«Wir stehen nicht mit der Formel 1 im Wettbewerb»

Alejandro Agag, Gründer der Formel E, spricht über den Zulauf der Automarken und sagt, warum ihm die Serie 600 Millionen Euro wert ist.

«Wir werden zu einem Mainstreamprodukt»: Alejandro Agag. Foto: Pascal Della Zuana (Icon Sport/Getty Images)

«Wir werden zu einem Mainstreamprodukt»: Alejandro Agag. Foto: Pascal Della Zuana (Icon Sport/Getty Images)

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Sie schweben mit Ihrer Serie seit Monaten auf einer Wolke. Wie hoch ist die Flughöhe?
Es läuft richtig gut, und es wird immer besser. Wir hatten wunderbare Monate, gerade zuletzt mit der Ankündigung von Felipe Massa, dass er bei uns fahren will, mit Riad, wo die nächste Saison starten wird. Auch die Zuschauerzahlen am Fernseher sind gut. Wir wachsen jedes Jahr, alles geht in die richtige Richtung.

Im Fernsehen ist die Formel E aber noch eine ganz kleine Nummer.
Wenn eine Sportart neu ist, bei null startet, dann ist das Interesse zuerst kleiner, klar. Dann muss man erst wachsen, und wir wachsen sehr schnell. In drei bis fünf Jahren werden wir richtig starke Einschaltquoten haben.

Wie sehen Sie denn die Zukunft der Formel E?
Die Technologie, die Autos werden immer besser. Unsere Zukunft liegt weiterhin in den Städten. Und wir werden zu einem Mainstreamprodukt, das eine ­riesige Schar an Fans erreichen wird. ­Zumindest hoffe ich das. Aber ich glaube auch daran.

Ihnen ist das Produkt 600 Millionen Euro wert. Für diesen Betrag wollen Sie alle Anteile zurückkaufen. Ist das der wirkliche Wert der Serie?
Für mich liegt er gar höher. Aber der Wert ist fair berechnet. Es gäbe einen ganz schönen Ertrag für die Investoren.

Wollen Sie zum Alleinherrscher, zum Bernie Ecclestone der Formel E werden?
Bernie ist nicht ersetzbar. Ich habe mit ihm jahrelang in der Formel 1 gearbeitet und viel von ihm gelernt. Ich konnte ­beobachten, wie er die Sachen anpackt. Aber ich will nicht der Bernie des Elektro­rennsports sein.

Aber Sie wollen alle Fäden in der Hand halten.
Ich sehe eine grossartige Zukunft für die Formel E und steigenden Umsatz. Ich habe aber nicht 600 Millionen Euro unter meinem Bett, bei diesem Geschäft wären verschiedene Leute beteiligt. Wir müssen jetzt schauen, wohin der Weg führt, die Gespräche laufen noch. Ich preschte mit meiner Ankündigung auch vor, um zu zeigen, dass mein volles ­Engagement der Formel E gilt.

Sie sind derart im Hoch, dass Sie sogar behaupten, die Formel E werde in 20 Jahren die einzig übrig gebliebene Rennsportserie sein. Meinen Sie das ernst?
Das ist durchaus möglich, ja. Die gesamte Autoindustrie bewegt sich Richtung Elektroantrieb. Also wird das auch der Motorsport tun. Vielleicht aber gibt es die anderen Serien wie die Formel 1 noch lange. Schliesslich gibt es auch noch Pferderennen, obwohl keiner mehr zur Arbeit reitet. Es wäre dann aber eine alte Rennform, etwas Klassisches, Historisches. Vielleicht ist es in 20, 50 oder erst 100 Jahren so weit, aber es wird passieren.

Wenn alle Autos elektrisch fahren, dann wird das auch die Formel 1 tun, und Ihr Argument wäre hinfällig.
Das darf die Formel 1 gar nicht. Ich habe von der FIA (Internationaler Automobilverband) die exklusive Lizenz für Elektrorennen über 25 Jahre. 2039 können sie dann umsatteln, wenn sie wollen.

Buemi gibt Einblick in seine Box . (Video: Julius Bär)

Sie sind ein gewiefter Geschäftsmann.
Das ist ganz gut für mich, ja. (lacht)

Sie sagten stets, die Formel E wolle nicht Konkurrent sein zur Formel 1. Ist sie das nun doch?
Nein, wir stehen nicht im Wettbewerb mit der Formel 1, sondern mit Fussball, mit Tennis. Wenn es dem Motorsport und der Formel 1 gut geht, ist das gut für uns. Wenn es uns gut geht, ist das gut für die Formel 1. Wir sitzen im gleichen Boot.

Ist die Formel E eine Geldmaschine?
Noch nicht, aber ich hoffe, dass sie das wird.

Es gibt viele Zweifler, was die Zukunft der Elektrofahrzeuge angeht. Das grösste Problem ist die Batterie, bei deren Herstellung Unmengen an radioaktivem Abfall entstehen. Wischen Sie das unter den Tisch?
Es gibt viele verwirrende Nachrichten, was die Batterie betrifft. Diejenigen, die diese verbreiten, verfolgen eine Agenda. Sie wollen Zweifel schaffen.

Aber dass die Batterie sauber her­gestellt wird, behaupten Sie nicht?
Klar ist die Batterie nicht perfekt. Aber sie ist viel weniger dreckig, als die meisten meinen. Eine Batterie wird ein Auto 15 bis 20 Jahre lang antreiben, dann ­bekommt sie ein zweites Leben, in ­Häusern, in Schulen, in Spitälern. Sie lebt 30 Jahre lang, und danach wird sie rezykliert. 99 Prozent der Materialien können rezykliert werden.

Die grossen Probleme bei der ­Herstellung aber sind ungelöst.
Es gibt viele Schwierigkeiten mit der Batterie, wir sprechen auch offen darüber. Der Abbau insbesondere von Kobalt ­geschieht in Ländern wie China unter misslichen Bedingungen. Wir müssen versuchen, das zu ändern, wir müssen Kobalt ersetzen und auch manch anderes Element. Elektroautos sind noch nicht perfekt, aber viel besser als alles andere.

Sie könnten dazu beitragen, dass sich das verbessert, aber Sie verhindern die Entwicklung der Batterie durch die Teams und setzen auf eine Einheitsbatterie.
Die Batterie hat grosse Fortschritte gemacht, aber die machen wir alle gemeinsam, alle bezahlen ihren Beitrag. Im nächsten Jahr muss der Pilot in der Halbzeit nicht mehr das Auto wechseln, er kann das ganze Rennen durchfahren. Wir wollen bei der Batterie keinen Wett­bewerb, weil die Kosten explodieren würden. Das wäre das Ende der Formel E.

Ist das im Sinne der Automarken?
Jeder ist glücklich mit der Situation. Sie können ihren Wettbewerb haben, nur nicht bei der Batterie.

2018/19 kommt das futuristische Auto der zweiten Generation. Mit welchen Gedanken schauen Sie auf die kommende Saison?
Das ist ein riesiger Schritt für uns. Das Auto ist unglaublich, es sieht unfassbar gut aus. Die Leute, die es sehen, sagen nur: «Wow!» Es hilft uns, unsere Attraktivität weiter zu erhöhen, vor allem bei den jüngeren Generationen.

Wie wichtig ist es, dass das Auto nicht mehr gewechselt werden muss?
Sehr wichtig, weil das dafür steht, wie sich die Technologie entwickelt. Als wir 2014 starteten, hatten wir zwei Autos, die eine improvisierte Lösung waren. Es ging zwar ganz gut mit ihnen. Aber jetzt, nach nur vier Jahren, demonstrieren wir, was für Riesenschritte möglich sind. Mit einer doppelt so hohen Leistung der Batterie, mit mehr Power im Auto.

Sie lockten viele Hersteller an, Audi stieg als Werksteam ein; Porsche, BMW, Mercedes stossen dazu . . .
. . . vier deutsche Automarken in einer Serie, das gab es noch nie.

Was sagt das über die Formel E?
Dass sie zu einer Plattform geworden ist, zu einer Vitrine für Elektromobilität, und dass die Industrie in diese Richtung gehen will.

Wie sehr profitierten Sie vom Diesel-Skandal?
Diese schlechte Nachricht war für uns positiv, weil die Autoindustrie die Elektri­fizierung schneller vorantreibt. So wurde auch die Formel E attraktiver. Diese Entwicklung hätte es ohnehin ­gegeben, nun kam sie einfach schneller.

Die Formel E reist um die ganze Welt, produziert viel CO2. Ist das grün?
Will ich ein Omelett machen, muss ich dafür Eier zerschlagen. Übertragen auf uns heisst das: Wir reisen um die ganze Welt, um die Elektroautos zu bewerben. Auch dank uns werden Millionen von herkömmlichen Autos durch Elektrowagen ersetzt, das reduziert den CO2 in riesigem Masse. Wir produzieren also mit unserer Reiserei einen Bruchteil der CO2-Emissionen, tragen gleichzeitig aber dazu bei, dass künftig Tonnen von CO2 eingespart werden.

Wie wichtig ist in Ihrem Werbezug für Elektromobilität der Rennsport? Formel-1-Chef Chase Carey sagt, die Formel E sei nur eine Strassenparty.
Wir wollen auch eine Strassenparty sein! Wir wollen offen sein für Familien, für Kinder, für gewöhnliche Menschen, deshalb halten wir auch die Eintrittspreise tief. Die Leute sollen Spass haben. Aber wir haben auch sehr gute Rennen, grossartige Fahrer, eine hervorragende Technologie. Und all die Hersteller, die hier sind oder dazustossen, Porsche, Jaguar oder Nissan, ich glaube nicht, dass die nur kommen, um eine Strassenparty zu feiern. Die kommen wegen des Sports.

Die Formel E fährt in Hongkong, Paris, New York – passt die Kleinstadt Zürich in diesen Kalender?
Zürich ist eine Art Symbol für die Veränderung, die die Formel E vorantreiben will. In der Schweiz waren Rundstreckenrennen für über 60 Jahre verboten, das wurde nun für uns geändert. Das ist ein Zeichen dafür, wie die Städte uns wahrnehmen: Sie glauben daran, dass die Formel E ihnen zu einer saubereren Mobilität verhelfen kann. Darum ­machen sie die Tür auf. Dass wir in der Schweiz fahren dürfen, in Zürich, ist grossartig, wir haben hier viele unserer Partner, Julius Bär, ABB, TAG Heuer. Die Schweiz ist super wichtig für uns.

Aus 120 Meter Höhe: Das ist die 2,46 Kilometer lange Formel-E-Strecke in Zürich. Video: Lea Koch, Adrian Panholzer, Aline Bavier

Erstellt: 09.06.2018, 14:30 Uhr

Alejandro Agag (47)

Selbst der König kam zu seiner Hochzeit

Als Alejandro Agag 2002 heiratete, kamen König Juan Carlos, der damalige britische Premierminister Tony Blair, Silvio Berlusconi. Der Grund: Der Spanier gab sein Jawort Ana Aznar Botella, Tochter von José María Aznar, damals Ministerpräsident Spaniens. An dessen Seite hatte Agag zuvor politisiert. Während seines Studiums in Betriebswirtschaftslehre war er dem konservativen Partido Popular (PP) beigetreten. Als dieser 1996 bei den Parlamentswahlen gewann, wurde er persönlicher Berater von José María Aznar.

Bei der Europawahl 1999 holte Agag für die PP einen Sitz im Europäischen Parlament und wurde erst Generalsekretär der Europäischen Volkspartei, dann der Christlich Demokratischen Internationalen. Doch Agag wollte seine unternehmerische Karriere vorantreiben. 2003 verabschiedete er sich aus der Politik, beriet Unternehmen in den Bereichen Energie, Medien und Telekommunikation. Er gründete die Investmentfirma Addax Capital, ging von 2009 bis 2013 mit dem Team Barwa Addax in der GP2- und GP3-Serie an den Start.

In der Formel 1 setzten Ferrari, McLaren und Renault auf seine Dienste und Kontakte. Mit Flavio Briatore, Zampano Bernie Ecclestone und einem indischen Investor kaufte er 2007 den englischen Zweitdivisionär Queens Park Rangers. Der Plan: Aufstieg, Verkauf. 2011 war es so weit. Als Agag im gleichen Jahr mit FIA-Präsident Jean Todt und Antonio Tajani, heute Präsident des Europäischen Parlaments, in einem Pariser Restaurant sass und auf einem Bierdeckel die Zukunft des Motorsports skizzierte, sah er das nächste Geschäft. 100 Millionen Euro soll er in die Formel E investiert haben. Der Bierdeckel hängt in diesem Restaurant an der Wand. Als Skizze von etwas, das gross werden könnte. (rha)

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