Formel E lässt Frauen in Saudiarabien rasen

Acht von elf Teams setzten beim Testtag in Diriyya auf Pilotinnen. Ausgerechnet dort, wo Frauen noch nicht lange am Steuer sitzen dürfen.

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Erst seit dem 24. Juni dieses Jahres ist es Frauen in Saudiarabien gestattet, Auto zu fahren. Der Wüstenstaat war bis zu diesem Tag das einzige Land der Welt, in dem Frauen nicht selber einen PW steuern durften. Global war dieses Verbot des konservativen Königreichs auf Unverständnis gestossen und kritisiert worden. Kaum wurde es aufgehoben, tauschten viele Frauen ihre ausländischen Führerscheine in saudiarabische Papiere um. Die Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers schätzt, dass in Saudiarabien bis 2020 rund drei Millionen Frauen einen Fahrausweis erhalten können. Sie dürfen neben Autos nun auch Motorräder, Lieferwagen und Lastwagen fahren.

Kein halbes Jahr ist die Gesetzesänderung her, da führt die Formel E einen aussergewöhnlichen Testtag auf der Arabischen Halbinsel durch. Am Sonntag, dem Tag nach dem Startrennen zur fünften Meisterschaft, fand in Diriyya auf dem gleichen Kurs der erste Testtag während der Saison statt. Das Besondere daran: Acht von elf Teams setzten weibliche Testfahrerinnen ein.

Einen expliziten Grund für diese Aktion nannten die Organisatoren nicht. «In Zusammenarbeit mit dem Veranstalter vor Ort haben sich die Verantwortlichen der Formel E auf einen Tag mit verstärkter weiblicher Präsenz geeinigt», hatte das Magazin «Motorsport Total» im Vorfeld vermeldet.

Eine «Nachbarin» am Start

Die Formel E ist bekannt dafür, dass sie ihren eigenen Kurs einschlägt. Sie drehte ihren jüngsten Werbespot in der Wüste Saudiarabiens. Im Clip liefert sich Neueinsteiger Felipe Massa ein Duell mit einem Wanderfalken. Dazu wird erläutert, dass der Raubvogel ein Spitzentempo von 320 km/h erreiche, während der elektronisch angetriebene Bolide auf 280 km/h komme. Dennoch gewinnt der ehemalige Formel-1-Pilot das Rennen gegen das Tier.

Was die Rennserie mit ihrem Testpilotinnentag im Vorort der Hauptstadt Riad gewonnen hat, bleibt schleierhaft. Sicher ein wenig mediale Aufmerksamkeit, die aber in Europa bestimmt grösser ausfällt als vor Ort. Und es dürfte kaum das Ziel gewesen sein, den Frauen in Saudiarabien – in etlichen anderen Bereichen unterliegen sie weiterhin strengen Restriktionen – aufzuzeigen, dass und wie sehr sie nun selber auf das Gaspedal drücken dürfen. Das wissen inzwischen ja alle. Und eine Einheimische konnte nicht in ein Cockpit sitzen, zumindest nicht während der offiziellen Testfahrten. Das Team Virgin liess mit Amna al-Qubaisi zwar die erste Rennfahrerin aus dem Nahen Osten ans Steuer. Die 18-Jährige kann jedoch nur schlecht einheimische Frauen verkörpern, da sie in den USA geboren und aufgewachsen ist. Sie fährt unter der Flagge der Arabischen Emirate.

«Super positiver Testtag»

Al-Qubaisi und die sieben anderen Testpilotinnen kamen jedenfalls auf Touren. Beitske Visser schreibt beispielsweise auf Twitter von einem «wirklich coolen Tag im Auto!» und möchte «gleich wieder einsteigen». Zudem bedankt sich die für BMW-Andretti gestartete Holländerin höflich für die Gelegenheit, die ihr geboten worden sei. Diese Chance war saudiarabischen Frauen zuvor so lange verwehrt geblieben.

Auch die Schweizerin Simona de Silvestro aus dem Venturi-Team schreibt auf Twitter von einem «super positiven Testtag» und bedankt sich bei Felipe Massa, dass sie sein Auto ausleihen konnte. In diesem war die 30-Jährige die Schnellste der acht Rennfahrerinnen. Sie klassierte sich im 14. Rang. Ihre Zeit von 1:12,048 Minuten war um eine halbe Sekunde besser als der Rundenrekord von André Lotterer am Samstag im Rennen. Tagesbestzeit in den zwei dreistündigen Trainingssessions erzielte der Brite Sam Bird (Virgin) mit 1:09,668 Minuten.

FIA-Präsident posiert mit Rennfahrerinnen

Tatiana Calderon, Testfahrerin des Sauber-Teams in der Formel 1, stieg für das Team DS Techeetah ins Cockpit und berichtet auf ihrem Twitter-Account von einer «tollen Erfahrung». Für die 25-jährige Kolumbianerin war es auch eine Freude, FIA-Präsident Jean Todt in der Boxengasse zu treffen.

Der FIA-Präsident seinerseits postete stolz Fotos, auf denen zu sehen ist, wie Aseel al-Hamad ihn herumchauffiert. Die Rennfahrerin, die sich als Botschafterin ihres Landes sieht, gehört der FIA-Frauenkommission und dem saudiarabischen Motorsportverband an. Sie hatte die Aufhebung des Fahrverbots für Frauen in ihrem Land im Vorprogramm des GP Frankreich in Le Castellet in einem Formel-1-Boliden von Renault gefeiert.

Ein «saudischer PR-Trick»

Wie die Formel E die Testfahrerinnen in Saudiarabien in Szene gesetzt hat, passt längst nicht allen. Der «Spiegel» schreibt unter dem Titel «Das zynische Spiel mit den Frauen in der Formel E» von einem «saudischen PR-Trick», auf den die Autoindustrie hereinfalle. Der deutsche Branchendienst für Elektromobilität setzt auf Electrive.net mit «Formel E setzt in Saudiarabien Zeichen für Frauenrechte» auf eine komplett andere Schlagzeile.

Ganz kritisch betrachtet die «Süddeutsche» sogar den Saisonstart der Formel E am Rande der Wüstenstadt und begründet dies in einem ausführlichen Artikel.

(ddu)

Erstellt: 17.12.2018, 15:11 Uhr

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