1:8 – und dann startet der FCB durch

Der FC Basel muss zum Saisonauftakt nach Sitten. Da werden Erinnerungen wach. Und was für welche.

Tor um Tor um Tor um Tor: Gleich achtmal musste FCB-Keeper Pascal Zuberbühler hinter sich greifen. Video: SRF

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Heisser Tanz für den FC Basel zum Auftakt in die Super League. Er muss ins Wallis, zum FC Sion, und auch wenn die Statistik inzwischen klar für die Basler spricht: Gegen kaum einen Widersacher sind die Sittener jeweils so inspiriert wie gegen den grossen FCB. In der heimischen Trutzburg Tourbillon erst recht. Mit dem neuen Sion-Trainer Stéphane Henchoz wird das nicht anders sein.

Der Ruf der Sittener als Angstgegner des FC Basel rührt von einem ganz speziellen Spiel her vor 18 Jahren. Der Grossteil der Fans dürfte es erfolgreich verdrängt haben, aber 2001/02 musste Basel schon einmal zum Start einer neuen Saison ins Wallis, und was sich an jenem 5. Juli 2001, einem Mittwochabend, zutrug, verdiente einen Eintrag in die Geschichtsbücher des Schweizer Sports.

«Diese Schlappe wird den FCB noch lange beschäftigen.»«Blick»

Ein völlig entfesselter FC Sion, laut «Tages-Anzeiger» eine «mit Routiniers verstärkte Juniorenauswahl», traf und traf und traf. Fast jeder Schuss sass. 2:0 stand es zur Pause, und ab der 55. Minute ging es richtig los. Julien Poueys erzielte innert sieben Minuten einen Hattrick, und nachdem der junge Franzose ausgewechselt war, kam der noch jüngere Samuel Ojong und schoss ebenfalls drei Tore in sieben Minuten. 8:1 endete das Torfestival. Oder 1:8 aus Basler Sicht – der FCB war erledigt. «Die schlimmste Niederlage meiner Trainerkarriere», klagte Trainer Christian Gross.

Zubi chancenlos: Sion-Stürmer Julien Poueys erzielt einen Hattrick. Foto: Eric Lafargue

Und die Medien setzten zur Demontage an, kaum hatte die Saison begonnen. «Nacht der Schande», schimpfte der «Blick» und mutmasste: «Diese Schlappe wird den FCB noch lange beschäftigen. Der Druck auf den immer unbeliebteren Trainer Christian Gross ist gewaltig.» Die «Aargauer Zeitung» schrieb: «FCB, niene meh? Wenn das der neue FC Basel ist, dann gute Nacht.» Und im «Tages-Anzeiger» wehklagte Präsident René C. Jäggi: «Die Mannschaft ist im Moment nicht mehr als ein Scherbenhaufen.»

«FCB, niene meh? Wenn das
der neue FC Basel ist, dann gute Nacht.»
«Aargauer Zeitung»

Eine Mannschaft mit Spielern wie Pascal Zuberbühler, Benjamin Huggel, Murat und Hakan Yakin oder Oliver Kreuzer übrigens. Oder mit Massimo Ceccaroni, der FCB-Legende und bei fast jedem Gegentor insofern beteiligt, als dass er ständig zu spät kam. Hakan Yakin wurde noch vor der Pause vom Platz gestellt. Das einzige Basler Tor des Abends erzielte der baumlange George Koumantarakis.

Besonders kritisch war natürlich auch das Hausblatt «Basler Zeitung». «Welch ein gigantisches Debakel!», schrie dieses schon im ersten Satz und fuhr fort: «Ein einziges Desaster. Ein fürchterlicher Hammer zu Saisonbeginn. Ein identitätsloses Auftreten von Profis, denen vom FC Sion der letzte Funken Berufsstolz gezogen wurde wie ein Zahn, der nur noch faul und lose im Mundwerk sitzt.»

Und schliesslich fragte die BaZ sogar: «Herr Gross, sind Sie noch im richtigen Beruf?»

«Der brutale Zerfall, diese jämmerliche Darbietung lässt nichts Gutes hoffen.»«Basler Zeitung»

Diese knackige Frage gestellt hat ein gewisser Georg Heitz, damals Fussballjournalist bei der BaZ, Jahre später selber Akteur beim FC Basel: als Sportdirektor. Doch nach dem 1:8 hatte Heitz keine guten Gefühle für die Zukunft. Er schrieb: «Es war ein Offenbarungseid; obs allenfalls sogar die Folgen eines gemeinsamen Realitätsverlusts sind, muss der weitere Saisonverlauf noch zeigen. Aber der brutale Zerfall, diese jämmerliche Darbietung lässt nichts Gutes hoffen für alles, was noch kommen soll.»

Und wieder Tumult vor dem Basler Tor. Und wieder ein Tor. Foto: Eric Lafargue

Nun: Der FCB erholte sich ganz vorzüglich vom Hammerschlag. Das zweite Saisonspiel gewann er, Ende September war der Club bereits Tabellenführer, und er gewann schliesslich die Qualifikation. Als Favorit ging Basel daher in die Finalrunde, gab sich da keine Blösse und wurde nach einem 3:0 in Bern vier Runden vor Schluss Schweizer Meister. Zum ersten Mal nach 1980. «Den gemeinsamen Traum erfüllt», jubelte nun die «Basler Zeitung». «Es ist dies der unbestrittene (erste?) Höhepunkt einer neuen Basler Fussballzeit.»

«Es ist dies der Höhepunkt einer neuen Basler Fussballzeit.»«Basler Zeitung»

Retrospektiv betrachtet, war sogar das Fragezeichen in der Klammerbemerkung unnötig. Alimentiert von Zuschüssen der Mäzenin und späteren Präsidentin Gisela Oeri, qualifizierte sich der FCB gleich 2002/03 erstmals für die Champions League – und sorgte erstmals (aber nicht letztmals) für Furore. Mit Christian Gross an der Seitenlinie wurde Basel noch dreimal Schweizer Meister. Und ab 2010 folgten nicht weniger als acht Meistertitel in Serie. Über 100 Millionen Franken Jahresumsatz machte der FCB zwischenzeitlich – auch dank des einstigen Fussballjournalisten Georg Heitz.

Was also alles aus einem 1:8 werden kann.

Andererseits: Es war ein 1:7 im vergangenen September gegen YB, den neuen Dominator der Super League, das eines eindrücklich belegte: Die Basler Fussballzeit ist fürs Erste vorbei.


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

Die Premieren-Sendung ist zu hören auf Spotify, bei Apple Podcasts oder direkt hier:

Erstellt: 19.07.2019, 15:32 Uhr

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