in der ersten Kurve nach dem Start, bei der ersten Schikane, Massenkarambolage, Rennunterbruch, schimpfende Fahrer auf der Strecke.

130'000 Zuschauerströmten gemäss Veranstalter ans Formel-E-Rennen in Bern

45 Minutenlang – oder eine Renndauer – war die Unterbrechung nach der Massenkarambolage zu Beginn

125,6 km/hfuhr Sieger Jean-Eric Vergne bei seiner Fahrt zur Poleposition im Schnitt

An den hohen Gittern tummeln sich Zehntausende, die Tribünen sind voll, die Tickets waren in wenigen Minuten ausverkauft. Es sind insgesamt gegen 130'000 Menschen gekommen – eine eindrückliche Kulisse.

Im Garten mit Weisswein – wie an der Côte d’Azur

Bern ist an diesem Tag ein Hingucker, etwas Weltstadt. Familien mit Kinderwagen bahnen sich den Weg durch die Menge, Grossväter mit Enkeln, Motorsportverrückte zwischen Müttern mit Baby im Tragetuch. Es wuselt bunt am Hang, an dem der aufregendste Abschnitt der 2,7 km langen Strecke liegt, diese Auf- und Abpassage. Von oben schauen Anwohner von ihren Gärten aus zu, volle Weissweingläser stehen auf ihren Metallzäunen, es muss ein erhabenes Gefühl sein, ein Hauch Monaco vor der Haustür. Manche haben ihre Balkone für gutes Geld vermietet, so tun sie das auch an der Côte d’Azur, wenn die Formel 1 kommt.

Doch hier sind nicht die Côte d’Azur und das Mittelmeer, hier sind das Obstbergquartier und die Aare. Hier ist nicht Motorsporttradition, hier ist Motorsportneuland.

Als solches macht sich Bern ganz gut, jedenfalls hat die Formel E wie in Zürich vor einem Jahr Tausende von Menschen in ihren Bann gezogen und ihnen die Elektrotechnologie nähergebracht. Doch manchem wäre es lieber gewesen, es wäre nie dazu gekommen.

Besuch im Obstbergquartier, zuletzt in den Schlagzeilen, weil es eingeschnürt ist von der Strecke. Nur über Brücken können die Anwohner in die Stadt gelangen. Ein hübsches Stadthäuschen, kleiner Vorgarten, Geranientöpfe auf den Fenstersimsen. Darunter eingeklemmt eine rote Flagge: FormelE ade. Es ist der Spruch der Gegner des Anlasses, sie wollen sichergehen, dass es das erste und letzte Mal war, dass der grosse Zirkus hier haltmacht. Ein Mann Mitte 40 steht an der Gartentür. «Diese Kiste ist zu gross für uns», sagt er. Dass die Veranstaltung ökologisch sei, wie es der Name Formel E suggerieren könnte, hätten sie ja gar nicht erwartet, «aber dass sie mit zig Lastwagen kamen, war schon heftig».

Mehr als 1000 Fahrten waren nötig, um die Betonelemente für die Streckenbegrenzung herzuschaffen, das Equipment für die Teams, das Material für die Tribünen, Plattformen und Brücken. «Gigantismus» nennt er es. «Autorennen gehören nicht in die Schweiz. Und wenn doch, dann sollen sie auf dem Flughafen in Belp fahren, aber doch nicht durch ein Wohnquartier!»

Witzige Aktion – bis auf die 400 000 Franken Sachschaden

Die Gegner gönnten sich eine Scherzaktion. An die Betonelemente klebten sie Zettel, auf denen stand: «Zum Mitnehmen». «Auch die Demonstration mit den Velos war witzig», sagt der Mann, «also bis auf die Sachbeschädigung.»

Rund 1000 Leute hatten sich am Donnerstag auf ihren Zweirädern zu einem stillen Protest auf die Rennstrecke aufgemacht, ganz leise blieb es nicht. Es wurden Werbebanner abgerissen und Kabel durchtrennt. Schaden: 400 000 Franken.

Ein Mann im Pensionsalter und mit Einkaufstasche läuft vorbei, «diese Sachbeschädigung war ein grosser Mist», sagt er. «Ich bin ja ein Velofan und war schon ein paar Mal am Klimastreik. Dort aber war immer alles superfriedlich.» Überhaupt versteht er die Aufregung in seinem Quartier nicht. «Ich habe nicht viel am Hut mit dem Rennen. Aber für mich ist es kein Problem, meine Dinge zu Fuss zu erledigen.» Und: «Wenigstens wagt die Stadt einmal etwas, Bern ist sonst verschlafen.» Ein Mädchen auf einem Trottinett fährt vorbei. Es hat offenbar auch sein Gutes, eingesperrt zu sein. Der Mann lächelt, «es ist so ruhig hier ohne Verkehr – wunderschön.»

Er ist einer von vielen, die an diesem Tag zufrieden durch ihr Quartier laufen. Aus dem Obstberg-Beck kommt eine Frau mit einem Korb voller Brote. Ein kleiner Schwatz mit einer Freundin, dann hält ein Golf-Wägeli. «Madeleine, einsteigen!» Sie setzt sich hin und wird vor ihre Haustüre chauffiert. Es ist ein Service des Veranstalters, «ich bin der Lichtschimmer für die Anwohner», sagt Gian, der Fahrer. «Sonst ist es hier ziemlich düster.» Er meint nicht das Wetter, sondern die Stimmung.

Als Gulag wurde das Obstbergquartier in den letzten Tagen bezeichnet. Die Frau, die vor der Bäckerei zurückbleibt, sagt: «Das ist komplett respektlos gegenüber Leuten, die tatsächlich in einen Gulag mussten. Wir befinden uns in einem goldenen Käfig, wir sind jetzt das Luxusquartier von Bern.»

Es ist später Nachmittag. Die Piloten machen sich auf zur Rennstrecke. Die futuristischen Wagen sind in einer Halle der Bernexpo untergebracht. Team reiht sich hier an Team, es ist eine Art Boxengasse in U-Form und unter Dach.

Dann fahren die ersten Autos los, hinaus aus der Halle, ein paar Kieselsteine schnappen sie auf dem Gelände mit ihren Reifen auf, sie scheppern in den Radkästen. Hinaus auf die Strasse. Das Tram wartet, der rote Linienbus fährt durch. Rennautos stehen jetzt zwischen öffentlichen Bussen, es ist ein Bild, wie es das nur in der Formel E geben kann. Ein paar Hundert Meter sind es bis zum Eingang zur Strecke. Am Rand stehen staunende Zuschauer mit ihren Handys. Rennautos hautnah, das gab es letztmals 1954 im Bremgartenwald.

Während die Boliden oben auf der Piste surrend ihre Runden drehen, sitzt unten in der Altstadt eine Ladenbesitzerin auf einem Stuhl vor ihrem Kellerladen. Die Luke ist offen, Seidenkleider hängen im Dunkeln, oben hängt das rote Fähnchen: Formel E ade. Tausende Menschen sind an ihr vorbeigeströmt, hineingeschaut hat kaum jemand. Die Szene wirkt wie ein stiller Protest. Sie legt ihre Zeitschrift beiseite und sagt: «Das ist kein Protest, ich muss hier arbeiten.» Aber ja, sie hätten sich gewehrt, die Gewerbetreibenden. Hätten sie denn gewusst, was auf sie zukommt.

Eingeklemmt zwischen Autofirmen und Carrera-Bahn

Vor ihr in den alten Gassen von Bern mit ihren romantischen Torbogen und den vielen Kleinstläden steht ein üppiges Gebäude einer Autofirma. Daneben ist ein Formel-E-Renner ausgestellt, Hobbyfahrer testen ihr Können in Simulatoren, in der Nebengasse probieren sich Kinder auf einem elektrischen Trottinett oder spielen mit einer Carrera-Bahn. Es ist wenig Platz zwischen den zwei Stühlen mit dem Tischchen der Ladenbesitzerin und den Ständen. In den letzten Tagen hätten sich hier 40-Tönner vorbeigezwängt. «Als es am Mittwochmorgen losging mit dem Aufbau, standen die Leute unter Schock», sagt sie. Nie seien sie darüber informiert worden, dass hier das sogenannte E-Village geplant sei, die Fanzone. «Nicht einmal den Pöstler liessen sie noch durch.» Die Polizisten hätten sich jeweils bei den Veranstaltern erkundigen müssen, wer hindurchfahren darf. «Ich frage mich schon, wer hier die Gesetze macht. Die Organisatoren?»

Ein Mann stösst dazu, Architekt und Besitzer einiger Liegenschaften in der Altstadt. Am Dienstag gab es in einer einen Wasserschaden, «am Mittwoch hätten die Reparaturen beginnen sollen. Doch der Sanitär wurde angehalten, er musste sich einen Handwagen besorgen für das ganze Werkzeug.» Ohnmächtig hätten sie sich gefühlt, sagen beide.

Beim Zytglogge steht eine provisorische Tafel mit den Austragungsorten der Formel E. Hongkong 9400 km. New York 6270 km. Die Ladenbesitzer wünschten sich die Rennserie in den letzten Tag so weit weg wie möglich. Für Zehntausende andere konnte sie nicht nah genug sein.

Erstellt: 22.06.2019, 18:18 Uhr

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