1. Fussball-Club für Indiskretionen und Peinlichkeiten

Nach der Trennung von Trainer Peter Stöger und dem Abschied von Sportdirektor Jörg Schmadtke muss sich der 1. FC Köln nach Personal umschauen.

Köln-Präsident Werner Spinner(links) und Geschäftsführer Alexander Wehrle geben die Trennung von Trainer Peter Stöger bekannt.

Köln-Präsident Werner Spinner(links) und Geschäftsführer Alexander Wehrle geben die Trennung von Trainer Peter Stöger bekannt. Bild: Keystone

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Im Restaurant am Geissbockheim gab es Gänsekeulen, Rotkohl und Petersilienkartoffeln am Buffet, bei den Gästen herrschte fidele Sonntagsbratenstimmung. Was jedoch im Saal nebenan nicht für die Verantwortlichen des 1. FC Köln galt, der im Geissbockheim sein Zuhause hat. Wie Delinquenten waren Präsident Werner Spinner und Geschäftsführer Alexander Wehrle kurz vor halb eins erschienen, um die Trennung vom Trainer Peter Stöger zu verkünden.

Sie machten damit keine Neuigkeit bekannt - die bevorstehende Beurlaubung hatte sich tags zuvor herumgesprochen -, aber eine Nachricht, von der sie wussten, dass sie beim Publikum nicht gut ankommen würde. Der Trainer hatte sie das am Abend zuvor in Gelsenkirchen noch mal spüren lassen, als er nach dem 2:2 seiner Mannschaft beim FC Schalke 04 vor die Fankurve trat und sich leidenschaftlich feiern liess. Stöger erhielt die Ovationen nicht für den Achtungserfolg, den das Unentschieden beim Favoriten Schalke bedeutete, sondern für seine Arbeit in viereinhalb Jahren beim FC. Die hat ihn über das Sportliche hinaus in den Rang einer Institution gehoben. So applaudierten ihm die Leute für Erfolge und Verdienste, vor allem jedoch feierten sie ihn als Person und Persönlichkeit. Es wäre bloss folgerichtig gewesen, wenn die Oberbürgermeisterin den aus Wien stammenden Fussball-Lehrer noch am selben Abend zum Ehrenbürger ernannt hätte.

Nachfolger gab seine Verpflichtung zu früh bekannt

Es ist nicht so, dass ihm das jemand missgönnen würde in der Kölner Klubführung. Glücklich war man über die melodramatische Demonstration der Popularität trotzdem nicht. Sie machte das unangenehme Manöver noch schwieriger und zwang die Verantwortlichen noch mehr in die Defensive. Während die Vereinsvertreter überzeugt sind, dass sie aus der unseligen Situation das Bestmögliche machen, steht andererseits ein objektiver Befund: Nachdem sich vor fünf Wochen der Sportchef Jörg Schmadtke quasi selbst entliess, ist nun der Cheftrainer abhandengekommen, die Mannschaft steht mit drei Punkten am Tabellenende, die Suche nach Lösungen wird durch Indiskretionen, klubinterne Profilierungsversuche und öffentliche Personaldebatten erschwert.

Stögers vorläufiger Nachfolger Stefan Ruthenbeck, bisher Trainer der U 19- Mannschaft, verdarb sich den Einstand dadurch, dass er seine Spieler am Samstag wissen liess, er werde ab Sonntag die Profis betreuen. Prompt machte seine Mitteilung die Runde. «Das war unglücklich», tadelte Präsident Spinner. Ebenfalls am Samstag wurde publik, dass sich ein Angehöriger des FC-Mitgliederrates mit Dietmar Beiersdorfer in einem Kölner Hotel getroffen hatte. Ob er ein Mandat des Präsidiums hatte oder in eigener Initiative tätig wurde, ist nicht geklärt. Beiersdorfer, zuletzt Vorstandschef beim Hamburger SV, war bereits 2012 Kandidat als Sportchef des FC. Dass er nun den von Schmadtke verlassenen Posten einnehmen werde, haben weder Spinner noch Wehrle bestätigen wollen. Spinner versuchte, die unprofessionelle Peinlichkeit zu überspielen: «Vielleicht wollte Herr Beiersdorfer einen Weihnachtsmarkt besuchen.» Wehrle verwies darauf, er sei zur fraglichen Zeit auf dem Weg nach Gelsenkirchen gewesen. Die Lösung der Sportchef-Frage befinde sich, so der Geschäftsführer, «in den letzten Zügen».

«Ich weigere mich, zum jetzigen Zeitpunkt die zweite Liga auszurufen»

Peter Stöger wusste von seiner bevorstehenden Ablösung bereits am Freitag. Er selbst hatte den Anlass zum kurzfristig gefassten Trennungsbeschluss gegeben, als er am Donnerstag beklagte, im Zuge der sportlichen Krise seien «Werte» verloren gegangen, «Vertrauen, Respekt und Verantwortung» seien auf der Strecke geblieben. In der Klubführung war man mit diesen Vorwürfen nicht einverstanden, man war der Ansicht, dass man dem Trainer die Loyalität nicht vorenthalten habe.

Schon nach dem 0:3 gegen Hoffenheim vor der Länderspielpause Anfang November hatte man Stöger wissen lassen, dass man sich für den Notfall umsehen werde; Stöger habe dies als professionell aufgefasst. Nach dem bedrückenden 0:2 gegen Hertha vor acht Tagen erhielt Stöger eine letzte Frist, doch «danach ist einiges passiert, Dinge haben sich verändert, auch beim Peter», sagte Wehrle. Gemeint war der als Provokation aufgefasste Auftritt am Donnerstag.

Am Sonntagmorgen kamen die Kluboffiziellen im Beisein eines Anwalts mit Stöger zusammen, um die Details der Trennung zu fixieren. Mehr als zwei Stunden habe man die Lage «intensiv aufgearbeitet» und eine Einigung gefunden, «die wertschätzend ist», sagte Spinner. Finanziell hält sich der Schaden für den Verein vermutlich in Grenzen. Stöger hat zwar einen Vertrag bis 2020, dieser gilt jedoch nur für die Bundesliga, wie Wehrle erklärte. Im Abstiegsfall enden die fortlaufenden Zahlungen an den Trainer. Wobei die Kölner liebend gern weitere Überweisungen tätigen würden. Vom Saisonziel Klassenverbleib wollen sie sich nicht verabschieden: «Ich weigere mich, zum jetzigen Zeitpunkt die zweite Liga auszurufen», sagte Wehrle.

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass Stöger bei seinem letzten Einsatz als FC-Trainer der Videoassistent zur Hilfe kam, der in dieser Saison den Kölnern so viel Ärger eingebracht hat. Auf Schalke veranlasste der Fernsehrichter durch sein Eingreifen den Handelfmeter, den Sehrou Guirassy zu seinem zweiten Treffer nutzte. Optimale Ausbeute in einem Spiel, in dem der FC bloss dreimal aufs Tor schoss. So hinterliess Stöger seinem Nachfolger ein Hoffnungspünktchen. Im Winter soll ein neuer Trainer kommen. Dass Markus Anfang vom Zweitligatabellenführer Holstein Kiel ein Kandidat ist, wollte die FC-Führung nicht kommentieren.

Erstellt: 04.12.2017, 10:14 Uhr

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